Durchgelesen: Robert B. Laughlin – “Der Letzte macht das Licht aus”

Juni 10, 2012 · Posted in Bücher, Bücherregal · 1 Comment 
Noch 200 Jahre bleiben für die Energiewende. In "Der Letzte macht das Licht aus" schreibt Robert B. Laughlin, wie die Welt dann aussehen könnte.

Noch 200 Jahre bleiben für die Energiewende. In “Der Letzte macht das Licht aus” schreibt Robert B. Laughlin, wie die Welt dann aussehen könnte.

Autor Robert B. Laughlin
Titel Der Letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie
Originaltitel Powering the future. How we will (eventually) solve the energy crisis and fuel the civilization of tomorrow.
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung **

Atomausstieg, Solarförderung, Netzausbau – wie dringend Fragen nach der Zukunft der Energie geklärt werden müssen, hat zuletzt erst wieder der Personalwechsel im Umweltministerium bewiesen und die Entscheidung der Kanzlerin, das Thema nun zur Chefsache zu machen.

Man sollte also froh sein, wenn sich eine echte Referenz dieser Problematik annimmt. Robert B. Laughlin ist so eine: der Professor an der Stanford University bekam 1998 den Physik-Nobelpreis. Unter anderem mit seinem Buch Abschied von der Weltformel (2007) hat er bewiesen, dass er die großen Themen der Wissenschaft auch für Laien verständlich und spannend aufbereiten kann.

Nun also: Der Letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie. Einer der großen Vorteile des Buches: Laughlin nimmt kein Blatt vor den Mund. Wie dringend das Problem ist, und wie viel Zeit bisher vergeudet wurde, macht er immer wieder deutlich. „Auch wenn das Ergebnis des Übergangs von fossilen Energieträgern zu anderen letztlich positiv ausfallen dürfte, könnte der Übergang als solcher überaus schrecklich werden. Er wird als globales Ereignis verlaufen, etwa wie eine Eiszeit oder ein Asteroideneinschlag, nicht als ein bloßes Planungsdefizit oder eine überfüllte Autobahn – Dinge, die von der Politik durch ein Gesetz weggefegt werden können“, schreibt er und findet dann, wie so oft in diesem Buch, ein passendes Bild für seine Prognose: „Das Schwinden und die abschließende Erschöpfung fossiler Treibstoffe ist also vergleichbar mit dem Wintereinbruch bei einem Volk, das nur den Sommer gekannt hat.“

Eine weitere Stärke von Der Letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie: Der Professor hat keine Scheu davor, unpopuläre Thesen zu formulieren. Immer wieder stellt er beispielsweise die Vorzüge der Atomenergie heraus. Wie sehr er damit im Widerspruch zum Zeitgeist steht, weiß er sehr genau, wie sein Vorwort zur deutschen Ausgabe beweist. An seinem Standpunkt ändert das freilich nichts. „Doch wie die Menschen auch mit diesem Problem [Atomenergie] umgehen mögen oder wie die Dinge sich in den kommenden zwei Jahrhunderten entwickeln werden – eine solche Nutzung der Kernenergie [nämlich als Brutreaktoren], wenn sie denn stattfindet, wird die langfristige Gesundheit der Erde nicht gefährden. Nuklearphänomene scheinen oft seltsam zu sein, sind aber eigentlich nicht unnatürlicher als blauer Himmel oder Vögel“, schreibt Laughlin. Im politischen Mainstream der Bundesrepublik ist diese „Atomkraft, ja bitte!“-Position ungefähr so salonfähig wie die Forderung nach der Rente mit 88.

Der Satz führt freilich auch schon viele der Probleme vor Augen, die in Laughlins Thesen stecken.

Erstens: Laughlin verharmlost. „Die Erde regelt das schon alles, die hat schon viel schlimmere Katastrophen überstanden“, lautet zwischen den Zeilen immer wieder seine Beschwichtigung. Wenn es um die heilende Kraft der Zeit geht, dann stellt der Autor immer wieder große geologische Zeiträume dar und erdgeschichtliche Phänomene, die mächtiger sind oder waren als der Klimawandel (und nicht in der Hand der Menschen liegen). Dieses Argument steckt im obigen Zitat in der hübschen Formulierung von der „langfristigen Gesundheit der Erde“. Dass es bei Klimawandel und Energiewende aber nicht nur um die Erde als Planeten geht, sondern auch um die Menschen und ihre Lebensqualität, blendet der Physiker dabei vollständig aus. Es mag sein, dass die Erde den Klimawandel übersteht und er in ein paar Jahrtausenden bloß noch wie eine amüsante Episode erscheint. Aber das befreit uns nicht von der Verantwortung für all die Menschen, die womöglich schon bald durch Fluten, Dürre oder Stürme ihr Land, die Grundlage ihrer Ernährung, ihre Gesundheit oder ihr Leben verlieren könnten.

