Durchgelesen: Sascha Reh – „Gegen die Zeit“


Autor Sascha Reh

Cover des Buchs "Gegen die Zeit" von Sascha Reh bei Schöffling

Der Militärputsch in Chile ist das Thema von „Gegen die Zeit“.

Titel Gegen die Zeit
Verlag Schöffling
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Ein wunderbarer Titel ist das für den dritten Roman von Sascha Reh. Gegen die Zeit – das passt hier gleich auf drei Ebenen. Erstens ist das Buch so etwas wie ein Politthriller, in dem sich der Held am Ende einem Countdown gegenübersieht, einem Kampf gegen die Uhr, der im Falle einer Niederlage alles zerstören wird, wofür er sich lange aufgeopfert hat.

Zweitens geht es um ein Projekt, das seiner Zeit voraus war: den Versuch von Präsident Salvador Allende, aus Chile ein sozialistisches Musterland zu machen und die Industrie seines Landes dabei von einem Computernetzwerk steuern zu lassen, das die gesamte Andenrepublik überspannt – ein Projekt, das übrigens historisch verbürgt ist und für diesen Roman lediglich einen anderen Namen bekommt.

Drittens arbeitet Sascha Reh auch als Autor gegen die Zeit – zumindest gegen ein streng chronologisches Erzählen. Gegen die Zeit bietet immer wieder Zeitsprünge, für die man ob ihrer Eleganz die höchsten Haltungsnoten vergeben möchte. Da verschwimmt eine Liebesszene mit einem Verhör durch die Militärregierung, da gibt es unvermittelte Rückblenden zu den Studentenprotesten im Frankfurt der späten 1960er Jahre. Die beträchtliche Spannung des Romans entwickelt sich fast nur durch die politische Situation und durch diese Zeitsprünge; mehr erzählerische Finesse braucht Sascha Reh hier gar nicht (dass er über sie verfügt, hat er mit seinen früheren Werken nachgewiesen).

Dieses Stilmittel sorgt auch für die faszinierende Atmosphäre in diesem Buch, dessen Handlung an dem Tag beginnt, als Armeechef Pinochet mit seinem Putsch die Allende-Regierung stürzt. Hans Everding, der Ich-Erzähler, ist zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren in Santiago de Chile. Als Industriedesigner und Dozent an der Uni soll er so etwas wie Aufbauhilfe für die sozialistische Regierung leisten. Bald wird er in das ambitionierte CORFO-Projekt eingebunden, das die Produktion der gesamten chilenischen Wirtschaft organisieren soll. Seine Zeit in Chile erlebt der junge Mann aus Deutschland immer ein wenig berauscht, von der Hitze, von psychedelischen Pilzen, die ein Kollege verteilt, von Angst wegen des politischen Terrors, von Schmerzmitteln nach einer Sepsis oder vom Verliebtsein in seine Kollegin Ana.

Einen gehörigen Teil dazu trägt auch die Aufbruchstimmung bei, in die er bei seiner Ankunft in Chile gerät und von der er sich ebenfalls mitreißen lässt. „Bis ganz tief hinunter in mein Selbst konnte ich einen kollektiven Willen zu Frieden und Verbrüderung empfinden“, heißt es an einer Stelle, später schwärmt Hans Everding von der Hoffnung auf „ein gerechtes und freies Land für alle, die reale Chance, sogar Pflicht, es mitzugestalten“.

Schnell wird ihm allerdings klar, wie zerbrechlich dieser Idealismus ist, wie stark die Kräfte sind, die sich gegen die neue Regierung stellen und wie groß die Gefahr durch Sabotage und Verrat ist – für das Projekt, an dem er arbeitet, für die Allende-Regierung, schließlich auch für sein Leben. Mit einer für den Leser fast verführerischen Distanziertheit blickt er auf dieses Geschehen. Von Anfang an erscheint er taumelnd, schwindlig. Gegen die Zeit wirkt dadurch wie ein Tagtraum, eine Fantasie mit dem Geschmack von Tod, Angst und dem Ende von allem, was man bisher für Glück gehalten oder als künftiges Glück erhofft hatte.

Neben dieser außergewöhnlichen Atmosphäre besticht Gegen die Zeit mit einer erstaunlichen Aktualität. Das CORFO-Projekt sollte den Menschen in Chile ein besseres Leben ermöglichen, nach dem Militärputsch könnten die gesammelten Daten allerdings viele Menschen in Lebensgefahr bringen. Hans Everding versucht deshalb, die Aufzeichnungen vor dem Pinochet-Regime in Sicherheit zu bringen. Sascha Reh, der für den Roman 2013 selbst in Chile recherchiert und mit vielen Zeitzeugen gesprochen hat, zeigt anhand dieser Vorlage spannende Parallelen auf. Datensammeln, Computernetzwerke, künstliche Intelligenz, die Macht der Algorithmen, die Frage, wie ein Wirtschaftssystem den Menschen dienen kann – all das packt er in ein paar weltgeschichtlich brisante Wochen, in denen man als Leser eigentlich ganz andere Konflikte erwarten würde.

Geschickt hinterfragt Reh damit in Gegen die Zeit das Verhältnis von Politik und Wirtschaft, letztlich die Definition von Herrschaft. Mehr noch: Die Frage, was eigentlich Opposition ausmacht, stellt sein Ich-Erzähler sich während der turbulenten Tage in Chile selbst, und er stellt sie auch an sein eigenes Land – das Deutschland der frühen 1970er Jahre. Man vermutet sicher richtig, dass auch der Autor Sascha Reh diese Frage stellt – an das heutige Deutschland.

Bestes Zitat: „Eine Wunde an meiner Schulter brannte, doch ich hatte keine Zeit, danach zu sehen. Ich litt in diesen Stunden, mehr als unter Schmerz und Furcht, unter dem narzisstischen Skandal, vielleicht durch nichts als die gleichgültige Ballistik eines Querschlägers zu sterben. Ich glaube, das war der größte Schock dieses 11. Septembers: dass ich mein bisheriges Leben in absurder Verkennung seiner objektiven Zufälligkeit verbracht hatte und dass auch alle anderen – Ana – von nun an in einer Welt leben würden, in der dieser fundamentale Irrtum für immer richtiggestellt wäre.“

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