Hingehört: U2 – „Achtung Baby“ 8


Mit "Achtung Baby" katapultierten sich U2 auf einen Schlag in die Avantgarde.

Mit „Achtung Baby“ katapultierten sich U2 auf einen Schlag in die Avantgarde.

Künstler U2
Album Achtung Baby (Deluxe Edition)
Label Island
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ****

Selbstbeweihräucherung ist ja nicht gerade eine neue Eigenschaft im Charakter von Bono Vox. Praktiziert er sie sonst meist im Hinblick auf sein soziales und politisches Engagement, huldigt er mit seinen U2-Kollegen nun auch der eigenen musikalischen Bedeutung: Vor 20 Jahren erschien Achtung Baby, und das Jubiläum wird von U2 mehr als angemessen gefeiert.

Ihre Fans bescheren U2 mit nicht weniger als sechs neuen Varianten von Achtung Baby. Das Original-Album kommt auf CD noch einmal heraus. Dazu kommt eine Deluxe Edition (mit einer zweiten CD mit B-Seiten und anderen Raritäten). Außerdem erscheint ein Set mit vier Vinyl-LPs. Schließlich gibt es eine Super Deluxe Edition mit sechs CDs, vier DVDs, einem Buch und 16 Kunstdrucken. Bei der Über-Deluxe-Edition, die dem Jubiläumsreigen die Krone aufsetzt, sind dann zusätzlich noch fünf Vinyl-Singles dabei und das Sonnebrillen-Modell, das Bono im Video für The Fly getragen hat.

So viel Getue wirkt auf den ersten Blick übertrieben für das siebte Album einer Rockband, das in kommerzieller Hinsicht zunächst wie ein relativer Flop wirkte. Mit Achtung Baby verfehlten U2 in England (im Gegensatz zu den vier Alben davor und den fünf danach) die Spitze der Charts, in Deutschland kam die Platte (ebenfalls trotz zweier vorangegangener Nummer-1-Alben) nicht einmal in die Top10. Dafür erwies sich Achtung Baby als Dauerbrenner. Fünf erfolgreiche Singles warf die CD ab, fast 20 Millionen Exemplare wurden verkauft, im Jahr 1993 gab es zudem einen Grammy für die Platte.

Vor allem aber war das Album für die irische Band nicht nur eine Frischzellenkur, sondern eine Neuerfindung. Mit Achtung Baby wurden U2 plötzlich Avantgarde und legten letztlich den Grundstein dafür, dass sie auch im Jahr 2011 noch existent und relevant sind.

Nicht alles auf Achtung Baby klingt 20 Jahre später noch modern, aber alles klingt nach wie vor ambitioniert. Die ersten Töne des Albums kommen von einer fiesen Gitarre, die aus einem Heavy-Metal-Song stammen könnte oder zumindest von Billy Corgan. Der Beat dazu ist maschinell, die Stimme verzerrt. Heute, nach Garbage oder den Nine Inch Nails, klingt das nicht mehr allzu aufregend. Aber wenn man bedenkt, dass Zoo Station unmittelbar an die U2 der 1980er Jahre anknüpft, an aufrechte, pathetische Rocker, dann ist das ein ungeheuer innovativer Sound.

Auch Even Better Than The Real Thing transportiert von Beginn an die Botschaft: Wir wollen es wissen! Das Lied steigert sich mit einem famosen Drive hin zu einem echten Höhepunkt. Spätestens nach diesen 221 Sekunden ist klar: U2, die sich bisher vor allem über Authentizität definierten, sind in der Postmoderne angekommen. Und sie sind plötzlich sexy. Auch die B-Seiten, die in der Deluxe Edition auf einer zweiten CD versammelt sind, zeigen eine Band auf der Höhe ihres Könnens. Blow Your House Down, der einzige bisher unveröffentlichte Track, ist ein stampfender Kracher, der während der 20 Jahre im Archiv kaum Frische eingebüßt hat.

Natürlich gibt es bei so viel Wagemut auf Achtung Baby auch Fehltritte. So Cruel nimmt mit einem HipHop-Beat und sparsamen Klaviertönen die Ästhetik von Bruce Springsteens Streets Of Philadelphia vorweg, ist aber etwas blass und leer – und vor allem deutlich zu lang. Auch Tryin’ To Throw Your Arms Around The World hat nicht allzu viel Substanz. Ultra Violet (Light My Way) klang 1991 womöglich noch recht passabel, ist mit seinen Synthie-Streichern und den ultrahohen Gitarrentönen aber nicht allzu gut gealtert.

Dem stehen auf Achtung Baby aber genug Triumphe gegenüber. The Fly setzt auf ein ganz ähnliches Rezept wie Zoo Station. Ein fast schmerzhaftes Gitarrensolo von The Edge, dazu der Gesang von Bono, der sich im Break in ungeahnte Jimmy-Sommerville-Höhen aufschwingt – das funktioniert glänzend. Diese Fliege könnte durchaus eine spanische gewesen sein, und mit so viel Energie und Ehrgeiz war The Fly die perfekte Vorab-Single für Achtung Baby.

Acrobat (mit grandiosem Drumming von Larry Mullen) ist ein faszinierender Mix aus Dramatik und Entspannung, Mysterious Ways ist meisterhaft produziert und punktet zudem mit dem ultratiefen Bass von Adam Clayton. Until The End Of The World hat putzige Rave-Anleihen (im Sinne von The Farm oder dem Baggy-Sound, den auch Blur damals noch pflegten), der Rausschmeißer Love Is Blindness ist ebenso verführerisch wie rührend.

Nicht zuletzt ist da ja noch One, das schon damals wie ein moderner Klassiker geklungen haben muss. Auch im Rückblick ragt das Lied auf Achtung Baby heraus. Nicht nur wegen seiner kompositorischen Klasse, sondern vor allem, weil es hier nicht um Individualismus oder Eklektizismus geht wie in vielen anderen Songs des Albums, sondern um Universalität. „Love is a temple / love the higher law“, heißt eine der zentralen Zeilen. Das ist vielleicht die größte Stärke des Stücks: One ist ein Liebeslied an die Liebe an sich.

Zusammen mit Who’s Gonna Ride Your Wild Horses ist es zudem der einzige Song auf Achtung Baby, den man sich auch problemlos auf einem der früheren Alben von U2 hätte vorstellen können. Gerade im Kontrast dazu tritt die Stärke von Achtung Baby hervor. Hatten Nirvana im Jahr 1991 mit Nevermind gezeigt, dass Rockmusik nach wie vor bedeutend, aufrührerisch und sinnstiftend sein kann, beseitigten U2 einen anderen damals gängigen Zweifel. Achtung Baby war der Beweis, dass Rockmusik nach wie vor innovativ sein konnte – und wurde so zur Messlatte für das ganze Jahrzehnt.

Aufbruchstimmung in Berlin: U2 sprechen über die Entstehung von Achtung Baby:

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