Zweitens: Laughlin ist borniert. Ohne mit der Wimper zu zucken macht Laughlin durchaus konkrete Vorhersagen für die Zeit nach dem Ende der fossilen Energieträger, die er in 200 Jahren gekommen sieht. Viele seiner Schlussfolgerungen basieren allerdings darauf, dass er menschliches Streben (für ihn: den angeborenen Egoismus, die Unfähigkeit zur Rücksichtnahme auf folgende Generationen) und die Gesellschaft (für ihn: Kapitalismus und Wachstumsstreben) als Determinanten ansieht. „Die menschliche Natur ist von einer Generation zur nächsten sehr beständig“, schreibt er sogar explizit.

Dabei hätte schon ein ganz kurzer Blick in die Geisteswissenschaften, vor allem in die Geschichte, gezeigt, dass diese Annahme falsch ist. Es gab Zeiten, in denen die Menschen ihr ganzes Streben auf das Jenseits ausrichteten, es gab Allmende und Kommunismus. Die Gesellschaft verändert sich, ebenso wie sich die Mentalitäten und Prioritäten der Menschen verändern. Hätte Laughlin einmal 200 Jahre zurück geblickt, hätte er leicht erkennen können, wie flexibel diese Größen sind. Man muss das auch von einem Physiker verlangen können – vor allem, wenn er selbst für sein Thema einen so großen Horizont beansprucht, wie Laughlin das in geologischen Fragen in seinem Buch tut.

Sein Grundfehler in Der Letzte macht das Licht aus. Die Zukunft der Energie ist, dass er die Problematik viel zu sehr als Physiker angeht, meist sogar mit Formeln, von denen viele in den umfangreichen Anmerkungen erklärt werden und von denen einige mehr offensichtlich die Grundlage für sein Denken und seine Prognosen waren. Das Streben der Menschen und die Rahmenbedingungen einer Gesellschaft sind in diesen Formeln als konstante Größen gedacht, ähnlich unumstößlich wie die Erdanziehungskraft.

Sogar die Marktgesetze betrachtet Laughlin als Naturgesetze, inklusiver aller ihrer Mängel wie Monopolen, Tricks, Ausbeutung und Betrug. „Damit sind die definitionsgemäß kostspieligeren grünen Energietechnologien an sich problematisch. Im Dschungel [des Wettbewerbs] können wir zu keinem gegebenen Zeitpunkt Energie zu zwei verschiedenen Preisen haben, weil clevere Arbitrage-Händler stets jede Differenz ausnutzen und damit eliminieren werden“, schlussfolgert er beispielsweise. Er tut dabei so, als könnten Märkte nicht reguliert, Verbrechen nicht bekämpft, Gier nicht gebrandmarkt werden.

Drittens: Laughlin hat ein schockierendes Menschenbild. Wenn man sieht, wie oft er seinen Denkfehler in Der Letzte macht das Licht aus wiederholt und auf wie viele Bereiche er ihn anwendet, kann man nur schockiert sein. Denn die Quintessenz aus dieser Position ist ein Menschenbild, das im Prinzip bestreitet, wir könnten verantwortlich und vernünftig handeln (auch im Hinblick auf künftige Generationen). Der Nobelpreisträger gibt sich in seiner Sprache zwar betont volksnah, sogar jovial, aber seine Leser stellt er sich offensichtlich als dumm und asozial vor, und ebenso sieht er die treibenden Kräfte bei der Gestaltung der Energiewende.

Das betrifft bezeichnenderweise auch die eigene Zunft: Wenn es nicht gerade um die Möglichkeit geht, Atomenergie durch Weiterentwicklung angeblich sicher und unverzichtbar zu machen, dann zeigt Laughlin kaum Vertrauen in Erfindergeist, Ingenieure und Wissenschaft. Auch hier hätte es sich gelohnt, mal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, um zu erkennen, was die Menschheit in 200 Jahren alles zu leisten vermag.

