Durchgelesen: Stefan Schwarz – „Die Großrussin“


Wodka, Mafia, Babuschka - in "Die Großrussin" ist alles da.

Wodka, Mafia, Babuschka – in „Die Großrussin“ ist alles da.

Autor Stefan Schwarz
Titel Die Großrussin
Verlag Rowohlt Berlin
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Name: Dr. Ullrich Hasselmann. Alter: 44. Beruf: Altphilologe. Charakter: Weichei. Besondere Kennzeichen: pedantisch, kränklich und sehr, sehr klein.

Das ist die Hauptfigur in Die Großrussin, dem neuen Roman von Stefan Schwarz (Hüftkreisen mit Nancy, Das wird ein bisschen wehtun). Man mag diesen Ich-Erzähler kaum einen Held nennen, denn das Leben von Dr. Hasselmann könnte kaum spießbürgerlicher und beschaulicher sein. Er hat zwei Töchter, eine Mietwohnung und eine biedere Ehefrau, die als Bibliothekarin arbeitet. Erkenntnisse wie „Zuckerwatte besteht nur aus Nachteilen“ zeigen, dass in seinem Leben praktisch Spaßverbot herrscht. Und die Textzeile von Kate Bush, die ganz am Anfang des Buches steht, ist eindeutig auf ihn bezogen: „I’ve always been a coward / And I don’t know what’s good for me.“

Der Altphilologe hofft, vielleicht demnächst Professor zu werden, und er ist sich vollkommen im Klaren darüber, wie wenig glamourös oder abenteuerlich sein Leben ist. Nach ein paar Seiten von Die Großrussin gesteht er: „Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Ich habe nicht etwa aus Versehen einen langweiligen Beruf gewählt. Ich habe Altphilologie studiert, weil ich mich eigentlich nur in der Vergangenheit sicher fühlte. In einer ganz und gar und unwiderruflich abgeschlossenen Vergangenheit. Einer Vergangenheit ohne Risse und Lecks, aus denen heimlich Unheil in die Gegenwart einsickern kann.“

Genau das passiert ihm aber. Als Student hatte er sich von einer Heiratsagentur zu einer Scheinehe mit einer Russin verpflichten lassen, um von der Prämie seine Promotion zu finanzieren. Damals war es ziemlich schwer, die Ausländerbehörde von der Ernsthaftigkeit der Beziehung zwischen einer aufbrausenden, attraktiven Russin (1,91 Meter) und einem blassen, schüchternen Deutschen (1, 65 Meter) zu überzeugen. Doch seit dieser Episode hat Dr. Hasselmann die riesige Jelena Jefimkina völlig vergessen.

Die Versuche des ungleichen Paares, die Ausländerbehörde von der Echtheit ihrer Liebe zu überzeugen, sind höchst amüsant und nehmen in Die Großrussin viel Raum ein. Bei einer Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse hat sich Stefan Schwarz unlängst komplett auf diese Geschichte beschränkt, viele Lacher eingeheimst und in gewisser Hinsicht sogar das Ende verraten. Aber das erweist sich, wenn man den gesamten Roman kennt, als gar nicht schlimm. Denn Die Großrussin bietet noch einen sehr interessanten und sogar spektakulären zweiten Handlungsstrang.

Denn 18 Jahre nach seinem Aufeinandertreffen mit der Volleyballspielerin aus Tomsk bekommt Hasselmann unerwartet Post vom Jugendamt. Der Brief enthält die Aufforderung, sich dringend um seinen heranwachsenden Sohn zu kümmern, der in der Obhut von Jelena Jefimkina offensichtlich auf dem besten Weg ist, auf die schiefe Bahn zu geraten. Pflichtschuldig geht Dr. Hasselmann zum Amt, um die Sache aus der Welt zu schaffen – und gerät in einen Strudel von Chaos und Gefahr.

Beim Versuch, seinen Sohn zu Räson zu bringen, bringt der Altphilologe das gesamte organisierte Verbrechen der Stadt gegen sich auf. Er geht mit dieser Situation ebenso dreist wie tollpatschig um, und das führt in diesem Roman zu vielen Situationen, die brüllend komisch sind. Ullrich Hasselmann wirkt dann wie Austin Powers, nur dass er keinerlei Erfolg bei den Frauen hat, keine Waffe besitzt und vor allem keinen Auftrag oder gar eine Legitimation hat, irgendwo in der Halbwelt für Ordnung zu sorgen. „Ich wollte nur auf die Schnelle meine Ermordung vermeiden und Schaden von meiner Familie abwenden. Das war nicht gegen ihren Mann persönlich gerichtet“, sagt er einem Mafia-Boss ins Gesicht. Als Leser hat man größtes Vergnügen beim Miterleben, ob er sich damit immer weiter ins Verderben reitet oder ob er mit dieser Masche womöglich sogar durchkommt.

Stefan Schwarz packt in diese Geschichte all die üblichen Russland-Klischees (Wodka, Mafia, Babuschka – alles da), trotzdem bleibt die Geschichte originell. Gewürzt wird sie mit ein paar gekonnten Seitenhieben auf die Absurdität des Lebens in einer Vorzeigefamilie, in der akademischen Welt oder in deutschen Amtsstuben, die man auch aus seinen Kolumnen kennt. Der Humor in Die Großrussin erwächst daraus, dass sein Anti-Held Hasselmann noch in den absurdesten Situationen versucht, vernünftig zu sein. Und dass er sich in jedem Moment, selbst dann, wenn eigentlich Heroismus gefragt wäre, seiner vollständigen Lächerlichkeit bewusst ist.

Bestes Zitat: „Für jemanden, der stets das Schlimmste fürchtet, ist es eine Art Befreiung, wenn das Schlimmste endlich eintritt. Jemand, der stets das Schlimmste fürchtet, hofft auf der dunklen, abgewandten Seite seiner Seele vielleicht sogar, dass es geschieht. Jemand, der stets das Schlimmste fürchtet, sehnt sich womöglich nach der Ausweglosigkeit des Allerschlimmsten, weil es ihm die Entscheidung abnimmt, die er selbst nicht zu treffen vermag.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.