Hingehört: Bon Jovi – „Crossroad“ 2


Das Beste von Bon Jovi. Kalkuliert. Funktioniert.

Künstler Bon Jovi
Album Cross Road
Label Mercury
Erscheinungsjahr 1994
Bewertung ***1/2

Natürlich sind Bon Jovi eine peinliche Band. Schon alleine für diesen Scheiß-Erfolg müsste man sie hassen. Dazu selten dämliche Stücke wie Bad Medicine, In & Out Of Love oder Never Say Goodbye. Der Beginn dieser Greatest-Hits-Platte liefert gleich noch mehr Argumente: Keyboardflächen, Effekte auf dem Bass, pseudodramatische Synthie-Sounds. Dazu noch das Bild im Kopf: Stretch-Jeans, Fransenjacken, Stirnbänder, Dauerwellen. Die ersten 77 Sekunden von Livin´ On A Prayer sind wirklich schlimm.

Dann aber, ja dann kommen Bridge und Refrain. Wer auch immer bei dieser Kapelle die Nase rümpft, kommt doch nicht umhin, diesen Drive, diese Melodie für gelungen zu halten. Natürlich ist das kalkuliert, aber es funktioniert.

Selige Zeiten waren das noch, in denen Bon Jovi als Hardrock-Band galten. Selbst als Keep The Faith rauskam, haben mir beinharte Metallica-T-Shirt-Träger von diesem Lied vorgeschwärmt. Ich konnte das allerdings nicht ganz nachvollziehen. Für Hardrock zu soft, für einen guten Popsong zu uninspiriert. Gerade einmal zwei Jahre später erschien Someday I´ll Be Saturday Night. Mein Kumpel mit dem Metallica-T-Shirt hätte eine Bon-Jovi-Platte inzwischen nicht mal mehr mit Handschuhen angefasst. Ich war schon wieder anderer Meinung. Das Stück gehört zu meinen Favoriten. Nicht so viel Bombast, dafür mehr Energie, Seele und Substanz.

Auch Always macht gleich mehrere Dinge klar: Jon Bon Jovi hätte sein Geld auch mit dem Schreiben von Groschenromanen verdienen können („it´s been raining since you´ve left me / now I´m drowning in the flood“), ist ein kompetenter Komponist (eine echte Hymne) sowie ein großartiger Rocksänger. Natürlich hat auch er all diese Hardrock-Shouter-Macken. Aber er ist der Einzige aus dieser verwunschenen Sippe, der dennoch etwas erdverbunden und mit echter Inbrunst singt.

Danach lässt sich sogar Wanted Dead Or Alive ertragen. So gerne Bon Jovi dies vielleicht gewollt hatten: Country ist das an keiner Stelle. Peinlich wird es aber trotz Textzeilen wie „I´m a cowboy / on a steelhorse I ride“ nicht. Was für die musikalische Substanz des Stücks spricht. Auch Lay Your Hands On Me ist vom Intro bis zu den wohoho-Chören in jeder Hinsicht etwas zu dick aufgetragen. Aber hey: Dies ist Rockmusik. Seit wann geht es dabei um Bescheidenheit? Wie so oft räumt der Refrain ohnehin alle Zweifel aus.

Bei You Give Love A Bad Name hat Desmond Child mitkomponiert. Der Fließband-Hitschreiber hätte den Song aber mal lieber Alice Cooper – der ebenfalls zu seinen Klienten gehört – zuschustern sollen. Bed Of Roses hingegen hätte zu keiner Band besser gepasst als zu Bon Jovi. Ein herrlicher Schmachtfetzen. „Tonight I won´t be alone / you know that don´t mean I´m not lonely.“ Wie geschaffen für diese uramerikanische Stimme. Star-sprangled sollte wohl auch Blaze Of Glory klingen, aber ich konnte mich noch nie mit dem Lied anfreunden. Das Geschrei soll den Refrain retten, doch alles bleibt unbesonders.

Von diesem Ausrutscher abgesehen gelingen die Stücke, zu denen man früher „Powerballade“ gesagt hat, stets am besten. Unnachahmlich: In These Arms. Noch ein Stück gelungener und das beste Bon-Jovi-Stück überhaupt: I´ll Be There For You. Musikalisch nicht zu toppen. Und der Text dürfte Rosamunde Pilcher ganz wuschig machen: „I´ll be the water / when you get thirsty, baby / when you get drunk / I´ll be the wine.“ Selbst Runaway, das man als beliebtes Coverband-Stück und wegen der nervenden Keyboards zu hassen gelernt hat, kann man eine gewisse Anziehungskraft nicht absprechen.

Dies ist ja eines der Hauptprobleme bei Bon Jovi: Wie oft hat man betrunkene 13-Jährige oder bierbäuchige Enddreißiger zu diesen Liedern die falschen Texte singen hören? Aber: Jede Band kriegt wohl die Fans, die sie verdient.

Wenig bekannt, aber eines der besten Stücke von Bon Jovi: Someday I’ll Be Saturday Night:

Bon Jovi bei MySpace.


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