Hingehört: Bob Dylan – „Another Side Of Bob Dylan“ 2


Der Protest ist auf „Another Side Of Bob Dylan“ vorbei.

Künstler Bob Dylan
Album Another Side Of Bob Dylan
Label Columbia
Erscheinungsjahr 1964
Bewertung ****

Mit dem Titel Another Side Of Bob Dylan war der Meister selbst nicht glücklich. „It seemed like a negation of the past which was in no way true“, sagte er. Das ist aber auch nur die halbe Wahrheit. Denn auf diesem, in zweimal drei Stunden im Juni 1964 aufgenommenen Album wendet sich Bob Dylan erstmals fast komplett ab von den Protestsongs seiner ersten Platten.

Nur die gewohnt wortgewaltigen Chimes Of Freedom und My Back Pages gemahnen noch an den Aktivismus der Anfangsjahre. Die restlichen Songs sind „mal brutal, mal rührselig, stets aber höchst privat und selbstreferenziell“, hat der Rolling Stone ganz richtig erkannt. Gottfried Blumenstein hat es in seiner Dylan-Biographie Mr. Tambourine Man noch klarer auf den Punkt gebracht: „Für Bob Dylan war bereits Ende 1963 vorbei, was für den Rest der amerikanischen Jugendlichen zu Beginn der 1970er Jahre endgültig zusammenbrach: die frohgemute Hoffnung, dass sich diese Gesellschaft sofort und jetzt ändern lassen würde.“

Für die Introspektive gab es noch weitere Gründe, etwa die Trennung von Suze, die Bob Dylan im epischen Ballad In Plain D eher schildert als verarbeitet. „Die Songs sind wahnsinnig ehrlich und nur aus dem Grund geschrieben, weil ich allein sein wollte und einfach so etwas schreiben musste“, gibt Dylan einen gewohnt kryptischen Einblick in den Entstehungsprozess.

Vielleicht war er damals nie aufrichtiger als in diesen Songs, die noch immer „durchdrungen von einer versengenden Intensität“ sind, wie die New York Times schon seinen frühesten Werken attestiert hatte. Schon der Opener All I Really Wanna Do schmerzt beinahe vor lauter Herzblut. Der Gesang ist aggressiv und erbarmungslos, die Gitarre kommt gegen diesen Sturm kaum an.

Im Black Crow Blues nimmt ein Klavier den Kampf mit der Stimme auf, traut sich aber auch nicht recht heran, als ob es fürchtet, damit womöglich einen Gewaltausbruch zu provozieren. Passend dazu droht Dylan in I Shall Be Free No. 10 keinem Geringeren als Muhammed Ali, ihn grün und blau zu schlagen. Das Stück ist scheinbar humorvoll und verspielt. „I’m a poet, I know it, hope I don’t blow it“, singt Dylan am Ende lakonisch. In Wirklichkeit ist das Lied ein eindrucksvolles Dokument von Dylans Wechselspiel mit verschiedenen Rollen und der deshalb empfundenen Identitätslosigkeit. Genauso geht es ihm in To Ramona, wo er die Liebe braucht, die er doch auch verflucht: „It’s all just a dream / a vacuum machine / that sucks you into feeling like this.“

Dass er seinen Stolz nicht verletzt sehen und seinen Egoismus nicht überwinden kann, zeigt I Don’t Believe In You. Wieder eine enttäuschte Hoffnung, wieder ohne Anerkennen der eigenen Schuld. Im Rausschmeißer zieht Dylan die Konsequenz: It Ain’t Me Babe, singt er, schreit er und meint er. „I’m not the one you want babe, I’m not the one you need“, singt Dylan. Er meint es als Vorwurf und merkt dabei vielleicht gar nicht, dass es auch ein Eingeständnis der eigenen Unvollkommenheit ist. Das packt er in einen Text, der gerade wegen seiner Plakativität so aktuell bleibt und dabei doch jederzeit unfassbar ernst und ehrlich ist.

Darin ist er einzigartig – und war es damals erst recht. Howard Sounes schreibt in seiner Dylan-Biographie Down The Highway ganz richtig: „Bob Dylan banged music in the 1960’s by bringing poetic lyrics to popular song. He was not afraid to say serious things in a medium that had never been taken particularly seriously, and did so with such deftness, wit and élan that he inspired others to follow. Almost every singer-songwriter of recent times owes him a debt.“

Irre: Johnny Cash singt It Ain’t Me Babe, man beachte die Tanzschritte:

Bob Dylan bei MySpace.


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