Futter für die Ohren mit Underworld, Biffy Clyro, Dude York, Cassels und (Sandy) Alex G.


Underworld Drift episode Review Kritik

Rick Smith und Karl Hyde arbeiten im Wochenrhythmus. Foto: Beats International/Rob Baker Ashton

Ein Mega-Projekt ist das, nicht nur in logistischer Hinsicht, sondern auch in kreativer: Unter der Adresse www.underworldlive.com veröffentlichen Underworld ein Jahr lang jede Woche ein neues Werk, insgesamt also 52 Tracks, Filme oder Texte. Oft arbeiteten Rick Smith und Karl Hyde dabei mit Gästen zusammen, wie spannend die Ergebnisse sein können, zeigten sie (neben den Veröffentlichungen online) zwischendurch schon auf den EPs Drift Episode 1 und 2. Bald wird es eine Auswahl dieser Werke auch in Albumform geben. Der schlüssigerweise Drift Songs betitelte Longplayer erscheint am 25. Oktober und wird das erste Underworld-Album seit dem Grammy-nominierten Barbara, Barbara We Face A Shining Future (2016) sein. Neben der regulären Version auf Vinyl und CD soll es auch ein Box-Set mit allen Musik-, Bild- und Textstücken geben, die während der einjährigen Arbeit erschienen sind – das ist dann auf einen Schlag mehr Material, als Underworld in den gesamten 15 Jahren zuvor veröffentlicht hatten. Als weiteren Vorgeschmack ist gerade die Single Soniamode (***1/2) in der Aditya Game Version erschienen. Die ursprüngliche Version war schon auf Drift Episode 2 – Atom enthalten. Hier wird der Track um Texte von Schriftsteller Aditya Chakrabortty in Form von politischen Imperativen angereichert, seine Tanzbarkeit und Abenteuerlust behält er ohnehin. Dass Underworld, die im Sommer im Rahmen ihrer zahlreichen Festivalauftritte auch beim Lollapalooza Berlin zu sehen sein werden, mehr als 20 Jahre nach Born Slippy noch „thrillingly relevant“ (The Times) sind, beweist das allemal.

Auch Biffy Clyro sind gerade dabei, die Grenzen dessen, was eine normale Rockband ausmacht, und ihren eigenen Horizont deutlich zu erweitern. Eines der Ergebnisse ist Balance, Not Symmetry, ein Spielfilm, den Frontmann Simon Neil zusammen mit Regisseur Jamie Adams (Black Mountain Poets, Songbird) geschrieben hat. Es geht um eine junge Amerikanerin, die in Glasgow studiert und dann vom plötzlichen Tod ihres Vaters aus der Bahn geworfen wird. Natürlich ließ es sich die Band nicht nehmen, auch den entsprechenden Soundtrack beizusteuern. Zum Titelsong (****) gibt es jetzt ein Video, das eine der gewohnt energischen Live-Performances der Schotten mit einigen Szenen aus dem Film kombiniert. Ist das noch einigermaßen nahe am vertrauten (und geschätzten) Sound von Biffy Clyro, wagt das Trio auf den weiteren Stücken des Soundtracks mit düsteren Balladen oder Instrumentals auch einige Experimente. Am 26. Juli wird es den Soundtrack auch auf Vinyl geben, die Arbeit an einem regulären neuen Studioalbum läuft auch schon. Wer noch mehr Biffy Clyro braucht, kann sie am 20. Juni beim Deichbrand in Cuxhaven erleben.

