Hingehört: Digitalism – „I Love You, Dude“ 1


Neues Logo, neues Bandgefühl: Digitalism sind nun beinahe ein Organismus.

Neues Logo, neues Bandgefühl: Digitalism sind nun beinahe ein Organismus.

Künstler Digitalism
Album I Love You, Dude
Label V2
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***1/2

Um ein Haar hätte das neue Album von Digitalism den Namen Tourism bekommen. Nur aus einem Grund hat sich die Band dann dagegen entschieden. Nach dem Debüt Idealism, mit dem die beiden Hamburger vor vier Jahren zu so etwas wie einem deutschen Electro-Exportschlager geworden waren, wäre es „das nächste -ism gewesen. Und wir wollten uns nicht zu sehr auf diese Masche festnageln lassen“, erklärt Ismail „Isi“ Tuefekci, der nicht singende Teil des Duos, im Interview.

Stattdessen hat er sich gemeinsam mit seinem Digitalism-Kollegen Jens Moelle für I Love You, Dude entschieden. Der eher lässige, etwas pauschal klingende Spruch „bezieht sich darauf, dass viele Leute zu viel nachdenken und zu verkrampft mit vielen Dingen umgehen. Wir wollten die Message weitergeben: Bleibt doch mal ein bisschen entspannt – auch, weil wir selbst ganz entspannt an die Arbeit am zweiten Album herangegangen sind“, verrät Tuefekci.

I Love You, Dude ist ein durchaus passender Titel. Denn die Leichtigkeit merkt man der heute erscheinenden Platte sofort an. Alles klingt satt und stylisch, druckvoll, aber elegant, zudem hat die CD eine sehr gelungene Dramaturgie. So wird das zweite Digitalism-Album nicht nur zu einem würdigen Nachfolger für Idealism. Es ist auch eine der ganz wenigen Electro-Platten, die man ganz laut im Club hören kann, die aber auch als leise Nebenbei-Musik funktionieren.

Ein bisschen schade ist es trotzdem, dass dieses Werk nicht Tourism heißt. Denn dieser Titel hätte noch mehr Sinn gemacht. Zum einen könnte man damit darauf anspielen, dass Digitalism seit ihrem Durchbruch fleißig unterwegs waren und zu Stammgästen in Clubs und bei Festivals weltweit geworden sind. Zum anderen wäre es eine schöne Metapher für die Arbeitsweise von Digitalism: Die Hamburger besuchen auch auf I Love You, Dude alle möglichen aktuellen Ausprägungen von Club-Musik, sammeln ein paar Souvenirs ein und basteln dann zuhause ihre eigene Traumwelt zusammen.

Die Bandbreite reicht diesmal von brachialen, an The Prodigy erinnernden Krachern (Reeperbahn) bis hin zu luftig-leichten Nummern mit Flüsterstimme, die gut auf Airs 10.000 Hz Legend gepasst hätten (Just Gazin’). Das beinahe instrumentale Antibiotics verneigt sich vor dem Chaos-Techno von The KLF, auch Miami Showdown ist ganz und gar für die Tanzfläche gemacht. Im an LCD Soundsystem erinnernden Feger Circles schimmert Jens Moelles Vorliebe für härtere Sounds ebenfalls durch, das schon von EP bekannte Blitz hingegen zeigt eher die sanfte Seite von Digitalism.

Daneben stehen Songs wie das tolle 2 Hearts, eine lupenreine Indie-Hymne im Stile von Modest Mouse. Und, nicht zu vergessen, Forrest Gump, das keineswegs vertrottelt klingt, sondern eher an die Unerschütterlichkeit des gleichnamigen Filmhelden erinnert. Das Stück entstand in Zusammenarbeit mit Julian Casablancas, dem Sänger der Strokes, und zwar per E-Mail. „Wir haben ein Demo gehabt, haben das an sein Management geschickt und er hat sich prompt zurück gemeldet. Wir haben dann seine Idee übernommen und weiter damit gearbeitet“, sagt Tuefekci. „Wir waren ehrlich gesagt selbst ein bisschen überrascht: Wow, so ein Typ wie Julian Casablancas hat Lust, etwas mit uns zu machen! Leider war er dann ziemlich unter Zeitdruck. Er musste noch das Strokes-Album schreiben, war gerade auf Tour, dann stand eine Promo-Tour an und er war auch noch gerade Vater geworden. Das machte es ein bisschen kompliziert. In jedem Fall hat er uns gesagt, dass er ein ziemlicher Fan unserer Musik ist.“

„And then you run“, heißt die zentrale Zeile in Forrest Gump, und auch das auf I Love You, Dude immer wieder auftauchende Motiv der Bewegung hätte für Tourism als Titel gesprochen. Vor allem aber hätte dieser Titel auch gezeigt, wie sehr die Live-Erfahrung die Band verändert hat. Das zweite Digitalism-Album ist geschlossener, organischer, extremer als das Debüt. „Unser erstes Album klang noch ein bisschen nach Outer Space. Das neue ist auf der Erde gelandet. Es achtet mehr auf Songs, Menschlichkeit, Tiefe“, betont Jens Moelle. Und auch Tuefekci bestätigt, dass das vor allem auf die Konzerte zurückführen ist, die er in den vergangenen vier Jahren mit Jens Moelle gegeben hat. „Diese Erfahrung hat Digitalism wirklich verändert. Wir haben viel gesehen und viel erlebt. I Love You, Dude ist auf jeden Fall aus einer ganz anderen Perspektive heraus entstanden. Wir sind jetzt wirklich eine Band. Eine Zwei-Mann-Band, auch wenn das vielleicht komisch klingt.“

Das Video zu 2 Hearts zeigt, was die Zukunft bringt: Eine sehr, sehr ausgereifte Variante von Air Hockey:

Digitalism bei MySpace.

Eine leicht andere Version dieser Rezension gibt es auch bei news.de.


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