Alles in allem ist es erschütternd zu lesen, wie engstirnig solch ein großer Geist auch sein kann, wenn er sich an ein gesamtgesellschaftliches Thema wagt, sich dabei aber zu sehr auf die Methoden seines Faches beschränkt. Immerhin wird es in Der Letzte macht das Licht aus manchmal ganz fantasievoll. Deshalb zum Schluss: Zehn Thesen zur Zukunft der Energie von Robert B. Laughlin:

  1. Kohlenstoffverbindungen wie Benzin werden auch in Zukunft als Speichermedium für Energie genutzt werden. Ihre chemischen Eigenschaften machen sie dafür unübertrefflich. „Das Ende der fossilen Brennstoffe, das ungefähr 200 Jahre in der Zukunft liegt, wird also keine Energierevolution sein, sondern eine Kohlenstoffrevolution. Die Menschen werden immer noch die gleichen Arten der Transport- und Heiztechnik nutzen wie heute, doch wegen der Änderungen in der Preisbildung wird sich deren Mischung verändert haben“, sagt Laughlin voraus.
  2. Im Zweifel wird man aus genau diesem Grund für Autos eher auf synthetisches Benzin (z.B. aus Kohle gewonnen) setzen als auf andere Antriebe wie die Brennstoffzelle oder Batterien. Das hat für die Hersteller auch den Vorteil: Man muss nur den Treibstoff ändern, nicht den ganzen Rest.
  3. Wenn irgendwann auch keine Kohle mehr da ist, wird der Treibstoff für Autos aus Biomasse synthetisiert. Strom wird dann aus anderen Quellen (Solar-, Wind- und Atomenergie) gewonnen.
  4. Als Biomasse werden Salzwasserpflanzen dienen, denn sie stehen nicht in Konkurrenz zu Pflanzen, aus denen auch Nahrungsmittel gemacht werden können. Es könnte Algen-Plantagen in der Sahara geben, die künstlich mit Salzwasser bewässert werden.
  5. Der Strompreis wird nicht explodieren, weil zur Erzeugung (Solar-, Wind- und Atomenergie) und Speicherung (Pumpspeicherkraftwerke) bereits günstige Technologien vorhanden sind, die auch in Zukunft weiter funktionieren werden.
  6. Die Uranvorkommen der Erde reichen nur noch für 100 bis 200 Jahre, wenn Atomkraftwerke weiter die bisher übliche Technologie nutzen. Der Zeitraum könnte auf 20.000 Jahre verlängert werden, wenn man auf schnelle Brüter setzt. Die Uran-Knappheit könnte auch dazu führen, dass Uran in der Zukunft aus dem Meerwasser gewonnen wird, wo es in geringer Konzentration enthalten ist.
  7. Es wird keine Mülldeponien mehr geben. Denn Müll enthält viel Kohlenstoff und ist damit viel zu wertvoll, um einfach bloß gelagert zu werden. Aus Müll wird in der Zukunft synthetischer Kraftstoff gewonnen.
  8. Elektroautos werden sich nicht durchsetzen. Sie haben das Problem, dass sie Batterien brauchen. Batterien haben das Problem, dass sie seltene Rohstoffe wie Zink, Lithium, Quecksilber oder Lanthan brauchen, die bei der Entsorgung zu einem großen Problem für den Boden und/oder das Grundwasser werden. Batterien könnten deshalb womöglich als giftig verboten werden – das wäre der Todesstoß für alle Elektroautos.
  9. Los Angeles wird die erste Großstadt der Welt sein, die komplett mit Solarenergie versorgt wird. Sie bietet den idealen Standort dafür: Die Wüste in der Nähe liefert viel Sonne, die Stromleitungen sind bereits da.
  10. Es wird einen ganz neuen Wirtschaftszweig der Unterwasserökonomie geben mit Armeen von Robotern, die am Meeresboden arbeiten und dort Müll entsorgen, Mineralien abbauen oder Leitungen bauen.

Ein Jahr nach Fukushima: Aussteigen reicht nicht

März 10, 2012 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · 1 Comment 

Es ist verwunderlich. Die Stromversorger erhöhen flächendeckend die Preise. Der schwelende Konflikt mit dem Iran lässt die Energiekosten weiter in die Höhe klettern. Die von der Bundesregierung gerade beschlossene Kürzung der Photovoltaik-Förderung ist Wasser auf die Mühlen derer, die partout nicht an das Gelingen der Energiewende in Deutschland glauben wollen. Trotzdem versucht in diesen Tagen niemand ernsthaft, die Renaissance der Atomenergie heraufzubeschwören. Der Grund dafür heißt: Fukushima.

