Durchgelesen: Dave Eggers – „Bis an die Grenze“


Autor Dave Eggers

Bis an die Grenze Dave Eggers Kritik Rezension

Dave Eggers erzählt in „Bis an die Grenze“ von einer Aussteigerin.

Titel Bis an die Grenze
Originaltitel Heroes Of The Frontier
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2017
Bewertung

Größer könnte der Gegensatz kaum sein: Die durchgestylte Welt des Silicon Valley stand im Mittelpunkt von Dave Eggers‘ letztem Roman, die Umbrüche, die durch die digitale Revolution in Politik, Wirtschaft und unserem alltäglichen Miteinander im Gange sind, nicht zuletzt eine junge Frau, der plötzlich die Welt offen zu stehen scheint.

In Bis an die Grenze ist der Schauplatz das ursprüngliche Alaska, das weniger Einwohner hat als die Stadt San Francisco, aber viermal so groß ist wie ganz Kalifornien. Der Plot ist im weitesten Sinne eine Mischung aus Road Movie, Aussteigerdrama à la Into The Wild und Familiengeschichte, und die Hauptfigur ist eine alleinerziehende Mutter, die das Gefühl hat, ihr Leben an die Wand gefahren zu haben.

Die 40-jährige Josie hat ihre Zahnarztpraxis verloren, weil sie von einer Patientin verklagt wurde. Der Vater ihrer Kinder hat sie schon vor einer ganzen Weile verlassen und will nun eine andere Frau heiraten. Und bei den Kindern Sam und Ana haben diese Begleitumstände auch bereits Spuren hinterlassen. Um das alles hinter sich zu lassen, mietet Josie eines Tages ein Wohnmobil, packt die Kinder und ihre letzten 3000 Dollar ein und fährt nach Norden. An einer Stelle des Buches wird umrissen, was sie sich davon erhofft: „Sie hatte sich selbst endlose Fahrten wie diese versprochen, die Kinder beschäftigt oder schlafend, während sie über ihre vielen Fehler nachdenken konnte und über den fundamentalen Fehler, andere Menschen zu kennen, die allesamt letzten Endes sterben oder versuchen würden, sie fertigzumachen.“

Das Zitat ist typisch, denn es fasst die drei wichtigsten Charakterzüge von Josie zusammen. Da ist erstens eine Unentschlossenheit, die sich vor allem in der Unfähigkeit zu praktischen Entscheidungen und dem Hang zu panischen Reaktionen selbst bei den banalsten Konflikten äußert. Da ist zweitens eine ordentliche Portion Selbstmitleid, die nicht erst durch den falschen Mann und den beruflichen Ruin ausgelöst wurde, sondern schon bis in Jodies kaputtes Elternhaus zurückreicht, wo sie so etwas wie ein Vietnamtrauma in dritter Ableitung erlebte. Drittens zeigt sie in Bis an die Grenze immer wieder Stimmungsschwankungen, die fast Borderline-Charakter haben. Vom Schwelgen in der eigenen Unabhängigkeit inmitten fast unberührter Natur gerät Josie mühelos innerhalb weniger Sekunden in existenzielle Zweifel und Selbsthass.

Das macht es nicht ganz einfach, diese Figur als Heldin zu betrachten. Dave Eggers setzt, vielleicht auch deshalb, auf personales Erzählen, aus dem eine nicht geringe Sympathie für Josie erkennbar wird. Sie ist eine von vielen komplexen Figuren in diesem Roman, die viel Identifikationsfläche bieten. Was sie antreibt, sind einfache Sehnsüchte nach Natur, Ursprünglichkeit und dem sehr amerikanischen Gefühl von „Es gibt nur mich und die Straße“. Sie symbolisiert die vom Abstieg bedrohte US-Mittelschicht, und nicht nur mit dem Bild der in Alaska überall wütenden Waldbrände macht Dave Eggers deutlich, in welchem Ausmaß ihre Umgebung unbarmherzig geworden ist: Das Land, die Gesellschaft, die Familie, das Wertesystem – alles ist kaputt. Zugleich lässt er nicht zu, seine Hauptfigur als ein unschuldiges Opfer dieser Umstände betrachten zu können. Sehr subtil zeigt er, wie Josie unfähig zu Verantwortung ist, vor lauter Eitelkeit, Egoismus und Bequemlichkeit.

Dazu gehört ihre Entscheidung, ihren Drang nach Eskapismus tatsächlich auch geografisch umsetzen zu müssen, ohne dass sie recht erklären könnte, was sie sich in und von Alaska erwartet. Dave Eggers zeigt: Es fehlen bloß kleine Dinge für eine bessere Welt, aber es fehlen sehr viele davon und bei sehr vielen Beteiligten (inklusive Josie): Demut, Empathie, vor allem aber das Vertrauen darauf, dass die anderen uns nicht grundsätzlich und ausschließlich Böses wollen. Damit schlägt der Autor dann natürlich doch wieder den Bogen zu den ganz großen Themen und Dimensionen, zugleich werden dadurch dann doch auch Parallelen zu seinen früheren Werken erkennbar: Josie wirkt im Laufe des Romans genauso verloren, allein, mit reichlich Ballast beladen und von einem übermächtigen System umgeben wie Abdulrahman Zeitoun in Zeitoun, Mae Holland in The Circle oder Alan Clay in Ein Hologramm für den König.

Manchmal ist Eggers, auch das kennt man von ihm bereits, dabei etwas zu explizit („Wir sind keine zivilisierten Menschen, begriff sie. Alle Fragen zu Charakter und Motivation und Aggression Amerikas ließen sich beantworten, sobald wir diese grundsätzliche Wahrheit anerkannten“, heißt es an einer Stelle, die als Beispiel dafür herhalten kann). Dafür ist der Roman aber ungeheuer unterhaltsam, und er wartet mit zwei sehr reizvollen Themenkomplexen auf. Zum einen hinterfragt er die Rolle von Kindern als Geschenk und ultimativen Glücksbringer. Sam und Ana sind Wunschkinder, Josie hatte sie einst gewollt, auch als Inhalt für die Leerstelle, die sie in ihrem Leben spürte. Nun erweisen sie sich als Ballast. Josie liebt ihre Kinder, aber sie erlebt sie auch als maximal einengende Kraft in ihrem Leben. Zum anderen ist auch sein neuer Roman ein Plädoyer für Reflexion, Verantwortung, vor allem auch für Bildung. „In diesem Moment begriff Josie, was besser war als nach mutigen Menschen zu suchen – Gott, sie war seit Jahren auf dieser Suche: Besser und womöglich leichter, als nach solchen Menschen auf der bestehenden Welt zu suchen, war es, sie zu erschaffen“, lautet die Passage, die diesen Charakter am deutlichsten zusammenfasst. „Sie musste integre und mutige Menschen nicht finden. Sie musste sie machen.“

Bestes Zitat: „Das könnte die Ursache für alle modernen Neurosen sein, dachte sie, die Tatsache, dass wir keine unveränderliche Identität haben, keine unumstößlichen Tatsachen. Dass alles, was wir als grundlegende Wahrheit kennen, einem Wandel unterliegt.“

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