Durchgelesen: Daniel J. Levitin – „Die Welt in sechs Songs“


Wie die Musik unseren Geist und die Kultur geprägt hat, erklärt Daniel Levitin in seinem Buch.

Wie die Musik unseren Geist und die Kultur geprägt hat, erklärt Daniel Levitin in seinem Buch.

Autor Daniel J. Levitin
Titel Die Welt in sechs Songs. Warum Musik uns zum Menschen macht
Originaltitel The World In Six Songs: How The Musical Brain Created Human Nature
Verlag C. Bertelsmann
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung

In Deutschland wäre so eine Laufbahn wohl kaum denkbar. Daniel J. Levitin, Jahrgang 1957, war einmal Punkmusiker, hat dann als Produzent und Toningenieur gearbeitet und war in dieser Rolle unter anderem an Alben von Santana, Jonathan Richman oder Chris Isaak beteiligt. Bei ihm zuhause hängen einige Goldene Schallplatten, doch seine Wirkungsstätte ist mittlerweile die Universität von Montreal. Dort ist er als Professor für Psychologie und Neurowissenschaften tätig und betreibt ein Labor für musikalische Wahrnehmung.

Wer das für einen halbseidenen akademischen Werdegang hält, der wird angesichts der Thematik von Die Welt in sechs Songs. Warum Musik uns zum Menschen macht wohl erst recht skeptisch werden. Der Hirnforscher geht darin der Frage nach, wie Musik uns zu dem gemacht hat, was wir sind. „Die Welt in sechs Songs versucht sich an einer Erklärung der gemeinsamen Entwicklung von Musik und dem menschlichen Gehirn über Tausende von Jahren hinweg und auf allen fünf Kontinenten. Musik, so meine These, ist nicht einfach ein Mittel der Zerstreuung, ein angenehmer Zeitvertreib, sondern ein wesentliches Element unserer Identität als Spezies, eine Aktivität, die den Weg bereitet hat für komplexe Verhaltensweisen wie Sprache, folgenschwere gesellschaftliche Unternehmungen und die Weitergabe wichtiger Informationen von einer Generation zur nächsten“, umreißt Levitin zu Beginn seine Zielsetzung, die im englischen Originaltitel The World In Six Songs: How The Musical Brain Created Human Nature weitaus besser erkennbar wird.

Ein wenig nachvollziehbarer wird dieser Ansatz, wenn man seinen Bestseller Der Musikinstinkt (auch hier ist der Originaltitel hinsichtlich der Thematik aufschlussreicher: This Is Your Brain On Music: The Science Of A Human Obsession) kennt. Darin hat Levitin bereits aufgezeigt, welche faszinierenden Effekte Musik in uns auslösen kann. In Die Welt in sechs Songs überträgt er diese kognitionswissenschaftlichen Erkenntnisse auf die Menschheitsgeschichte und fragt, welche Rolle Musik wohl im Laufe der Evolution gespielt, wie sie unser Verhalten, unser Miteinander und unser Gehirn geprägt hat. „Musik spielt im täglichen Leben der meisten Völker auf der Welt eine bedeutende Rolle, und das ist in der Geschichte der Menschheit immer so gewesen. Wer unsere Natur verstehen will, das Wechselspiel von Gehirn und Kultur, von Evolution und Gesellschaft, muss die Rolle untersuchen, die die Musik in unserem Leben spielt, er muss herausfinden, wie sich Musik und Menschen gemeinsam entwickelten“, meint er.