Die Bilder der Katastrophe in Japan sind nach wie vor präsent, und der Jahrestag des Reaktorunglücks ist eine gute Gelegenheit, sich die apokalyptische Zerstörungskraft eines Super-Gaus noch einmal in Erinnerung zu rufen. Nur ein Bruchteil der Radioaktivität, die 25 Jahre zuvor in Tschernobyl ausgetreten war, wurde in Fukushima freigesetzt. Trotzdem wird es nach Berechnungen der japanischen Regierung 10,5 Milliarden Euro kosten, die Folgen des Reaktorunfalls in der Region zu beseitigen. Die unmittelbare Umgebung des Kraftwerks wird auf Jahrzehnte unbewohnbar bleiben. 100.000 Menschen sind aus ihrer Heimat geflohen. Und die, die geblieben sind, sehen sich umgeben von einem unsichtbaren Feind.

Fukushima hat endgültig bewiesen, dass die Atomenergie nicht beherrschbar ist. Auch in einem Hochtechnologieland wie Japan sind Katastrophen mit verheerenden Folgen und unvorstellbaren zeitlichen und räumlichen Dimensionen nicht auszuschließen. Und auch in einem gut organisierten Staat mit disziplinierten Bürgern bleibt im Ernstfall lange Zeit nichts als die blanke Hilflosigkeit.

Dass man nun selbst in Tokio über einen Atomausstieg nachdenkt, ist nachvollziehbar. Dass die Bundesregierung kurz nach dem Unglück von Fukushima ihren Ausstieg vom Ausstieg zurückgenommen hat, war richtig.

Doch ein Jahr später sollten wir nicht nur der Opfer gedenken und uns erneut der Gefahren bewusst werden. Es gilt auch zu fragen, was seitdem passiert ist. Die Antwort lautet: nicht viel. Deutschland hat nach dem Fukushima-Schock energiepolitisch die Hand schreckhaft von der heißen Herdplatte genommen. Aber niemand hat die Herdplatte ausgeschaltet, und niemand kümmert sich vernünftig darum, für die Zukunft eine Ersatzmöglichkeit zum Kochen zu schaffen.

Die vollmundigen Versprechungen der Bundesregierung haben offensichtlich eine deutlich geringere Halbwertszeit als das radioaktive Material, das beispielsweise in den Brennstäben der nach wie vor neun aktiven deutschen Kernkraftwerke zurückbleibt. Denn diese Atomkraftwerke wurden nur dürftig nachgerüstet. Für die Entsorgung des bis zum endgültigen Ausstieg im Jahr 2022 anfallenden Atommülls gibt es weiter keine Lösung. Und die von der Kanzlerin versprochene Energiewende droht dramatisch an Schwung zu verlieren. Durch die gekürzte Förderung wird sich das Wachstum beim Solarstrom verlangsamen. Beim Ausbau von Offshore-Windparks hinkt Deutschland bereits zwölf Monate hinter dem Fahrplan her. Speichermöglichkeiten für Strom aus erneuerbaren Quellen fehlen, die Netze müssen dringend ausgebaut werden.

Wenn der schwarz-gelbe Atomausstieg mehr bleiben sein soll als ein taktisches Manöver, dann muss sich die Bundeskanzlerin diese Themen dringend wieder auf den Tisch ziehen – und Druck machen.

Willkommen in Günther Jauchs Zeitmaschine

März 4, 2012 · Posted in Bewegtbild, TV · Comment 
Atomstrom oder Windkraft? Bei Günther Jauch waren die ideologischen Grenzen klar gezogen. Foto: obs/Deutscher Naturschutzring

Atomstrom oder Windkraft? Bei Günther Jauch waren die ideologischen Grenzen klar gezogen. Foto: obs/Deutscher Naturschutzring

Kann man mit Atomstrom eine Zeitmaschine betreiben? Oder mit Windkraft? Ich weiß es nicht. Ich bin mir, spätestens seit Zurück in die Zukunft Teil 1 – 3 nur sicher: Um durch die Zeit reisen zu können, braucht man ziemlich viel Energie. Oder Günther Jauch.

Denn der diskutiert wieder einmal den Atomausstieg und die Frage, ob Deutschland ohne Kernenergie auskommen kann. Doch so richtig stimmt zunächst nichts an dieser Sendung. Die Fairness? Die übliche Verteilung, die Befürworter und Gegner in etwa gleich große Lager aufteilt, wird sträflich ignoriert. Wolfgang Clement steht von Anfang an ganz alleine da als Liebhaber der deutschen Atomkraftwerke, und er muss sich gleich gegen dreieinhalb Kritiker wehren. Das Thema? Sündenfall Atomkraft – aber geht’s wirklich ohne Kernenergie? heißt der Titel der Sendung. Doch zwischendurch geht es plötzlich um Backpulver und den Bundespräsidenten. Das Timing? Als Aufhänger für das Thema hat Günther Jauch das Reaktorunglück von Fukushima gewählt – das jährt sich aber erst am kommenden Sonntag zum ersten Mal.

