Interview mit Fotos 2


Deniz Erarslan (Zweiter von rechts) will den Liedern von Fotos ihr Geheimnis lassen.

Deniz Erarslan (Zweiter von rechts) will den Liedern von Fotos ihr Geheimnis lassen.

Fotos sind gerade auf dem zweiten Teil ihrer Deutschlandtour. Diesmal sind die großen Städte dran, „die sind eigentlich immer sehr gut zu uns“, sagt Gitarrist Deniz Erarslan, den ich vor dem Konzert in Leipzig zum Interview treffe, während der Rest der Jungs aus Hamburg gerade den Soundcheck im Werk 2 macht. Für das Gespräch habe ich mir etwas Besonderes ausgedacht. Weil Fotos mit Journalisten wahrscheinlich ganz oft über Fotos reden müssen, will ich mit ihnen über etwas anderes sprechen: Texte.

Bei MySpace gibt es von jeder Band reichlich Videos und Fotos, aber keine Texte. Booklets, in denen man die Songtexte nachlesen kann, sterben im Download-Zeitalter auch aus. Und die neuste Studiotechnik eröffnet ganz viele Möglichkeiten für den Sound, aber an den Lyrics schraubt kaum jemand so besessen. Würdest Du zustimmen, dass Texte insgesamt in der Musik an Bedeutung verlieren?

Erarslan: So pauschal würde ich das nicht unterschreiben. Texte haben bei uns jedenfalls eine sehr besondere Funktion. Unser Sänger Tom als Songschreiber und vor allem als Texter eine ganz andere Herangehensweise hat als viele andere Leute in Deutschland. Bei Leuten, die hierzulande wegen ihrer Texte verehrt werden, geht es oft nicht so sehr um den Pop-Gedanken, also um das Zusammenspiel von Text und Musik. Sondern um die Message oder die sprachliche Qualität. Und manchmal merkt man dann vor lauter lyrischer Qualität gar nicht, dass das musikalisch bloß Einheitsbrei ist.

Wer so arbeitet, sollte lieber Bücher oder Gedichte schreiben.

Erarslan: Genau. Das sagt Tom auch immer. Er hat viel mehr den Ansatz von Pop im Kopf, und gerade beim neuen Album Porzellan merkt man das. Ich finde das sehr besonders. Tom schafft es, einfache, klare Bilder rüberzubringen – ohne jeglichen Anflug von Kitsch und Peinlichkeit.

Sind die Texte fertig, bevor ihr an der Musik arbeitet? Oder darf der Rest der Band da auch mitreden?

Erarslan: Die Texte schreibt Tom. Es gibt da keinen großen demokratischen Prozess, und das ist auch gut so. Aber die Arbeitsweise war bei jedem unserer drei Alben anders. Beim ersten Mal war alles von Anfang an mehr oder weniger fertig. Für das zweite Album sind wir recht unvorbereitet ins Studio gegangen, um dort mehr ausprobieren zu können. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Ergebnisse nicht ganz so waren, wie wir uns das vorgestellt hatten. Mit dem Abstand von zwei Jahren würde ich heute sagen: Die Idee war gut, aber die Umsetzung ist dem nicht so ganz gerecht geworden.

Und wie lief es bei Porzellan ab?

Erarslan: Tom und ich haben das meiste in einem kleinen Studio gebastelt. Am Anfang stand eigentlich fast immer die Musik, aus der entwickeln sich dann einzelne Melodien und dann kommen als letzter Baustein die Texte dazu.

Gibt es manchmal Texte oder Zeilen, bei denen du denkst: Da stehe ich eigentlich nicht dahinter. Das sollte lieber geändert werden.

Erarslan: Nein. Tom ist da sehr selbstkritisch, was die Resultate angeht – und deshalb gibt es danach eigentlich nicht mehr viel zu diskutieren.

Bei manchen Fotos-Liedern ist die Botschaft ja ganz gut in eher abstrakten Zeilen versteckt. Lasst ihr euch die Texte erklären?

Erarslan: Nein. Wer die Bedeutung ergründen will, kann ja zum Glück die Texte im Booklet der CD nachlesen. Manches Lied behält dann zwar noch immer sein Geheimnis. Aber das ist auch schön so.

Texte mitzusingen ist für die Fans vielleicht die innigste Möglichkeit, sich mit den Liedern zu identifizieren. Wenn du es dir aussuchen könntest: Würdest du lieber ein Konzert spielen vor Fans, die sich nicht einen Millimeter bewegen, aber jedes Wort mitsingen? Oder eine Show, bei der alle stumm sind, aber völlig exstatisch tanzen? Was ist das Feedback, bei dem du merkst: Jetzt bewegen wir die Leute, dieser Moment bedeutet ihnen ganz viel?

