Durchgelesen: Alexander Monro – „Papier“


Autor Alexander Monro

Cover des Buchs Papier von Alexander Monro bei Bertelsmann

Die Erfolgsgeschichte des Papiers zeichnet Alexander Monro in seinem Buch nach.

Titel Papier. Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte
Originaltitel The Paper Trail: An Unexpected History Of A Revolutionary Invention
Verlag C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Eine Kulturgeschichte des Fußballs, eine des Klimas, eine der Brüste und sogar eine der Scheiße ist in den vergangenen Jahren erschienen. Da sollte es doch auch möglich sein, eine interessante Kulturgeschichte des Papiers zu schreiben. Schließlich hat es enormen Einfluss auf die verschiedensten Lebensbereiche gehabt, stellt Autor Alexander Monro in seinem Buch treffend fest: „Seit zweitausend Jahren ermöglicht Papier auf einzigartige Weise die Umsetzung von politischen Strategien und die Verbreitung von wissenschaftlichen Ideen, Religionen, Philosophien oder Propaganda. Die bedeutendsten Zivilisationen verwendeten es, um ihre Vorstellungen von der Welt in den eigenen Kulturen in Umlauf zu setzen und in fremde Kulturen einfließen zu lassen.“

Daraus ein spannendes Sachbuch zu machen, gelingt ihm aber nicht. Papier – Wie eine chinesische Erfindung die Welt revolutionierte ist gut recherchiert, hat aber einige Schwächen. Zum einen ist der Fokus auf das im Untertitel erwähnte Ursprungsland ein wenig zu stark ausgeprägt. Das Buch liest sich vor allem in der ersten Hälfte öfter wie eine (kultur-)politische Geschichte Chinas und Ostasiens als wie eine Kulturgeschichte des Papiers. Da schlägt wohl die Begeisterung des Autors für diese Weltregion durch: Alexander Monro lebte in Beijing and Shanghai als Student und Journalist, studierte später Mandarin und chinesische Politik in Cambridge, heute ist er als Chinaexperte bei einer Beratungsgesellschaft in London tätig. Immer wieder schwingt in Papier ein untrüglicher Stolz des China-Fans auf diese Erfindung und ihre Urheber mit, was mitunter dazu führt, dass Monro übers Ziel hinaus schießt, beispielsweise wenn er Bauwerke als Produkte der Papierkultur vereinnahmt, weil schließlich die Entwürfe und Berechnungen der Architekten auf Papier gemacht wurden.

Zum anderen ist die sehr trockene, im schlimmsten Falle sogar dröge Sprache gewöhnungsbedürftig. „Papier ist geduldig“, sagt ein Sprichwort – und diese Eigenschaft scheint Alexander Monro auch von seinen Lesern zu erwarten. Das nimmt dann auch überzeugenden Gedankengängen oder spektakulären Schlussfolgerungen etwas von ihrem Glanz, etwa wenn der Autor die Bedeutung des Papiers bei der Ausbreitung bestimmter Religionen oder der Entstehung einer modernen Verwaltung aufzeigt oder verdeutlicht, wie Papier dazu führte, Frauen zu Autorinnen werden zu lassen. Was man ebenfalls fragwürdig finden kann: Alexander Monro lässt seine Kulturgeschichte des Papiers (auch wenn es einen Ausblick auf die Rolle des Papiers im digitalen Zeitalter gibt) praktisch im Jahr 1789 enden, was vielleicht nichts Gutes für die Zukunftsfähigkeit des Materials bedeutet.

Als größtes Hemmnis für ein wirkliches Lesevergnügen erweist sich allerdings die chronologische Gliederung des Buchs. Denn die Effekte, die der Einsatz von Papier zunächst vor ungefähr 2000 Jahren im China der Han-Dynastie auslöste, dann in Zentralasien, schließlich ab dem 13. Jahrhundert auch in Europa, wiederholen sich: mehr Kommunikation, mehr Bildung, mehr Freiheit. Das ist zwar ein starkes Argument für die Wirkungsmacht des Materials, aber langweilig zu lesen, weil es so viele Redundanzen mit sich bringt. Eine thematische Gliederung hätte da sicherlich besser funktioniert: In einzelnen Kapiteln beispielsweise die Verwendung von Papier als Beschreibstoff, Verpackungsmaterial, Baustoff, Träger von Massenmedien oder Material, aus dem sich Kunst, Mode, Gebäude oder Kaffeebecher machen lassen, wäre eindeutig interessanter gewesen – und hätte ebenfalls genug Möglichkeiten offen gehalten, geografischer Besonderheiten nachzuzeichnen.

Dass die Geschichte des Papiers genug Facetten für eine solche Aufteilung geboten hätte, macht das faktenreiche Buch deutlich, vor allem in der Zeit ab der Renaissance, in der Papier (in Form des Buches) zum Träger und Motor eines Wissens-Booms wird. Besonders interessant wird es, wenn Monro dabei nicht nur auf Verleger, Vertrieb und Markt blickt, sondern auch darauf, wie sich die Stärken des Beschreibstoffs Papier auf Leser und Autoren ausgewirkt haben, auf ihre Freiheiten und Ideen, ihre Macht und ihre Produktivität. Manches, was der Autor auch in dieser Phase als Verdienst des Papiers betrachtet, ist zwar mindestens ebenso sehr ein Verdienst der Schriftlichkeit an sich, der Alphabetisierung oder des Buchdrucks – wobei es zwischen all diesen Elementen und dem Papier natürlich Wechselwirkungen gibt. Doch das Aufzeigen dieser Wechselwirkungen wird, mehr als der Lobpreis eines Beschreibstoffs, schließlich noch das eigentlich Spannende an diesem Buch.

Bestes Zitat: „Papier war der Evangelist vieler Überzeugungen, von denen die Menschheitsgeschichte geprägt wurde. Es trug eine Vielfalt von Ideen in die entferntesten Länder und zu Volksgruppen, die sie ansonsten vermutlich nie kennengelernt, geschweige denn übernommen hätten. Das Papier ist alles zugleich: Propagandist, Tyrann, Demokratisierer, Werkzeug, Erfinder, Zauberer und Techniker. Aber seine wahre Macht liegt im Fehlen einer eigenen Persönlichkeit. Sich selbst zurücknehmend, hat sich dieser bezahlbare Stoff seinen Weg (wenngleich oft sehr langsam) um die ganze Welt gebahnt und dabei die elektrisierendsten Ideen auf seinem Rücken mit sich getragen.“

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