Doch die Sache mit der Zeit ist ohnehin nicht so entscheidend an diesem Abend im Berliner Gasometer. In weiten Teilen hätte die Debatte, mit denselben Teilnehmern und denselben Positionen, auch unmittelbar nach der Katastrophe von Fukushima stattfinden können.

Wolfgang Clement ist, wie damals schon, einer der wenigen, die sich öffentlich für die Kernenergie stark machen wollen. Nach wie vor schwört er, als Aufsichtsratsmitglied von RWE wohl nicht ganz unvoreingenommen, auf die unvergleichlichen Sicherheitsstandards hierzulande. Dass ein deutsches AKW in die Luft fliegen könne, sei so gut wie unmöglich. Gewiss sei hingegen, dass durch den Atomausstieg die Strompreise explodieren. Zudem weist Clement korrekterweise darauf hin, wie scheinheilig ein Ausstieg ist, wenn dann Atomstrom aus den Nachbarländern nach Deutschland importiert werden muss.

Glaubwürdig ist allerdings nichts davon. Spätestens dann nicht mehr, als Clement sich vehement gegen Subventionen für Solarstrom ausspricht. Damit würden künstlich und auf Kosten des Steuerzahlers Arbeitsplätze am Leben erhalten, sagt er. Das ist durchaus amüsant aus dem Mund eines Mannes, der einmal Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war, wo eben dies jahrzehntelang für den unrentablen und zudem klimaschädlichen Steinkohlebergbau getan wurde.

Die Rolle von Ranga Yogeshwar, dessen Stern im deutschen Fernsehen während der Dreifach-Katastrophe von Japan noch heller strahlte als die Brennstäbe in Fukushima, übernimmt diesmal Ulrich Walter. Der Physiker und ehemalige Astronaut weist darauf hin, dass Radioaktivität ganz natürlich ist. Mit dem Geigerzähler rennt er durchs Studio, und wir lernen: Eine Packung Backpulver strahlt etwa sechs Mal so stark wie Günther Jauch. Das hat zwar durchaus Charme im Stile der Sendung mit der Maus, hilft aber weder im Falle eines Supergaus noch hinsichtlich der Frage der Zukunft der Energieversorgung.

Auch Gudrun Pausewang, Autorin des Anti-Kernkraft-Werkes Die Wolke, driftet vergleichsweise weit ab. Hatte Walter noch versucht, Radioaktivität quasi als bio zu verkaufen, ist die Strahlengefahr für die 84-Jährige ebenso bedrohlich wie die Nazis. «Was habt ihr dagegen getan?» – diese Frage hätte ihre Generation den Eltern gestellt, die das Dritte Reich womöglich mitgetragen hatten. Sie selbst müsse sich die Frage im Hinblick auf die Gefahren von Atomunfällen stellen lassen, glaubt Pausewang.

Umweltschützer Franz Alt gibt derweil den Apostel der Energiewende. Ein «grünes Wirtschaftswunder» propehzeit er der Republik. Auch er scheint dabei eher im Jahr 2011 denn im Hier und Jetzt zu verweilen, wo die Kürzung der Solarforderung und Arbeitsplatzabbau bei Solar-Herstellern die Schlagzeilen beherrschen.

Und dann ist da ja noch Klaus Töpfer. Immerhin er bringt eine Prise Aktualität in der Runde. Schließlich galt der ehemalige Bundesumweltminister als heißer Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, bis die Kanzlerin von der FDP überrumpelt wurde und sich für Joachim Gauck begeistern musste. Der CDU-Mann, als Vorsitzender der Ethikkommission im vergangenen Frühjahr treibende Kraft für den Atomausstieg schwarz-gelber Prägung, gibt sich staatsmännisch und weltmännisch. Fast wirkt sein Auftritt wie eine nachträgliche Bewerbung für ein Ticket ins Schloss Bellevue.

Immerhin bleibt er der Einzige an diesem Abend, dessen Argumente von keinem anderen in der Runde widerlegt werden können. Kein Wunder: Töpfer hat schlicht die Logik auf seiner Seite. Dass man ein Restrisiko nicht mehr in Kauf nehmen muss, wenn man eine gleichwertige Alternative schaffen kann, die mit keinerlei Risiko verbunden ist – das leuchtet ein. Dass man keine Demokratie mehr braucht, wenn sich die Politik ständig in Situationen manövriert, die angeblich alternativlos sind – solch eine selbstkritische und grundsätzliche Erkenntnis hätte auch von Joachim Gauck kommen können.

