Hingehört: Daughn Gibson – „Me Moan“


Auch auf "Me Moan" hat Daughn Gibson eine Vorliebe für das Finstere.

Auch auf „Me Moan“ hat Daughn Gibson eine Vorliebe für das Finstere.

Künstler Daughn Gibson
Album Me Moan
Label Sub Pop
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Man könnte es sich einfach machen mit der Rubrizierung von Daughn Gibson: Ein durchaus passendes Etikett für den Mann aus Carlisle, Pennsylvania, wäre „Johnny Cash mit Laptop“. Mit dem Man in Black hat er nicht nur die eindrucksvolle Bariton-Stimme gemeinsam, sondern auch eine Vorliebe für die unerfreulichen Seiten des Lebens. Sein im vergangenen Jahr erschienenes Debütalbum trug bezeichnenderweise den Titel All Hell, den Nachfolger hat er nun Me Moan genannt. Im Gegensatz zu Cash ist er aber nicht mit Gitarre unterwegs, sondern mit Computertechnik: Die Songs von Daughn Gibson basieren größtenteils auf Samples. Kein Wunder: Der Mann ist gelernter Schlagzeuger, der Beat und rhythmische Komplexität sind hier entsprechend wichtige Merkmale.

Phantom Rider ist ein gutes Beispiel dafür: Daughn Gibson singt so bedrohlich wie Dave Gahan es in seinen feuchten Träumen gerne wäre, der Track ist reduziert und beinahe maschinell, wunderbar für die Grufti-Disco. In The Right Signs dominieren ein verstörendes Stakkato und Trommeln wie auf dem Weg zum Schafott. Mad Ocean wird funky, tanzbar und verdammt cool – auch wegen eines Instruments, das verdächtig nach Dudelsack klingt. You Don’t Fade hat viel Elektronik und verfremdete Stimmen zu bieten, die gelegentlich ebenfalls wie Schlagwerk eingesetzt werden.

Noch wichtiger als der Rhythmus ist auf Me Moan aber etwas anderes: die Retrospektive. Gibson erzählt ganz oft aus dem Blickwinkel des Enttäuschten und Betrogenen; verpasste Chancen und gebrochene Versprechungen sind wichtige Themen. The Sound Of Law ganz am Anfang des Albums beispielsweise lässt ihn mit Surfgitarre und Trommelwirbeln wirken wie einen, der gerade eine richtig schlimme Neuigkeit erfahren hat und dann auch noch mitten in ein Erdbeben hinein gerät. Won’t You Climb oder Kissin‘ On The Blacktop mit seinem aufreizenden Gitarrensolo sind fast klassische Songs über das Bedauern, das könnte auch von Buddy Holly sein oder von Eddie Cochrane. Auch Franco könnte man mit einer etwas großzügigen Interpretation des Begriffs im Prinzip einen „Popsong“ nennen. Das verschleppte The Pisgee Nest lässt mit seiner Slide-Gitarre an einen düsteren Chris Isaak denken.

Als man sich gerade ein bisschen mehr Abwechslung wünscht oder den einen oder anderen Ausreißer in Sachen Klasse (die Klangarchitektur steht hier trotz dieser Stimme und trotz dieser Texte meist echter Verzweiflung und berührenden Momenten im Weg), wird das in Chicago aufgenommene Me Moan immerhin noch ein bisschen finsterer. Das quasi akustische All My Days Off ist herrlich verloren, inklusive Zeilen wie „All my endless Saturdays / Don’t care anymore / About the messes I leave / All my days off“ und einer Romantik, die immer mit der Nähe zur Ironie flirtet. Das gilt auch für den Rausschmeißer Into The Sea, der von einem luftigen Klavier getragen wird. David Bowie, Nick Cave oder Leonard Cohen sind dann die Bezugspunkte, an die man bei diesen beiden Tracks spontan denken muss. Bezeichnenderweise sind sie alle keine Amerikaner, aber fasziniert von der amerikanischen Ikonografie und entsprechend liebevoll und zugleich respektlos im Umgang mit ihr. Das trifft definitiv auch auf Daughn Gibson zu. Und galt früher mal für Johnny Cash.

Daughn Gibson spielt You Don’t Fade live, Hose und Shirt sind eindeutig schwarz.

Homepage von Daughn Gibson.

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