Depeche Mode – „Spirit“


Künstler Depeche Mode

Depeche Mode Spirit Rezension Kritik

„Spirit“ ist das 14. Studioalbum von Depeche Mode.

Album Spirit
Label Columbia
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Spirit ist das vierzehnte Studioalbum von Depeche Mode, und schon lange nicht mehr passte die Musik von Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher so gut in die Zeit wie diesmal. Ihre Vorliebe für Schwarzmalen und ihre Sehnsucht nach Buße für all den Mist, den die Menschheit als Ganzes und wir alle als Individuen verzapfen, erscheint angesichts von Donald Trump, Terrorgefahr, Finanzkollaps, Flüchtlingskatastrophe und Klimawandel angebrachter denn je.

„We’re going backwards / armed with new technology“, singt Dave Gahan zum Auftakt der Platte in Going Backwards, später kommt ein Satz, der als Quintessenz der gesamten Karriere dieser Band gelten kann: „We feel nothing inside / because there’s nothing inside“. Das Lied dazu klingt schwer und bedeutungsschwanger, als sei es immer bloß als Vorlage für ein Johnny-Cash-Cover konzipiert worden – vielleicht hat Depeche Mode niemand erzählt, dass der Man in Black seit 2003 tot ist.

Die Kombination aus engagierten, etwas plumpen Zeilen mit einer vergleichsweise explizit politischen Position (im Booklet sind alle drei sogar mit jeweils einem Vorschlaghammer abgebildet, die Fotos hat wieder einmal Anton Corbijn gemacht) und einem Sound, der noch etwas düsterer ist als üblich, setzt sich dann auf Spirit fort. “Who’s making your decisions? / You or your religion?”, lautet die Gretchenfrage in Where’s The Revolution. Da ist wieder die Slide-Gitarre, die schon in Personal Jesus so gute Dienste geleistet hatte, und da ist auch wieder eine Mehrdeutigkeit, die Depeche Mode manchmal sogar gegen ihren eigenen Willen heraufbeschwören. Denn es stellt sich die Frage: Wer fühlt sich hier gedemütigt? Das Volk? Die Aufrechten? Ein Despot, der sich wegen seines gekränkten Egos an den Schwächeren rächt?

Was neben den Texten auffällt, die oft genug Bezug zur Tagesaktualität zu haben scheinen, ist eine erstaunliche Feindlichkeit gegenüber dem Heute und erst recht mit Blick auf das Morgen: Immerhin war dies mal eine Band, die sich zur Avantgarde zählte. Dass sie nun unter anderem moderne Technologie und deren Folgen nicht mehr leiden kann, ist dann doch überraschend. Passend dazu erklingt in Poor Man der alte Keyboard-Sound von Sweet Dreams, immerhin sorgt er für eine stimmige Atmosphäre, die auch hier eine finstere Zukunft vorhersagt, die gar nicht mal so weit von der Gegenwart entfernt ist.

Gerade aus dem Gedanken, dass die Zeit ihnen davon läuft, scheinen Depeche Mode diesmal allerdings auch Inspiration geschöpft zu haben. Poison Heart wird kraftvoll, sogar leidenschaftlich, So Much Love hat ebenfalls erstaunlich viel Energie für eine Band, die älter ist als Kevin Kuranyi und mehr als 100 Millionen Platten verkauft hat. In No More (This Is The Last Time) lässt sich sogar, erstmals auf diesem Album, so etwas wie Gelassenheit bemerken, die ihnen allerdings ebenfalls steht: Die im Song thematisierte Trennung scheint eindeutig eine Erleichterung zu sein.

Unter der Regie von Produzent James Ford (Arctic Monkeys, Florence And The Machine) haben Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher allerdings auch ein paar Experimente gewagt. The Worst Crime ist dunkel und bedrohlich, wobei keinerlei Elektronik zum Einsatz kommt. Der Beat in Scum könnte HipHop sein, während die Handclaps fast militärisch wirken. You Move zeigt, dass Depeche Mode auch schon mal von Zola Jesus und Skrillex gehört haben. In Fail singt Dave Gahan wie ein Prediger zu einem Backing, das beinahe Industrial ist: „Our conscience is bankrupt / we’re fucked”.

Solche Zeilen zeigen, dass das Grundproblem bei Depeche Mode natürlich auch auf Spirit nicht beseitigt ist: Nach wie vor lebt die Band eher von Attitüde denn von Talent, weiterhin nimmt sie sich viel zu wichtig und schlittert deshalb manchmal entweder ins Selbstgefällige oder Lächerliche. Die Fehltritte auf diesem Album heißen Cover Me (von der Dramaturgie her ist das Röyksopp, allerdings deutlich hoffnungsloser und langweiliger) und Eternal (ein schlimmes, affektiertes Geschwurbel – das Kind, dem dieses Lied wohl gewidmet ist, wird sich sein Leben lang dafür schämen).

Insgesamt wirkt der Hang zur Selbstgeißelung, der ebenso zum Markenkern von Depeche Mode gehört wie das Fehlen einer Katharsis in ihrer Musik, diesmal deutlich weniger blasiert als zu ihren schlimmsten Phasen. Die Zeit hat ihnen in die Hände gespielt: Die Welt hoffnungslos und sich selbst verdammungswürdig zu finden, ist total 2017.

Im Video zu Where’s The Revolution scheinen Depeche Mode als Marx, Engels und noch jemand verkleidet.

Im Frühsommer gibt es Deutschlandkonzerte:

27.05.2017   Leipzig – Festwiese
05.06.2017   Köln – RheinEnergieStadion
07.06.2017   Dresden – Ostragehege (Festwiese)
09.06.2017   München – Olympiastadion
11.06.2017   Hannover – HDI-Arena
12.06.2017   Hannover – HDI-Arena
20.06.2017   Frankfurt – Commerzbank-Arena
22.06.2017   Berlin – Olympiastadion
04.07.2017   Gelsenkirchen – Veltins-Arena

Website von Depeche Mode.

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