Töpfer scheint derjenige zu sein, bei dem die Ereignisse von Fukushima wirklich zu einem grundsätzlichen Hinterfragen seiner Position und zu einer ernsthaften Suche nach Alternativen geführt haben. Alle anderen bei Günther Jauch verharren in ihrem ideologischen Schutzpanzer. Das zeigt vor allem eins: Wie wenig wir alle innerhalb des Jahres nach der Katastrophe von Fukushima gelernt haben.

Bestes Zitat: «Ich bin nicht Rot-Grün. Sondern ich bin Clement.» (Wolfgang Clement will nicht in Sippenhaft genommen werden für Positionen der Bundesregierung, der er angehörte).

Diesen Artikel gibt es mit einer Fotostrecke zu den Atomkraftwerken in Deutschland auch bei news.de.

Der kritische Blick: Schluss mit Atomstrom, jetzt!

März 14, 2011 · Posted in Ich, Kommentare, Videos, Weltgeschehen · Comment 

Ausgerechnet kurz vor dem 25. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe droht in Japan ein atomarer Supergau. Die Kernkraftwerke dort waren dem Erdbeben und Tsunami nicht gewachsen. Was nun für Folgen drohen, ist noch nicht absehbar. Trotzdem bringt das Unglück in Japan zurecht auch in Deutschland wieder die Frage nach der Verantwortbarkeit von Atomenergie auf die Tagesordnung. Die Antwort kann nur lauten: Ausstieg. Und zwar so schnell wie möglich. Denn Atomenergie ist gefährlich - auch dann, wenn die Erde nicht bebt.

Mehr Kommentare zu aktuellen Themen gibt es bei den News.de-Videos.

Stumpfe Schwerter

November 13, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Wieder einmal hat sich Alois Rhiel in vorderster Front gegen die deutschen Stromriesen positioniert. Schon längst hat sich der ehemalige Fuldaer Oberbürgermeister als Hoffnungsträger all derer etabliert, die unter immer weiter steigenden Strompreisen leiden. Nun will Hessens Wirtschaftsminister den Feldzug in den Bundesrat tragen und dort für die Umsetzung seiner schon lange gehegten Pläne werben: Die Stromriesen Eon, Vattenfall, RWE und ENBW sollen gezwungen werden, Kraftwerke an kleinere und neue Konkurrenten abzugeben, die dann den Markt aufmischen und so die Verbraucher entlasten sollen.

Doch wer beim Blick auf die Stromrechnung nun auf eine baldige Ersparnis hofft, täuscht sich. In der Bundesregierung gibt es offensichtlich wenig Sympathie für Rhiels Anregungen, einige Bundesländer haben sie bereits ausdrücklich abgelehnt. Vor allem aber werden die Großkonzerne mit aller Macht um ihre lukrativen Kraftwerke kämpfen. Zwangsläufig würde die Umsetzung von Rhiels Plänen einen langwierigen Rechtsstreit nach sich ziehen, der wohl bis vors Bundesverfassungsgericht ginge.

Zudem dürften Eon & Co. auch zu anderen Mitteln greifen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Stromriesen ihrer Lobby bedienen und mit Investitionsstopps, Abwanderung und dem dadurch verursachten Verlust von Arbeitsplätzen drohen. Und nicht zu Unrecht verweisen die Anbieter auf die Scheinheiligkeit der Politik, die mit Steuern und Abgaben selbst zu den hohen Strompreisen beiträgt. Dass die Pläne aus Hessen schon bald Gesetz werden, ist deshalb so gut wie ausgeschlossen. Dass sie überhaupt irgendwann umgesetzt werden, ist zumindest fraglich.

Auch andere Vorstöße für mehr Wettbewerb auf dem Strommarkt haben ihre Haken. Die zuletzt von der EU-Kommission angeregte Zerschlagung der Konzerne mit einer Trennung von Stromerzeugung und -verteilung ist juristisch ebenso heikel wie die von Rhiel vorgeschlagenen Maßnahmen. Auch hier dürfte der Gang durch die Instanzen die Hoffnung der Verbraucher auf eine schnelle Entlastung zunichte machen. Die von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos vorgeschlagene Stärkung des Kartellamts dürfte sich ebenfalls als stumpfes Schwert erweisen. Selbst Wettbewerbshüter bezweifeln, dass dies zu sinkenden Preisen führen wird, weil es nach wie vor schwierig bleiben wird, den Quasi-Monopolisten Missbrauch ihrer Marktstellung nachzuweisen.

