Hingehört: The BossHoss – „Liberty Of Action (Black Edition) 2


Künstler The BossHoss

Die Black Edition reichert "Liberty Of Action" um fünf neue Songs und eine DVD an.

Die Black Edition reichert „Liberty Of Action“ um fünf neue Songs und eine DVD an.

Album Liberty Of Action (Black Edition)
Label Island
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Es sieht so aus, als könnten sich BossHoss alles erlauben. Egal, was sie anstellen, erzählen oder repräsentieren: Wo man bei anderen Bands die Nase rümpfen oder längst lauthals „Sell out!“ rufen würde, bleiben die sieben Urban Cowboys aus Berlin trotzdem irgendwie sympathisch und cool.

Sie machen neuerdings Werbung für Mustang-Jeans. Sie ließen sich früher eine Tour von Red Bull sponsern. Sie geben ein Lied für eine Lkw-Werbung her und sind als Juroren bei The Voice Of Germany im Dauereinsatz. Sie nehmen Lieder mit Nena auf und mit einem Filmorchester. Richtig krumm nimmt ihnen all das niemand. Und jetzt melken sie auch noch ihr aktuelles Album Liberty Of Action (vor einem Jahr erreichte es Platz vier der deutschen Charts, seitdem verkaufte es 250.000 Exemplare) fürs Weihnachtsgeschäft, in dem sie eine Black Edition davon herausbringen.

Das bedeutet: Es gibt ihr sechstes Album in einer erweiterten Form. Die Liberty Of Action Black Edition enthält vier der Album-Tracks in neu abgemischten Versionen, dazu kommt die Singlefassung von Live It Up. Obendrauf gibt es fünf neue Lieder.

„Seit Release der Erstveröffentlichung waren wir eigentlich durchgehend mit The Voice Of Germany beschäftigt oder unterwegs auf Tour. Trotzdem entstanden viele neue Songs und massenweise anderes Material, welches für ein Album zu wenig, für eine kurze EP aber zu viel gewesen wäre“, erklärt Hoss Power die Idee hinter der Erweiterung von Liberty Of Action. „Wir wollten das Zeug nicht ungenutzt herum liegen lassen, da wir erst ab Ende Januar 2013 wieder dazu kommen werden, ein neues Album aufzunehmen. Zur Überbrückung bis zum nächsten Studiowerk gibt es jetzt all diese Stücke auf der Black Edition.

Auch mit dem neuen Material wagen sich The BossHoss auf Terrain, vor dem andere Bands aus Angst um ihre Coolness sicher zurückschrecken würden. Die heitere neue Single Deals With The Devil setzt tatsächlich auf einen AutoTune-Effekt à la Taio Cruz (bei BossHoss heißt das Ganze aber noch schön altmodisch „Vocoder“), darunter liegt schockierenderweise auch noch das Fundament von Iggy Pops The Passenger, darüber werfen sich reichlich Bläser.

Ganz neu ist auch Nothing But The Best, das unter dem Spitznamen Truckstar gerade als Titelstück der aktuellen Mercedes-Benz-Trucks-Werbekampagne fungiert und entsprechend kraftvoll und gut geölt klingt. Gemeinsam mit den Kollegen von Kitty, Daisy & Lewis wagen sich BossHoss an ein Cover des Velvet-Underground-Klassikers Run Run Run. Ihre Version klingt nicht so düster und geheimnisvoll, aber etwas schneller und dreckiger als das Original.

Den John-Lee-Hooker-Song Mad Man Blues lassen sie mit Unterstützung von Triggerfinger erklingen. Das wirkt am Anfang zwar wie Plastik-Blues, bekommt zum Ende hin aber doch noch eine eigene Note und die nötige Bedrohlichkeit. Am provokantesten ist sicher die Neuaufnahme von Do You Wanna Touch Me? Nicht unbedingt, weil dabei die skandalumwitternden Eagles Of Death Metal mitspielen, sondern weil sich eigentlich kein Mensch mehr an Musik von Gary Glitter herangwagt, seit der ein verurteilter Kinderschänder ist. BossHoss scheinen sich daran nicht zu stören: Man hört ihrer Version, die bis auf eine sehr originelle Kuhglocke nah am Original bleibt, die Party-Atmosphäre im Studio an.