Der Ausgangspunkt für Levitin, der Musik als „organisiertes Geräusch“ definiert, sich dann bei seinen Betrachtungen aber vor allem auf das Lied als populärste Form der Musik konzentriert, lautet: Der Mensch ist per se kreativ, denn die Evolution bevorzugt kreative Geister, weil sie Probleme besser lösen können. Irgendwann im Laufe der Evolution gab es einen Entwicklungsschritt, der uns die Fähigkeit zum Musizieren und Singen gegeben hat. Eben dieser Schritt war es auch, der soziales Leben und damit letztlich die moderne Gesellschaft mit komplexen Phänomenen wie Kunst, Wissenschaft, Liebe, Religion oder Demokratie überhaupt erst ermöglicht hat. Musik unterstützt in seiner Theorie also das soziale Leben, ist vielleicht sogar Voraussetzung dafür.

Auch das kann man noch für ambitioniert halten. Doch es ist gerade diese Mischung aus wissenschaftlich fundierten Hintergründen und überbordendem Enthusiasmus, der Die Welt in sechs Songs so lesenswert macht. „Jeder, der Musik liebt, sollte es lesen“, hat Bobby McFerrin über dieses Buch gesagt – und man kann sich diesem Appell nur anschließen.

Levitin liefert viele erstaunliche Fakten, einen guten Überblick über den Forschungsstand und spannende Denkanstöße, reichert sie aber auch um Persönliches an: Seine Wahrnehmung des Vietnamkriegs, die Erinnerung an eine Freundin mit Gehirntumor, sein erster Auftritt mit seiner Band, Gespräche mit befreundeten Musikern wie Sting oder Joni Mitchell – all das wird berichtet und es ist im Leben von Levitin geprägt von und verwoben mit Songs. Es lässt den Autor als engagierten Forscher erscheinen, aber auch als Hippie und Romantiker. Es zeigt: Er liebt Musik. Er glaubt letztlich – wie John Lennon, dem ebenfalls ein paar Absätze gewidmet werden –, dass sie alles erreichen kann.

Gelegentlich schießt er vielleicht über das Ziel hinaus, doch oft hat er gute Argumente für seine Thesen. Levitin zeigt in Die Welt in sechs Songs auf, wie Musik und Tanz es überhaupt erst ermöglicht haben, dass Menschen in größeren Einheiten zusammenleben. Denn Musik und Tanz erwiesen sich als Mittel, um Konflikte zu lösen und Aggressionen zu besänftigen, sie ermöglichten damit organisiertes Arbeiten und Kämpfen. Letztlich wird Musik für Levitin so zum Äquivalent für soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz.

Man könnte nun einwenden, dass all dies auch von Sprache geleistet werden kann, nicht nur von Musik. Levitin erkennt diese Problematik und widmet sich ausführlich der Differenzierung der beiden Kommunikationsformen, wobei er die Vorteile der Musik eindrucksvoll herausarbeitet: „Die Neurobiologie zeigt, dass Musik – nicht jedoch die gesprochene Sprache – Areale des menschlichen Gehirns aktiviert, die sehr alt sind, Strukturen, die wir mit allen Säugetieren gemeinsam haben“, schreibt er beispielsweise. „Lieder beinhalten Wiederholungen rhythmischer und melodischer Motive, und diese Wiederholungen verleihen ihnen ein Element der Vorhersagbarkeit, das der Sprache fehlt. Diese Vorhersagbarkeit aber kann beruhigen.“ Zudem hätten Verhaltensforscher so etwas wie ein „Ehrlichkeitssignal“ der Kommunikation erkannt, das es uns ermöglicht, zwischen wahren und unwahren Botschaften zu unterscheiden. In musikalischen Äußerungen scheint es demnach schwieriger zu sein, Ehrlichkeit vorzutäuschen als in gesprochener Sprache.