Mächtiger als die Politik sind derzeit ohnehin die Verbraucher: Der schnellste Weg zu einer niedrigen Stromrechnung führt über den Wechsel des Tarifs oder Anbieters. Doch nur acht Prozent der Haushalte haben im vergangenen Jahr von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Erst wenn der Rest aufwacht – und ebenso wie beim Kauf von Autos, Reisen oder Brot auch hier Preisbewusstsein entwickelt – wird wirklich Schwung in den Markt kommen.

Knietief im Sumpf

März 28, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Als vor drei Jahren bei Siemens ein Nachfolger für Vorstandschef Heinrich von Pierer gesucht wurde, gab es vier potenzielle Nachfolger: Die Zentralvorstände Johannes Feldmayer, Thomas Ganswindt, Heinz-Joachim Neubürger und Klaus Kleinfeld wurden als Kronprinzen gehandelt. Inzwischen gilt Neubürger als eine Schlüsselfigur der Korruptionsaffäre in der Com-Sparte. Ganswindt saß wegen des Skandals im Dezember bereits im Gefängnis. Gestern wurde auch noch Feldmayer verhaftet. Kleinfeld, der schließlich das Rennen machte und inzwischen der einzige der einstigen Hoffnungsträger ist, der (noch) eine weiße Weste hat, dürfte das unmissverständlich klar machen: Mit einer schärferen Revision und beflissentlich neu formulierten Unternehmensgrundsätzen ist es nicht getan. Denn Siemens steckt knietief im Sumpf. Der Image-Verlust für das einstige deutsche Vorzeige-Unternehmen ist unermesslich.

Man muss sich immer wieder wundern, wenn man in diesen Tagen von den Geschäftspraktiken der Münchner erfährt. Mehr als 14 Millionen Euro – getarnt als Honorare – erhält ein Gewerkschafts-Chef angeblich, um im Betriebsrat die Interessen der Arbeitgeber statt die Belange seiner eigenen Mitglieder zu vertreten. Mehr als 400 Millionen Euro sind nach Siemens-Schätzungen in der Com-Sparte unterschlagen worden, um damit Schmiergelder zu bezahlen. Und 6 Millionen Euro haben Manager auf den Tisch gelegt, um an Aufträge in Italien zu kommen.

Dafür haben die Verantwortlichen auch noch eine außerordentliche Abfindung bekommen, wie gestern im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht ans Licht kam. Zugleich versucht das Unternehmen dort, den Gewinn herunterzurechnen, den der illegale Deal gebracht haben soll, um die fällige Millionenstrafe an die Staatskasse möglichst gering zu halten.

An eine Weltfirma lassen solche Machenschaften nicht denken, eher an Kleinkriminelle. Die Verantwortlichen bei Siemens mögen harten Konkurrenzkampf oder persönliche Karriere-Ambitionen als Gründe für ihr Handeln nennen. Sie mögen sich auch auf VW berufen, wo sich Manager und Betriebsräte gar auf Firmenkosten amüsierten und gleichzeitig der Belegschaft Bescheidenheit predigten. Oder auf Energieversorger, die Entscheidungsträger in den Kommunen angeblich mit Luxus-Reisen umschmeicheln, und gleichzeitig nicht einmal die eigenen Strom-Netze in Schuss halten. Doch der Verweis auf allgemein übliches Vorgehen ist beim besten Willen keine Entschuldigung.

Im Gegenteil: All diese Fälle zeigen, dass überall dort, wo sich die Führung einer Firma nur an Profitmaximierung orientiert, kein Platz für Moral ist. Mit derlei Praktiken verlieren die Unternehmen ihre Glaubwürdigkeit – und auf lange Sicht womöglich auch ihre Kunden.

Kriegserklärung

Januar 11, 2007 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

José Manuel Barroso wandelt auf den Spuren von Hugo Chavez. Einen Tag, nachdem der Präsident Venezuelas angekündigt hat, einen großen Stromversorger des Landes zu verstaatlichen, lässt nun der Präsident der EU-Kommission die Bombe platzen: Das beste für den Wettbewerb auf dem europäischen Energiemarkt wäre es, Erzeuger und Verteiler zu trennen. Eon, Vattenfall & Co. sollen Stromleitungen und Gasrohre weggenommen werden. Eine Kriegserklärung.

Die Worte des Portugiesen sind Balsam auf die Seele für jeden, der in den vergangenen Monaten eine Strom- oder Gasrechnung bekommen hat. Brüssel macht klar: Der Markt funktioniert in diesem Bereich nicht, und die Verbraucher müssen die Zeche dafür zahlen. Allein in Deutschland streichen die Energieversorger durch überhöhte Preise pro Jahr 20 Milliarden Euro ein, ergaben EU-Berechnungen.

