Hingehört: Michael Kiwanuka – „Home Again“


Soul und Folk - beides meistert Michael Kiwanuka auf "Home Again" glänzend.

Soul und Folk – beides meistert Michael Kiwanuka auf „Home Again“ glänzend.

Künstler Michael Kiwanuka
Album Home Again
Label Polydor
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Michael Kiwanuka ist ein Superstar. Beinahe. So gut wie. Im Prinzip. Quasi. Dem Mann aus dem Norden Londons kann jedenfalls kaum mehr etwas passieren auf dem Weg zu diesem Status. Die Los Angeles Times hat ihn abgefeiert, Mojo hat ihn gepriesen. Eine Riege von Kritikern wählte ihn für Spiegel Online unter die zehn heißesten Newcomer des Jahres. Bei der BBC erreichte er in der Kategorie „Sound auf 2012“ sogar Platz 1 (im Vorjahr fand sich dort eine gewisse Ellie Goulding wieder).

Kiwanuka hat zwei ebenfalls umjubelte EPs herausgebracht, eine davon mit dem programmatischen Titel I’m Getting Ready. Er hat im Vorprogramm von Adele und Laura Marling gespielt. Eigentlich gibt es nur noch eins, was den Mann mit Wurzeln in Uganda vom ganz großen Durchbruch abhalten kann: ein schlechtes Debütalbum.

Home Again fällt glücklicherweise nicht in diese Kategorie. Es ist eine tolle Platte zwischen Soul und Folk geworden, getragen von einer herausragenden Stimme. Das Werk eines Liebeshungrigen. Und das Debüt eines Mannes, der endlich sein Genre gefunden hat.

Michael Kiwanuka wollte eigentlich Session-Gitarrist werden. Dann bewegte er sich eine Weile im HipHop-Kosmos von Chipmunk und Tiny Tempah. Erst dann begegneten ihm seine beiden großen Helden (einer in Form eines Boxsets, einer auf einem Sampler), die ihm zeigten, wie er die beste Form für sein Talent finden kann: Bob Dylan und Otis Redding.

Das sind große Fußstapfen, doch Kiwanuka stellt auf Home Again unter Beweis, dass er sie eines Tages womöglich wird füllen können. Seine wichtigste Trumpfkarte dabei ist seine Stimme. Sie klingt schon im Opener Tell Me A Tale, als sei sie ein halbes Jahrhundert lang im Tresor der Motown-Studios eingeschlossen gewesen und habe in dieser Zeit eine ganze Menge über die Sehnsucht gelernt. Tell Me A Tale vermittelt zu Blech- und Holzbläsern und einem jazzigen Beat dann auch eine ganz einfache Botschaft: „Girl, I need loving / Girl, I need good, good loving.“

Diese Perspektive bleibt auch danach auf Home Again erhalten: romantisch, eher schüchtern, immer träumend von der großen Liebe oder bangend um das flüchtige Glück. Es gilt für das samtweiche I’m Getting Ready, für das zarte Rest und für die Single Home Again, in der Michael Kiwanuka fast nur zur akustischen Gitarre singt. Fast wie ein Klassiker klingt I’ll Get Along mit seinem tollen Zusammenspiel von Flöten und Streichern. Auch Bones mit Besenschlagzeug und Call-and-response-Gesang wirkt beinahe wie aus der Zeit gefallen.

Bis zu diesem Song klingt Home Again wie eine famose Soulplatte, durchaus auf Augenhöhe mit den Meilensteinen des Genres. Dann erfährt das Album einen Bruch, der nicht so sehr die Qualität betrifft, sondern vielmehr das stilistische Spektrum.

 Always Waiting ist opulent und baut auf Elemente von Country und Filmmusik. I Won’t Lie fährt ein ganzes Orchester auf und entwickelt die Art von filigraner Melancholie, die man an Paul McCartney schätzt. In Any Day Will Do Fine mogelt sich ein Latin-Beat, bevor das untröstliche Worry Walks Beside Me den Rausschmeißer macht und wieder auf Soul-Pfade zurückfindet.

Das Famose daran ist, wie unmerklich Michael Kiwanuka gemeinsam mit Produzent Paul Butler (The Bees) diese Entwicklung in das Album integriert und wie souverän er schon auf seinem Debüt all diese Spielarten seines Sounds beherrscht. Die zweite Hälfte fällt ein wenig ab, zeigt aber, was für ein kreatives Talent in diesem Künstler steckt. Man kann sich gerne der Sunday Times anschließen, die zu dem Urteil kommt: „uniquely brilliant“.

Wie aus der Zeit gefallen wirkt bei Michael Kiwanuka auch das Vintage-Video von Tell Me A Tale:

Michael Kiwanuka bei MySpace.

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