Durchgelesen: Nicholas Stargardt – „Der deutsche Krieg 1939-1945“


Autor Nicholas Stargardt

Cover des Buchs Der deutsche Krieg von Nicholas Stargardt

Mikro- und Makroperspektive vereint „Der deutsche Krieg“.

Titel Der deutsche Krieg 1939-1945
Originaltitel German War. A Nation Under Arms, 1939-45
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

„Um einen Krieg dieses Ausmaßes zu führen, mussten die Nationalsozialisten in einem Maße die Gesellschaft mobilisieren und den Einzelnen einbinden, das weitaus tiefer reichte als alles, was sie in der Vorkriegszeit zu erreichen versucht hatten. Aber 70 Jahre nach dem Ende des Krieges wissen wir noch immer nicht – trotz ganzer Bibliotheken voller Bücher über seine Entstehung, Verlauf und Gräuel -, wofür die Deutschen zu kämpfen glaubten und wie sie es schafften, diesen Krieg bis zum bitteren Ende fortzuführen“, stellt Nicholas Stargardt zu Beginn von Der deutsche Krieg 1939-1945 fest. Es ist eine ebenso erstaunliche wie zutreffende Diagnose. Der in Australien geborene Oxford-Historiker verspricht nicht weniger als die Antwort auf diese Frage: „In diesem Buch geht es darum, wie die deutsche Bevölkerung diesen Krieg erlebte, aushielt und mittrug“, lautet sein nächster Satz.

Das ist kein kleines Versprechen. Wie schwierig es ist, in Volkes Seele zu schauen, beweisen regelmäßig die Blamagen der Meinungsforscher. Um wie viel komplizierter muss da das Vorhaben wirken, solch ein Stimmungsbild für eine Zeit zu zeichnen, die zwei bis drei Generationen zurückliegt und über die viele der damals Beteiligten heute am liebsten gar nicht oder allenfalls sehr beschönigend Auskunft geben möchten? Stargardt, Professor für neuere europäische Geschichte an der Universität Oxford, wählt einer besondere Methode dazu: Tagebücher und Briefe sind seine wichtigsten Quellen. Anhand solcher Zeugnisse von prominenten Protagonisten wie Heinrich Böll und Victor Klemperer, aber auch ganz normalen Leuten wie Wilm Hosenfeld und Konrad Jarausch erzählt er eine Mikro- und Alltagsgeschichte komplett aus der Zeit heraus. Was diese Methode leisten kann, hat zuvor beispielsweise Felix Römer in Kameraden eindrucksvoll bewiesen, als er die im Lager abgehörten Gespräche deutscher Kriegsgefangener ausgewertet hat.

Auch Stargardt setzt hier auf persönliche Sichtweisen, Einzelerlebnisse und Quellen, die für sich betrachtet nicht repräsentativ sind. Aber er ergänzt sie stets um die große Perspektive, beispielsweise mit Statistiken oder den ebenfalls zeitgenössischen Berichten des Sicherheitsdienstes, der – basierend auf einer systematischen Auswertung von in der Öffentlichkeit belauschten Gesprächen und zensierter Feldpost – regelmäßig die Stimmungslage im Land und an der Front für die Nazi-Führung zusammenfasste. „Das vorliegende Buch (…) will Ängste und Hoffnungen der breiten Gesellschaft aufdecken, um zu verstehen, wie Deutsche diesen Krieg vor sich selbst rechtfertigten“, erklärt er zu Beginn des heute erscheinenden Werks seine Motivation. Das gelingt in Der deutsche Krieg tatsächlich. Auf den gut 670 Seiten entsteht so etwas wie eine Fieberkurve des Verhältnisses der Deutschen zu ihrer Führung. Begeisterung, Zuversicht und Identifikation sind darin ebenso abzulesen wie Verleugnung, Ignoranz und Scham.

Stargardts Fachkollegen sind begeistert: „Herausragend“ nennt Ian Kershaw das Buch, „ein Muss“ ist die Lektüre für Saul Friedländer, als „eindrucksvolle, fesselnde Darstellung“ lobt Mark Roseman das Werk, gar als „ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung“ preist Jan T. Gross Der deutsche Krieg an. Man kann sich nur anschließen. Der Autor fängt die Widersprüche dieser Nation unter Waffen (so der Originaltitel) ein, die Paranoia, die Arroganz, die Brutalität der Deutschen – vor allem aber die Atmosphäre in der zweiten Hälfte des Dritten Reichs. Er setzt dabei auf viele Details und scheinbare Nebensächlichkeiten, die das Bild enorm anschaulich und lebendig machen: Welche Filme schaute man? Welche Waren waren besonders knapp? Wie gingen die Fußballspiele aus?