Genau aus diesem Grund haben Lieder eine so wichtige Rolle bei der Entstehung unserer Kultur gespielt, legt Levitin dar: „Musik ist daher ein höchst effizientes System zur Vermittlung von Erinnerung und Information. Sie gefällt uns nicht deshalb, weil sie schön ist – wir finden sie schön, weil diejenigen frühen Menschen, die guten Gebrauch von ihr machten, auch diejenigen waren, die im Leben und bei der Reproduktion die größten Erfolge erzielten. Wir alle stammen von Vorfahren ab, die Musik, Tanz und Geschichten liebten.“

Faszinierend sind auch seine Beschreibungen von Experimenten, die die Effekte von Liedern im Gehirn illustrieren, seine Beispiele für die Wirkung von Musik auf das Immunsystem oder ihren Einsatz beim Umgang mit Alzheimer-Patienten. Weniger überzeugend ist die These, dass sich alle Formen von Liedern in nur sechs Kategorien einordnen lassen. Laut Levitin sind dies Freundschaft, Freude, Trost, Wissen, Religion und Liebe, und in eben diese Kapitel gliedert er auch sein Buch.

Gleich mehrfach kann man sich nicht des Verdachts erwehren, dass diese Kategorisierung eher eine Marketing-Idee ist als eine ernsthafte wissenschaftliche Theorie. Es soll auf der ganzen Welt keine Lieder geben, die nicht entweder von Freundschaft, Freude, Trost, Wissen, Religion oder Liebe handeln? So recht scheint der Autor selbst nicht an diese Behauptung zu glauben. Er ordnet einzelne Lieder manchmal gleich zwei Kategorien zu, und an einer Stelle schreibt er ganz explizit: „Natürlich will ich damit nicht sagen, dass es nur sechs Liederarten gibt, die wirklich zählen – vielmehr glaube ich, dass das eigentlich Eindrucksvolle die Bandbreite der Musik und des musikalischen Ausdrucks von Menschen ist.“

Auch die Songbeispiele, die er für die einzelnen Kategorien wählt, sind nicht immer zwingend und würden gelegentlich genauso gut auch in anderen Kapiteln passen. Die Auswahl wirkt eher, als habe Levitin möglichst viele Genres abdecken wollen, damit für jeden Leser etwas Bekanntes dabei ist. Auch die deutsche Übersetzung ist manchmal etwas sperrig, allerdings dürfte es auch reichlich schwer gewesen sein, zwischen streng wissenschaftlichem Duktus und schwärmerischen, beinahe poetischen Passagen eine gute Balance zu finden.

All das sind freilich kleine Makel an einem insgesamt beeindruckenden Buch. Vielleicht übertreibt Levitin gelegentlich bei der Einschätzung, was Musik alles leisten kann und welcher Anteil ihr daran gebührt, dass wir als Spezies heute da stehen, wo wir sind. In jedem Fall aber zeigt Die Welt in sechs Songs, wie arm das Leben (und der Geist) ohne all die Lieder wären, die die Menschen über Jahrtausende erdacht haben. Musik interpretiert Levitin sehr überzeugend als einen „ästhetischen Knoten“ für unsere verschiedenen Gemütslagen, Triebe und Erfahrungen. Sie diene dazu, „unser Reptiliengehirn mit unserem Primaten- und Menschengehirn zu vereinen und unsere Gedanken mit Bewegung, Erinnerung, Hoffnungen, Wünschen zu verknüpfen“. Das heißt, wissenschaftlich gesprochen: Der Mensch braucht Musik, um mit seiner eigenen psychischen Gestalt im Reinen sein zu können. Das heißt, mit anderen Worten: Ohne Musik wären wir alle ganz schön am Arsch.

Bestes Zitat: „Liebeslieder prägen sich unserem Gehirn so tief ein wie es andere Klänge nicht vermögen. Sie erzählen von unseren hochfliegenden menschlichen Träumen, von unseren vornehmsten Eigenschaften. Sie sprechen davon, dass wir unser Ego hintanstellen, weil wir uns wünschen, einer großen Sache zu dienen: Das Wohl eines anderen oder die gemeinschaftliche Sache ist uns mehr wert als das eigene Leben. Ohne die angeborene Fähigkeit, solche Gedanken und Gefühle hervorzubringen, hätten menschliche Gesellschaften nicht entstehen können.“

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