Hingehört: Atari Teenage Riot – „Reset“


Künstler Atari Teenage Riot

Auch mit "Reset" liefern Atari Teenage Riot ein Inferno.

Auch mit „Reset“ liefern Atari Teenage Riot ein Inferno.

Album Reset
Label Digital Hardcore
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Es gibt nicht viele Bands, bei denen man (zumindest ein kleines bisschen) Angst hat, bevor man bei einem neuen Album auf „Play“ drückt. Atari Teenage Riot, die heute ihren sechsten Longplayer veröffentlichen, sind allerdings so ein Fall. Und, so viel vorab: Auch diesmal sollten sich die Ohren warm anziehen, der Magen sich auf ein paar Tiefschläge gefasst machen und das Hirn in höchster Alarmbereitschaft sein. Auch auf Reset klingen sie wieder gemein, gehässig und gewalttätig, unerbittlich, unzufrieden und unheimlich.

Trotz solcher Kontinuitäten betrachtet das Trio die Platte allerdings auch als Neuanfang. “Reset ist die Taste bei unserem Atari-Computer, die alles löscht und aus dem RAM entfernt. Bei neuen Computern geht das gar nicht mehr so einfach. Für uns ist das eine Metapher: Vergiss manchmal, was in der Vergangenheit war, und wer in einem Streit recht hatte, sondern starte neu durch. Finde Lösungen für die Zukunft“, sagt Alec Empire, der als Mastermind von Atari Teenage Riot hier wieder von Nic Endo (auch gelegentlich als Songwriterin) und dem neuen MC Rowdy Superstar unterstützt wird.

Die Gefahren des Überwachungsstaats sind dabei das wichtigste Thema. Die Soundzutaten sind weitgehend das übliche Digital-Hardcore-Inferno. Der Opener J1M1 ist brachial, der Gesang von Alec Empire klingt manchmal wie HP Baxxter ohne den geringsten Sinn für Humor, der Beat sollte eigentlich unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen, die Gitarre ist ein aggressives Monster.

In Street Grime klingt Nic Endo wie eine Prophetin, während im Hintergrund The Prodigy ihre alten Instrumente zerschreddern, in New Blood ist ihre Stimme ätzend wie Schwefelsäure. So wie die letzten Minuten von Transducer muss das Fegefeuer klingen. Der Titelsong führt vor Augen, wie man sich die Szene vorstellen muss, in der Aliens ein Konzert von AC/DC entern. So wie Death Machine würde HipHop vielleicht klingen, wenn er wirklich gefährlich wäre.

So viel Lärm, Wut und Angriffslust hätte sich bei einer Band nach mehr als 20 Jahren längst abgenutzt und würde lächerlich wirken, wären die Themen von Atari Teenage Riot nicht so aktuell und ihr Aufbegehren nicht weiterhin genauso wichtig. Am Ende von Erase Your Face ziehen sie Parallelen zwischen NSA, Stasi und Gestapo. Modern Liars (mit einer Strophe wie ein Killerkommando und einem fast mädchenhaften Refrain) widmet sich der Allmacht der Daten und ihrem Dual-Use-Charakter. „Algorithms, algorithms / have you found your new religion? / data hell or road to freedom / tweak technology”, schreit Alec Empire, um später zu betonen, dass es nicht die Computer sind, in denen das Böse steckt, sondern die Menschen, die diese Computer bedienen.

Auch der Schlusspunkt We Are From The Internet zeigt: Trotz der Brutalität, für die ihr Sound steht, hassen Atari Teenage Riot die Menschen nicht. Im Gegenteil: Sie preisen in diesem Track den Wert jedes Einzelnen. Was sie hassen, ist eine Welt, die diesen Wert jedes Einzelnen mutwillig mit Füßen tritt. „Niemand braucht eine weitere düstere Vision der Zukunft von uns. Jeden Tag kommen Wahrheiten ans Licht über Gewalt, Überwachungstechnologien, Korruption. Darauf brauchen wir nicht hinzuweisen“, betont Alec Empire. „Worum es auf Reset geht, ist, dass du als Hörer eine Menge Kraft aus der Musik ziehen kannst, um das alles zu bewältigen. So fühlen wir uns gerade. Freunde aus der Hacker-Szene und Aktivisten arbeiten an konkreten Lösungen. Jetzt ist nicht die Zeit, sich zu beschweren. Jetzt geht es darum, loszulegen. Oder wollen wir die Welt denen überlassen, die wir verachten?“

Beim Video zu Death Machine fragt man sich, warum nicht alle Tracks von Atari Teenage Riot so heißen.

Homepage von Atari Teenage Riot.

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