Ungefähr 22 Sekunden lang könnte man glauben, es gehe bei Falling (****) um die unangenehmen Folgen der Erdanziehungskraft. Aber natürlich verwenden Dude York dieses Verb im gleichnamigen Titelsong ihres neuen Albums nicht wie in „stürzen und zerbrechen“, sondern wie in „falling in love“. Dieses Fallen fühlt sich wie ein sehr angenehmer Taumel an, der sich ewig fortsetzen wird statt in einem Aufprall zu enden. Es geht ums Frischverliebtsein und den Glauben daran, wie viele Möglichkeiten dieses Gefühl eröffnet und wie viel Sicherheit es suggeriert. „Ich habe mich gefragt wie es sein würde, wenn Leidenschaft mit Pragmatismus einherginge. Aber ich hoffte insgeheim, dass, als es mir passierte, es keinen Zweifel geben würde. Es würde sich anfühlen wie zu fallen“, erklärt Sängerin/Bassistin Claire England den Ausgangspunkt für das Lied. Sie wollte damit also auch der Konventionierung der Liebe etwas entgegen setzen, die sich in so vielen Popsongs oder RomComs findet. Dieses Bekenntnis zu einer beinahe naiven Romantik soll auch das zweite Album des Trios aus Seattle prägen, das am 26. Juli erscheinen wird. Dude York benennen etwa Jimmy Eat World oder The Killers als Referenzpunkte dafür – das dürfte ein großer Spaß werden.

 

Epithet, das 2017 veröffentlichte Debütalbum von Cassels, war für Shitesite eines der Alben des Jahres. Jetzt ist endlich ein Nachfolger absehbar: Am 6. September veröffentlicht das Duo aus London The Perfect Ending. Die gleichnamige Vorab-Single (****) ist bereits verfügbar und zeigt, dass Jim Beck (Gitarre und Gesang) und Loz Beck (Schlagzeug) nichts von ihrem Ehrgeiz, ihrer Fantasie und ihrer Relevanz verloren haben. „Der Titel The Perfect Ending ist mein Versuch, die Tatsache, dass der Klimawandel uns alle töten wird, etwas positiver darzustellen,“ sagt Jim Beck. „Ich dachte, es wäre interessant mal zu versuchen, auf eine Weise über Umweltfragen zu schreiben, die weder didaktisch noch predigend wirkt. (…) Für mich ist die Auslöschung der Menschheit ein Happy End. (…) Wenn man mal über unseren Beitrag zum gesamten Planeten nachdenkt, haben wir es absolut verdient zu sterben. Wir sind die einzige Spezies, die intelligent genug ist um zu erkennen, dass wir uns selbst und die Welt, in der wir leben, töten, und gleichzeitig zu gierig sind, um etwas dagegen zu unternehmen.“ Passend dazu erweist sich das zunächst unspektakulär wirkende Video als Geschichte darüber, dass die Pflanzen sich gegen die Menschen verschwören, um diese Plage endlich loszuwerden. Politisch soll auch der Rest des Albums werden, mit Liedern beispielsweise über sexuelle Gewalt, die perfiden Auswirkungen der Schuldumkehr und dem seltsamen Verständnis, das man in England vom Wort „Liberalismus“ hat. Nach einer gerade abgeschlossenen UK-Tour mit Brutus sind für den Sommer weitere Konzerte in ganz Europa geplant.

An Produktivität hat es Alex Giannascoli alias (Sandy) Alex G. noch nie gemangelt. Schon bevor er 2015 bei Domino sein weitgehend als Debüt wahrgenommenes Beach Music vorlegte, hatte er sechs Alben in Eigenregie veröffentlicht. Kein Wunder also, dass er – kaum, dass Rocket 2017 erschienen war – bereits mit der Arbeit an neuen Songs zuhause in Philadelphia begann. Das Ergebnis wird am 13. September das Licht der Welt erblicken und den Titel House Of Sugar tragen. Als ersten Einblick ins neue Album gibt es den Song Gretel (***1/2). Das Lied erklärt zum einen, was es mit dem House Of Sugar auf sich hat: Der Mann, den Fader einmal „America’s greatest living songwriter“ genannt hat, findet sich hier in derselben Situation wieder wie Gretel in Grimms Märchen auf dem Weg zum Lebkuchenhaus: Er wird von einer Versuchung angelockt, der er zu widerstehen versucht, weil er weiß, dass sie ihm nichts Gutes einbringen wird. „Good people got something to lose / …/ Good people gotta fight to exist“, heißen zwei der zentralen Zeilen. Worin diese Versuchung besteht, bleibt zwar so offen und geheimnisvoll, wie man das bei diesem Künstler gewohnt ist. Trotzdem zeigt Gretel, dass es neben einer sehr spontanen und organischen Atmosphäre bei Alex G. diesmal auch etwas mehr Lust auf die Arbeit an Details gibt, die auch das neue Album prägen soll.

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