Oliver Uschmann – „Überleben beim Fußball“


Autor Oliver Uschmann

Etliche Parallelen zwischen Musik und Fußball zeigt Oliver Uschmann auf.

Etliche Parallelen zwischen Musik und Fußball zeigt Oliver Uschmann auf.

Titel Überleben beim Fußball
Verlag Heyne Hardcore
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Jeder weiß: Musikjournalisten sind gescheiterte Rockstars. Sportjournalisten sind verhinderte Nationalspieler oder zumindest –trainer.

Insofern passt es vollkommen ins Bild, dass Oliver Uschmann, für viele Jahre als Musikjournalist unter anderem für Visions tätig und zuletzt als Autor der Romanreihe Hartmut und ich in Erscheinung getreten, nach seinem nicht ganz ernst gemeinten Ratgeber Überleben auf Festivals nun das Gegenstück für die Welt des runden Leders vorlegt: Überleben beim Fußball ist ebenso witzig, ebenso persönlich und (genau wie das Festival-Buch) natürlich kein Buch für Novizen, sondern eins für Kenner und Eingeweihte.

Uschmann, Jahrgang 1977, unterfüttert seine Kapitel gerne biografisch. Er erzählt von seinen Erfahrungen als Trainersohn, als 10-jähriger „Hooligan“, als Tischtennisspieler und als Fußball-Junkie im Studentenwohnheim. Manchmal kippen solche Anekdoten aber auch ins Selbstverliebte. Am Ende des Buchs gibt es beispielsweise eine Liste der Hotels, in denen Überleben beim Fußball entstanden ist – wozu?

Meckern kann man auch über seinen gelegentlichen Hang zu Kalauern. Nicht immer ist sein Humor geschmackssicher (der ehemalige Bundesliga-Profi Bernd Hollerbach wird beispielsweise vorgestellt als ein Spieler, der für seine Gegner „wie Napalmregen“ war), niemals ist er politisch korrekt – und all dies in voller Absicht.

Uschmanns wichtigstes Stilmittel ist die Karikatur, und am besten ist er, wenn er seine Übertreibungen richtig ins Kraut schießen lässt. So erfährt der Leser in Überleben beim Fußball beispielsweise, warum Berti Vogts nie als Unterwäschemodel tätig war, was der klassische 9er mit den deutschen Soldaten in Afghanistan gemeinsam hat, welche Rolle die Kampfmönche in Tibet bei der Ausbildung von Fifa-Schiedsrichtern spielen und was wirklich hinter dem Rotzen auf den Platz steckt.

Viele Kapitel würden auch gut als Kolumne funktionieren (ein Tipp an alle, die vielleicht noch entsprechende Autoren für die anstehende Fußball-WM suchen), die besten davon sind die, in denen Uschmann das Publikum in Kategorien wie „Die Couch Potatoes“, „Die VIPs“ oder „Der Manische“ vorstellt. „Man erkennt den Fachmann in der Menge der Sitzplatzgeraden daran, dass er es ist, der ständig redet“, schreibt er da beispielsweise sehr treffend. „Ohne Punkt und Komma erklärt er seinen Nachbarn, was da gerade eigentlich auf dem Spielfeld passiert. Klärt sie auf über die innere Struktur des oberflächlichen Geschehens. (…) Mit ihm gemeinsam ein Spiel zu besuchen ist so, wie einen Spielfilm auf DVD mit laufendem Audiokommentar zu schauen, wenn der Regisseur zu jeder einzelnen Szene die Machart und Herangehensweise erklärt.“

Sehr schön ist auch die Vision von einem fast perfekten Fußball und die Antwort, wo man ihn findet. Dazu kommen erhellende Einblicke in die Welt der Ultras und an vielen Stellen – das liegt nun einmal nahe bei Oliver Uschmann – Vergleiche mit Musik. Auch hier gilt: Gerade die Fans, die unbedingt anders als der Mainstream sein wollen, erweisen sich in ihren Weltbildern und Wertvorstellungen als erstaunlich konservativ.

Bestes Zitat: „Wie Sex und Krieg findet Fußball vor allem im Kopf statt.“

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