Hingehört: Bob Dylan – „Blonde On Blonde“ 3


„Blonde On Blonde“ zeigt Bob Dylan unerbittlich ehrlich, und ist doch Kunst.

Künstler Bob Dylan
Album Blonde On Blonde
Label Columbia
Erscheinungsjahr 1966
Bewertung *****

Was die Songs von Bob Dylan, bei allen Veränderungen, bei allen Hochs und Tiefs seines Schaffens, so einmalig macht, ist ihre Intensität, ihre Unerbittlichkeit und Ehrlichkeit. Das ist auf Blonde On Blonde so, und war schon an seinen frühesten Protestsongs so faszinierend. „Auch wenn es mitunter Schuljungenpredigten über den erbärmlichen Zustand der Welt waren, hatten sie doch eine außerordentliche Wirkung auf das Publikum, weil dieses das innere Beteiligtsein in den Liedern spürte“ (Gottfried Blumenstein). Gerade – vielleicht auch: ausschließlich – in seinen Songs entblättert und offenbart sich Dylan.

Er scheint sich seinem Werk gegenüber fast zur Aufrichtigkeit verpflichtet zu fühlen, weil die Musik auch zu ihm immer ehrlich war. „The reason that I can stay so single-minded about my music is because it affected me at an early age in a very, very powerful way and it’s all that affected me. It’s all that ever remained true for me“, hat er die Entstehung dieses Verhältnisses einmal geschildert. Aufschlussreich auch ein jüngeres Zitat: „Ich muss nur das Gefühl haben, dass die Songs wahr sind. Das ist es, was sie von anderen unterscheidet.“

Und wahr, weiß Gott, sind diese Songs. Rainy Day Woman No. 12 & 35 versucht zwar noch, sich in Zynismus zu flüchten. Nicht nur im Titel; auch der Sound (Dylan füllte die Musiker tatsächlich ab und zwang sie, die Instrumente zu tauschen, um das authentische „Everybody must get stoned“-Feeling zu kriegen) täuscht Zirkus vor und ist dabei doch nur eine Flucht.

Pledging My Time lässt dann schon die Hüllen fallen, Visions Of Johanna steht schließlich völlig nackt da. „We sit here stranded / but we’re all doing our best to deny it.“ Die Mundharmonika beißt sich zentimetertief ins Herz hinein, die Orgel verpasst ihm die letzte Ölung und Dylans Stimme klingt, als würde er die Grabrede halten.

Dass Dylan nicht nur erwachsen geworden ist, sondern auch reif und weise, daran lässt Blonde On Blonde keinen Zweifel mehr. Auch Ed Freeman musste feststellen: „Früher klang Dylan wie ein Lungenkranker, der Woody Guthrie singt. Heute klingt er wie ein Rolling Stone, der Immanuel Kant singt.“

In den komplexeren Stücken lässt Dylan seinem Können freien Lauf – und auch der „Spontaneität und Improvisationsfreude der Musiker. Von Produzent Bob Johnston mehr gekitzelt als organisiert, spielten sie organisch und orgiastisch“ (Rolling Stone). Das herzerweichende Temporary Like Achilles machen sie zu einem subtilen Vergnügen. Und natürlich Sad Eyed Lady Of The Lowlands, knapp zwölf Minuten fast überbordend vor Bewunderung, Begehren und Sprachgewalt.

Auf One Of Us Must Know (Sooner Or Later) klingt Bob Dylan wie Hermann Hesse. „I didn’t mean to tread you so bad / you just happened to be there, that’s all.“ Heinrich Heine hätte sicher seine Freude an I Want You gehabt. Das himmlische Just Like A Woman scheint Ernest Hemingway diktiert zu haben, und in genau dieser Liga spielt Dylans Lyrik auf Blonde On Blonde. Wie hat selbst Professor Christopher Ricks festgestellt: „The lyrics on Blonde On Blonde are avriously extraordinary and insinuatingly true.“

Adam Duritz von den Counting Crows singt Just Like A Woman:

Bob Dylan bei MySpace.


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