Durchgelesen: William Faulkner – „Die Freistatt“


Autor William Faulkner

William Faulkner Die Freistatt Kritik Rezension

„Die Freistatt“ brachte William Faulkner den Durchbruch als Autor.

Titel Die Freistatt
Originaltitel Sanctuary
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1931
Bewertung

Die Idee war klar: William Faulkner war im Jahr 1931 schon in seinen Dreißigern und wollte endlich ein Buch veröffentlichen, das sich gut verkauft. Also erdachte er, so hat er es später berichtet, eine möglichst skandalöse Geschichte. Die Freistatt thematisiert Suff und Verlogenheit, Rassismus und Gewalt in den Südstaaten, vor allem aber enthält der Roman jede Menge Sex. Es geht um Impotenz, Voyeurismus und Prostitution, die entscheidende Szene der Handlung ist die Vergewaltigung einer jungfräulichen 17-Jährigen mit einem Maiskolben.

Der Plan ging auf: Das Buch (sein Verleger wollte den heiklen Stoff zunächst aus Angst vor einer Gefängnisstrafe nicht drucken lassen) wurde zum Erfolg. Knapp 20 Jahre später wurde William Faulkner mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Als er 1962 starb, galt er als einer der wichtigsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Im Mittelpunkt des Romans steht der 43-jährige Anwalt Horace Benbow. Er hat gerade seine Frau verlassen und will nun in sein ehemaliges Elternhaus ziehen, um dort sein Leben neu zu ordnen. Auf dem Weg dorthin landet er bei einer Bande von Schnapsbrennern, zecht eine Nacht lang mit dem dubiosen Popeye und Bandenchef Lee Goowdwin und zieht wieder von dannen, zurück in sein bürgerliches Leben. Wenig später landet die Schülerin Temple Drake auf einer Spritztour mit ihrem Verehrer in diesem Haus, um dort Alkohol zu kaufen. Ihr Besuch eskaliert, es wird ein Mord verübt, der Goodwin angelastet wird. Horace Benbow beschließt, ihn vor Gericht zu verteidigen.

Das Besondere an Die Freistatt ist zum einen Faulkners Sprachgewalt. Sein Roman quillt beinahe über vor lauter detailreichen Naturbeschreibungen und großartigen Bildern wie diesem: „Reglos, den Kopf gesenkt und die Hände still im Schoß, hatte sie die erschöpfte Unbeweglichkeit eines Schornsteins, der nach einem Wirbelsturm aus den Trümmern eines Hauses aufragt.“

Zum anderen erstaunt der Umgang mit den Figuren. Es gibt in diesem Plot, den man im weitesten Sinne als Kriminalgeschichte betrachten kann, keinen scharfsinnigen Ermittler, keine ruchlosen Verbrecher, letztlich nicht einmal mehr den Glauben daran, mittels Strafverfolgung und Gerichtsverfahren tatsächlich so etwas wie Gerechtigkeit herstellen zu können. Die vermeintlichen Helden werden nach und nach als Trottel entlarvt (etwa Horace Benbow), die vermeintlichen Ganoven zeigen im weiteren Verlauf erstaunliches Ehrgefühl (etwa die Prostituierte Ruby Lamar), die vermeintlichen Opfer überraschen mit Kaltblütigkeit wie Temple Drake, die erst nach der Nacht bei den Schnapsbrennern merkt, wie grausam die Welt außerhalb ihres behüteten Internats wirklich sein kann, und sehr schnell ihre Lehren daraus zieht.

„Es gibt bei ihm stets ein einzigartiges Schicksal, das hoch aufgerichtet hinter all den verschiedenen ähnlichen Wesen steht wie der Tod hinter einem Krankensaal für Unheilbare. Eine lastende Bedrückung reibt, unablässig verletzend, seine Gestalten auf, ohne dass einer von ihnen Linderung gelänge; sie bleibt hinter ihnen, immer und immer gleich, und befiehlt ihnen, statt sich von ihnen befehlen zu lassen“, schreibt André Malraux sehr richtig im Vorwort über Faulkners Ensemble und schließt ebenso treffend: „Die Freistatt – das ist der Einbruch der griechischen Tragödie in den Kriminalroman.“

Es gibt in Die Freistatt reichlich Männer, die nicht wissen, wie sie in diesen Zeiten noch Männer sein sollen („Manchmal, wenn ich daran denke, wieviel Zeit ich verbracht habe, ohne etwas zu begreifen und zu lernen…“, gesteht sich Horace an einer Stelle ein). Auf der anderen Seite stehen, fast noch erstaunlicher, vergleichsweise starke Frauenfiguren: Es sind Frauen, die zwar nicht wissen, wie sie mehr als das Anhängsel eines Mannes sein sollen, aber doch längst ahnen, dass sie viel mehr sein können als das. In einigen Punkten haben sie in diesem Roman eindeutig die Zügel in der Hand und sind insgesamt die eindrucksvolleren Figuren – auch, weil fast alle Männer in dieser Geschichte praktisch unfähig zum Alltag sind.

Unabhängig vom Geschlecht bekommen alle Protagonisten in diesem Roman das Gefühl der Ausweglosigkeit zu spüren. Faulkner macht auch relativ direkt deutlich, was die Hintergründe dafür sind: Armut und Elend erlauben es vielen kaum noch, ein anständiges Leben zu führen. Und in den besseren Kreisen herrscht angesichts des Widerspruchs zwischen Begierde und Etikette eine überaus brüchige Doppelmoral.

Bestes Zitat: „Wenn diese Sache vorbei ist, werde ich nach Europa fahren, glaube ich. Eine Veränderung tut mir dringend not. Mir, oder Mississippi, einem von uns.“

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