Die Pläne der Kommission setzen auch am richtigen Punkt an. Theoretisch kann ein Unternehmen derzeit noch so günstig Strom oder Gas erzeugen und dem Verbraucher anbieten wollen – wenn die Monopolisten ihm keinen fairen Zugang zu ihren Leitungen gewähren, wird dieses Angebot nie beim Kunden ankommen. Deshalb aber gleich Enteignungen zu fordern, geht zu weit. Egal, wie raffgierig RWE oder ENBW auch sein mögen: Die Netze gehören ihnen, und das Recht auf Eigentum ist im Grundgesetz geschützt.

Barrosos Vorschlag hat deshalb kaum Aussichten auf Verwirklichung. Neben rechtlichen Hürden stehen politische Widerstände. Letztlich entscheiden die Mitgliedsstaaten über das Konzept. Sowohl Deutschland als auch Frankreich haben massive Bedenken. Zudem sind die Pläne auch nicht ausgereift. Wer soll die Leitungen kaufen? Wer soll sie unterhalten? Dass die Börse gestern so gut wie gar nicht reagierte, zeigt, wie gering die Chancen auf eine Umsetzung sind.

Bessere Aussichten hat Plan B, der nicht auf Enteignung, sondern auf eine stärkere Regulierung setzt. Zwar hat es nach der Liberalisierung der Energiemärkte fast zehn Jahre gedauert, aber in diesem Bereich sind Fortschritte zu erkennen. Aufmerksamere, mächtigere und besser vernetzte Aufsichtsbehörden können durchaus Druck auf die Preise ausüben. Die Bundesnetzagentur hat das zuletzt bewiesen.

Dass die Kommission mit einer Maximalforderung auf den Plan tritt, ist verständlich. Denn so kann Stimmung gemacht und von Seiten der Verbraucher Druck aufgebaut werden. Wie nötig das ist, haben die Energieriesen gestern selbst bewiesen: Sie drohten nach Bekanntwerden des EU-Konzepts prompt mit Investitionsstopps. Dass nicht nur die Kunden den Strom brauchen, sondern die Unternehmen auch die Kunden, scheinen sie zu vergessen. Und der Hinweis, mehr Wettbewerb werde zu weniger Investitionen und mangelnder Qualität führen, dürfte für alle RWE-Kunden wie Hohn klingen, die nach gebrochenen Strommasten im Münsterland im vergangenen Winter tagelang im Dunkeln saßen.

In Saus und Braus

August 9, 2006 · Posted in Kommentare, Weltgeschehen · Comment 

Öl-Multi müsste man sein. Während allerorten nach Sparpotenzialen gesucht und Gewinnmaximierung angestrebt wird, lebt die Branche mit dem Schwarzen Gold in Saus und Braus. Sagenhafte 23,8 Milliarden Dollar haben Exxon Mobil, Shell und BP im zweiten Quartal dieses Jahres insgesamt verdient. Da braucht man sich um Effizienz offensichtlich nicht mehr zu kümmern.

Doch statt dem Rubel müssten bei BP Köpfe rollen. Denn was nach der Pipeline-Panne aus Alaska ans Licht kommt, ist ein Skandal. Nicht nur, dass dort hunderte Liter Öl aus den Leitungen flossen und nun die Umwelt belasten. Mehr noch: Das Leck wäre womöglich gar nicht entdeckt worden, hätte es nicht im März schon einen ähnlichen Vorfall gegeben, nach dem die US-Behörden eine Untersuchung angeordnet haben. Während Autofahrer hier zu Lande versuchen, Sprit zu sparen, versickern dort unbemerkt riesige Mengen Öl in der Tundra.

Das ist umso schockierender, wenn man weiß, dass die Rohre eigentlich nur für eine Laufzeit von 25 Jahren gebaut, aber schon seit 29 Jahren in Betrieb sind. Zudem hat BP es – trotz seiner Milliardengewinne – seit 1992 nicht mehr für nötig gehalten, die Leitungen zu reinigen.

Diese Art, ein Unternehmen zu führen, ist unverantwortlich. Denn nachdem klar war, dass Amerikas größtes Ölfeld lange ausfallen wird, explodierten an den Rohölbörsen erneut die Preise – mit unabsehbaren Folgen für die weltweite Konjunktur. Auch an deutschen Zapfsäulen erleidet mancher Autofahrer in diesen Tagen wieder einen Preisschock. Damit verdient BP noch am eigenen Pfusch.