Die Mitstreiter bei den neuen Songs sind „alles befreundete Bands, die wir über die letzten Jahre kennen und schätzen gelernt haben“, sagt Boss Burns. „Es lag einfach nahe, zusammen ins Studio zu gehen, etwas zu jammen und ohne viel technischen Schnickschnack ganz oldschool einen gemeinsamen Song aufzunehmen. Einfach, weil wir alle Bock hatten.“

Für Fans am reizvollsten ist aber sicher der letzte Bestandteil der Black Edition: eine DVD mit dreieinhalb Stunden Spielzeit. In einer Rockumentary erzählen BossHoss von ihren Anfängen, schwärmen von ihren Vorbildern und versuchen, ihren eigenen Erfolg zu erklären. Es ist beeindruckend zu sehen, wie Boss Burns und Hoss Power mit leuchtenden Augen von der ersten Tour erzählen („Wir haben an jeder Steckdose gerockt.“) und zudem deutlich machen, mit wie viel Einsatz und Herzblut sie die Spaßidee von der Countryband mit Rock- und HipHop-Einflüssen so weit gebracht haben, dass aus BossHoss nun „ein mittelständisches Unternehmen“ geworden ist, wie sie sagen.

In diesem Enthusiasmus liegt wohl auch die Erklärung für den Erfolg der Band und für die Tatsache, dass man ihr eine erstaunliche Narrenfreiheit gewährt. BossHoss sind zugleich große Kenner und innige Liebhaber von Gitarrenmusik. Sie spielen gerne mit Klischees der Popkultur, bleiben als Personen aber authentisch. Die Rockumentary zeigt sie als Musiker, denen man eben kaum etwas krumm nehmen kann: Sie sind reflektiert, ehrgeizig und echt.

Als Grundlage ihres Erfolgs sehen sie mit Recht ihre Live-Qualitäten (zur letzten Tour von BossHoss kamen 120.000 Zuschauer), und dafür liefert das Konzert im Bauhaus in Dessau den lebenden Beweis, das ebenfalls auf der DVD enthalten ist. Witzig, schweißtreibend und abwechslungsreich ist diese Show, aber doch gelassen und konsistent genug, dass man als Zuschauer zwischendurch auch mal an die Bar (oder aufs Klo) gehen kann, ohne befürchten zu müssen, dass man den ultimativen Höhepunkt verpasst.

Dazu kommen die drei neusten Videoclips von BossHoss, eine kurze Dokumentation über die Entstehung des Zeichentrick-Clips zu Live It Up und drei Making Ofs der Kollaborationen für die Black Edition (wobei auf der DVD übrigens die viel geilere Version von Do You Wanna Touch Me? zu hören ist).

Nicht zuletzt gibt es The Boss Hoss Mess With Texas auf der DVD zu sehen, einen Mix aus Tourneefilm und Urlaubstagebuch über die einwöchige US-Reise der Band im vergangenen Jahr. Wenn die Band einen Hutmacher, ein Rodeo, einen Hot-Rod-Hersteller oder die angeblich beste Barbecue-Bar der Welt besucht und sich dort erklären lässt, wie das alles funktioniert, dann hat das manchmal ein bisschen Sendung mit der Maus-Charakter. Es zeigt, wie sehr BossHoss selbst noch immer staunen über all die Möglichkeiten, die ihnen ihre Band eröffnet hat. Und es demonstriert, nicht nur bei den Szenen der Konzerte in kleinen Clubs in Texas, wie sehr sie diese Band lieben.

Das ist wahrscheinlich der Trick: Es gibt keinen Trick. Egal ob bei The Voice Of Germany, als Werbefiguren oder eben mit einer erweiterten Version ihres aktuellen Albums: Wenn „BossHoss“ drauf steht, bekommt man letztlich immer auch BossHoss. Man darf diesen sieben Männern glauben, wenn sie in Don’t Give Me That (übrigens ihr erster Top10-Hit überhaupt in Deutschland) so etwas wie ihr Credo in die ersten Zeilen packen: „Take my body, take my soul / but don’t take my rock’n’roll.“ Das ist letztlich das Geheimnis der Beliebtheit von Boss Hoss: Es mag Bands geben, die bessere Musik machen. Aber nur wenige, die ihr Ding so sehr lieben und leben.

The BossHoss stellen Liberty Of Action vor:

Homepage von The BossHoss


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