Erarslan: Das ist eine sehr interessante Frage. Gerade in den vergangenen sechs Monaten haben wir nämlich die Erfahrung gemacht, dass die Leute sich viel weniger bewegen bei unseren Shows als früher. Porzellan ist im Vergleich zu den beiden Alben davor eher ein bisschen langsamer, getragener, wolkenartig. Es gibt kaum Lieder, die Dancefloor-tauglich sind. Das hat uns am Anfang dieser Tour sehr verunsichert, dass die Leute sich nicht von Anfang an bewegen. Aber bei ruhigen Songs wie Wasted oder Ritt kann man natürlich auch nichts anders erwarten, als dass die Leute konzentriert zuhören. Wenn ich ehrlich bin: Ich bin auch eher der Typ, der bei Konzerten nur herumsteht. Wenn ich mich selbst von der Bühne aus sehen könnte, wäre ich definitiv nicht der ideale Konzertbesucher. Und mittlerweile haben wir eine Setlist gefunden, die in dieser Hinsicht sehr gut funktioniert. Das ist so ähnlich wie ein Film. Es gibt bestimmte Blöcke, mit denen wir die Leute in bestimmte Stimmungen versetzen.

Bewegt es dich besonders, wenn die Fans eure Texte mitsingen? Oder ist das eher eine amüsante Show-Routine?

Erarslan: Es gibt Stücke, da gehört das zum Programm. Zum Beispiel bei Komm zurück lassen wir die Fans am Ende alleine singen. Aber das ist wirklich immer wieder bewegend.

Ihr wart gerade für zwei Monate in Asien. Wie ist es, dort vor einem Publikum zu spielen, für das deutsche Texte extrem exotisch sind?

Erarslan: Es ist ganz anders als hier. Wir haben in Libyen angefangen, dann ging es für drei Wochen nach Indonesien, dann über Bangladesch und Sri Lanka nach Indien. Gerade in Indien zählt bei einem Konzert in erster Linie der Entertainment-Faktor. Die Leute wollen unterhalten werden. Man muss sie ein bisschen an die Hand nehmen, und dann flippen sie richtig aus. Wir haben dort bemerkt, dass unsere Lieder auch funktionieren, wenn die Leute sich nur an der Stimme und der Musik orientieren können. Aber die Tour war ja vom Goethe-Institut organisiert. Deshalb waren im Publikum auch viele Schüler und Studenten, die durchaus einen Bezug zur deutschen Sprache haben.

In Kalkutta habt ihr auch das Video zur aktuellen Single Angst gedreht. War das von Anfang an so geplant oder entstand die Idee erst durch die Eindrücke vor Ort?

Erarslan: Die Idee gab es schon vorher. Wir wussten, dass in Asien wahrscheinlich unglaubliche Erlebnisse auf uns warten würden und unglaubliche Bilder. Deshalb haben wir ziemlich früh entschieden, dass wir einen Freund von uns mitnehmen, der Kameramann ist und bei fast all unseren Musikvideos mitgearbeitet hat. Er hat die ganze Reise dokumentiert. Dann hatte der Regisseur Hagen Decker die Idee, in Kalkutta auch einen Videoclip zu drehen. Dort wurde gerade das hinduistische Lichterfest Diwali gefeiert, das man vom Stellenwert her mit Weihnachten bei uns vergleichen kann. Mit ganz viel Feuerwerk – das hat gut gepasst.

Wie fühlt es sich für euch an, wenn ihr dort plötzlich als kulturelle Botschafter, als Prototyp einer deutschen Band betrachtet werdet?

Erarslan: Das hat für uns eigentlich keine große Rolle gespielt. Wir haben dort keine nationale Identität repräsentiert, sondern uns selbst, die Band Fotos. Wenn überhaupt, dann waren wir eher Botschafter für Rockmusik. Denn es gibt zum Beispiel in einem riesigen Land wie Indien natürlich ganz viele Musikrichtungen. Aber Rockmusik hat dort keinen wahnsinnig hohen Stellenwert. Wir haben da vor Leuten gespielt, die noch nie zuvor in ihrem Leben ein Rockkonzert gesehen hatten. Das war schon ein wahnsinnig erhebendes Gefühl.

Fotos bei MySpace.


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