Hingehört: Daughn Gibson – „Carnation“


Künstler Daughn Gibson

Cover des Albums "Carnation" von Daughn Gibson

„Carnation“ will erlesen sein, wird aber bloß affektiert.

Album Carnation
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

In den unendlichen Weiten des musikalischen Kosmos gibt es, das muss ich gestehen, ein paar Klänge, auf die ich allergisch reagiere. Dazu gehört die Stimme von Dave Gahan. Der dämliche Gestus, sich selbst exorbitant genial, den Rest der Welt aber unerträglich schäbig zu finden (der sogenannte Morrissey-Komplex). Und der schlecht unterdrückte Wunsch von Singer-Songwritern, bei all ihren Konzerten als trauriger Clown aufzutreten, in einem vom Varieté inspirierten Bühnenbild.

Daughn Gibson hat wahrscheinlich niemand über meine Abneigungen informiert, denn er bietet auf Carnation gleich all dies zugleich. Ich wäre natürlich launisch professionell genug, um darüber hinwegzusehen, wenn er auf seinem in Seattle aufgenommenen dritten Album ein paar famose Songs zu bieten hätte. Leider ist das nicht der Fall.

Carnation ist so eine Platte, auf der jemand (genauer gesagt: Produzent Randall Dunn) als zuständig für das Sound Design gekennzeichnet wird. Im Booklet sind einzelne Textzeilen (die Lieder von Daughn Gibson handeln besonders gerne von der Suche nach Identität und Orientierung) kursiv gesetzt, damit man auch wirklich merkt, wie bedeutend und poetisch sie sind. Im Presse-Info werden Filmregisseure (natürlich: Pier Paulo Pasolini und Tim Burton) als wichtige Referenzen genannt. Alles ist musikalisch sehr kompetent und klanglich sehr ausgereift. Aber stinklangweilig.

Runaway And The Pyro klingt, als würde Chris Isaak in einem Sumpf halb verfaulter Lounge-Klänge ersaufen. A Rope Ain’t Enough könnte das erste Lied der Welt werden, das es schafft, sich selbst einzuschläfern. Shine Of The Night hat das schlimmste Saxofon-Solo seit Phil Collins noch Popmusik gemacht hat. In I Let Him Deal droht der Refrain ein paar Töne lang, eingängig zu werden, wird dann von Daughn Gibson aber sicherheitshalber schnell ins Chaos gestürzt.

Es ist nicht so, dass Carnation nicht seine Qualitäten hätte. Daughn Gibson, der auf seinen beiden ersten Alben noch ein gutes Stück näher am Country war, setzt weiterhin oft eine Pedal-Steel-Gitarre ein, was im Zusammenspiel mit den diesmal eher sphärischen Klängen überraschende Effekte hat. Heaven You Better Come In profitiert von einem mondänen Sound à la Last Shadow Puppets und einem geflüsterten Gesang, der fast wie eine Beichte wirkt. Back With The Family bekommt eine reizvolle Atmosphäre hin.

In It Wants Everything ist die Musik spannend, aber der Gesang bleibt leider wieder einmal im Modus der Selbstbeweihräucherung und bietet nichts, was da mithalten könnte. Die Single Shatter You Through bietet einen entschlossenen Beat und eine Geige, die heimlich mit pentatonischen Klängen flirtet, was das Ergebnis in Richtung Bryan Ferry rücken lässt und drei Minuten lang interessant ist – leider dauert der Track aber 4:24 Minuten.

Alles will erlesen sein auf Carnation, und doch wird es bloß affektiert. Denn Daughn Gibson fabriziert Musik, die er offensichtlich an erster Stelle für sich selbst macht, an zweiter Stelle fürs Feuilleton, an dritter für seine sicherlich enorm kreativen Freunde und dann erst irgendwann für ein Publikum. Das ist eindeutig die falsche Reihenfolge.

Weder Pasolini noch Tim Burton: Das Video zu Daddy, I Cut My Hair.

Daughn Gibson bei Facebook.

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