Seine innovative Methode wird begleitet von einem wunderbaren Stil. Geradezu ein Genuss sind die sehr eleganten Verknüpfungen verschiedenster Aspekte innerhalb der einzelnen Kapitel. Besonders gerne findet Stargardt prägnante Zitate von Zeitzeugen, die eine Überleitung zwischen höchst unterschiedlichen Themen ermöglichen, von der Evakuierung deutscher Städte zur Ostfront, vom Holocaust zur Versorgungslage, von der Rolle der Kirchen im Dritten Reich zum Gebaren der Deutschen in den von ihnen besetzten Gebieten. Ebenfalls sehr wohltuend ist die klare Struktur des Buchs: Stargardt zeigt zwar historische Kontinuitäten in beide Richtungen auf (beispielsweise beim Rückblick auf den Versailler Vertrag oder die Mechanismen des Verdrängens und Verschweigens in der jungen Bundesrepublik), hält sich aber streng an den von ihm vorgegeben Zeitraum 1939-1945 und erzählt konsequent chronologisch.

Nicht zuletzt leistet Der deutsche Krieg auch das, was jede wichtige historische Darstellung leisten muss: eine Neubetrachtung der Fakten, schonungslos und quellengestützt. Ohne, wie sein Landsmann Christopher Clark es jüngst äußerst erfolgreich am Beispiel des Ersten Weltkriegs in Die Schlafwandler getan hat, allzu explizit auf der deutschen Schuldfrage herumzureiten, zeigt Stargardt unmissverständlich: Die Deutschen waren nicht Verführte dieses Regimes, sie waren in der Regel auch keine Opfer. „Im Gegensatz zum Regime Stalins, der bereit war, einen Krieg gegen die Mehrheit der Bevölkerung zu führen, um seine gesellschaftliche Revolution durchzusetzen, justierte Hitlers Diktatur ihre Gewalt weiterhin so, dass eine Mehrheit der Deutschen sie nicht zu spüren bekam“, hat der 53-Jährige richtig erkannt.

Genau diese Kompromissfähigkeit des NS-Regimes war ein wichtiges Element, um die Bevölkerung auch in den schwierigsten Phasen des Krieges bei der Stange zu halten und sie auch dann nicht zu massenhafter Revolte, Sabotage oder Desertation greifen zu lassen, als selbst der Glaube an eine Wunderwaffe sich in den letzten Monaten des Kriegs als Hirngespinst erwiesen hatte. Stargardt lässt keinen Zweifel daran: Die Deutschen mussten nicht mit permanentem Terror dazu gezwungen werden, für Hitler zu kämpfen. Die ganz überwiegende Mehrheit glaubte an diesen Krieg, an seine Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit. Das Volk hat ihn legitimiert, mitgetragen und zur blutigsten Auseinandersetzung der Weltgeschichte gemacht.

Die beiden wichtigsten Gründe, die Stargardt dafür anführt, wirken rückblickend gerade deshalb so tragisch, weil sie so leicht zu überwinden und widerlegen scheinen. Der erste ist ein typisch deutsches Pflichtgefühl, gepaart mit dem Bedürfnis, nicht dieselbe Schmach erleiden zu müssen wie die eigenen Väter im Ersten Weltkrieg. „Soldaten und ihre Familien identifizierten den Krieg nicht mit dem nationalsozialistischen Regime, sondern mit ihrer Generationenverantwortung, und gerade das erwies sich als stärkste Bande ihres familiären Patriotismus“, bringt Stargardt diesen gut herausgearbeiteten Effekt auf den Punkt. Der zweite ist eine gänzliche undeutsche Fantasterei: der Glaube, man führe einen Verteidgungs- oder allenfalls Präventivkrieg gegen eine Welt voll blindem Hass auf das eigene Volk.

Bestes Zitat: „Die Kriegsbelastungen äußerten sich in der deutschen Gesellschaft in einer ganzen Palette von Verstimmungen und sozialen Konflikten, wobei das Regime in vielen Fällen aufgefordert wurde, zu vermitteln und zu entschärfen. Aber so unpopulär der Krieg auch war, galt er doch weiterhin als legitim – und zwar mehr noch als der Nationalsozialismus. Deutschlands Krisen in der Mitte des Krieges führten nicht zu Defätismus, sondern zu einer Verhärtung der gesellschaftlichen Einstellungen.“

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