Fjodor M. Dostojewski – „Ein kleiner Held“


Autor Fjodor M. Dostojewski

Dostojewksi Ein kleiner Held Kritik Rezension

Dostojewksi hat „Ein kleiner Held“ in Haft fertiggestellt.

Titel Ein kleiner Held
Verlag Komet
Erscheinungsjahr 1857
Bewertung

Ein kleiner Held ist in mehrfacher Hinsicht besonders im Werk von Fjodor Dostojewski. Erstens finden wir hier keinen großen Roman à la Schuld und Sühne, für die der russische Autor heute meist gerühmt wird, sondern eine Novelle, die in der Taschenbuchausgabe kaum 30 Seiten umfasst. Zweitens gibt es in der Erzählung, die auch als Der kleine Held bekannt ist und den Arbeitstitel Das Kindermädchen trug, keine angrundtief verzweifelten Helden als Sinnbild des Existenzialismus wie Dimitri Karamasow, sondern einen elfjährigen Jungen als Ich-Erzähler. Drittens ist der Ort der Handlung nicht St. Petersburg, das als Schauplatz viele Werke dieses Autors geprägt hat, sondern ein Landgut vor Moskau, auf das der kleine Held von seiner Familie geschickt wird, was für diesen Autor ungewöhnlich viele Naturbeschreibungen zur Folge hat.

Nicht zuletzt ist auch die Entstehungsgeschichte außergewöhnlich: Dostojewski, der damals bereits erste literarische Erfolge vorzuweisen hatte, wurde 1849 als Staatsverbrecher verhaftet, der gemeinsam mit einigen Mitverschwörern eine sozialistische Revolution im Zarenreich vorbereitet habe. Die politischen Häftlinge wurden durchweg zum Tode verurteilt. Erst wenige Minuten vor ihrer Hinrichtung am 22. Dezember 1849 – der Autor war damals 28 Jahre alt – erfuhren sie, dass die Todesstrafe nicht vollstreckt werden würde. Für Dostojewski lautete das neue Strafmaß: Fünf Jahre Verbannung in ein sibirisches Straflager, danach Militärdienst. Ein kleiner Held stammt genau aus diesem Jahr, wurde in der Festungshaft fertiggestellt und acht Jahre später veröffentlicht.

So banal der Kern der Handlung klingt, so offenkundig ist die Empörung des Autors über die russischen Zustände seiner Zeit auch hier: Der namenlose Ich-Erzähler erlebt auf dem Landgut, das einem entfernten Verwandten seiner Familie gehört, eine mehrtägige pompöse Feier. Rund 50 Leute amüsieren sich dort mit viel Musik, üppigen Mahlzeiten und gelegentlichen Spaziergängen. Dieser feudale Müßiggang steht natürlich im scharfen Kontrast zur Realität von Armut, Zwang und Leibeigenschaft, die hier auch gelegentlich sichtbar wird, wenn die Bediensteten kurz auftauchen. Noch viel stärker kommt Dostojewskis Kritik an diesem Milieu aber durch die Handlung zum Ausdruck, die sich dann entspinnt: Was der 11-jährige Junge erlebt, sind Intrigen, Manipulation und moralische Verkommenheit.

Insbesondere gibt es dort eine junge Blondine, die „Schelmin und Lachtaube“ genannt wird, ihn ins Herz schließt und zu so etwas wie ihrem persönlichen Accessoire macht. „Sie verfolgte mich schonungs- und gewissenlos, wurde meine Quälerin und meine Tyrannin. Die ganze Komik ihrer Streiche mit mir lief darauf hinaus, dass sie sich verliebt in mich stellte und mich vor allen Leuten lächerlich machte. Natürlich tat dies mir – einem ungehobelten Wilden – bis zu Tränen weh, sodass ich mich des Öfteren in einer so ernsten und kritischen Lage befand, dass ich mit meiner heimtückischen Anbeterin am liebsten gerauft hätte. Meine naive Verlegenheit, mein verzweifelter Schmerz schienen sie nur anzuspornen, mich noch mehr zu verfolgen. Sie kannte kein Erbarmen, ich aber wusste nicht, wo ich mich vor ihr verkriechen sollte. Das Gelächter, das ringsum erscholl und das sie immer wieder zu entfesseln wusste, trieb sie nur zu neuen Späßen an.“

Der Junge leidet unter diesen ständigen Provokationen, auch weil sie sein gerade erwachendes amouröses Interesse auf die Schippe nehmen. Denn so sehr die Blondine ihn vermeintlich anhimmelt, so stark fühlt er sich zu einer anderen Dame namens Natalie hingezogen und will sie beeindrucken. Diese ist allerdings verheiratet, als er sie heimlich beobachtet, entdeckt er zudem, dass sie auch einen Liebhaber hat. Diese prä-pubertäre Schwärmerei ist das wichtigste Thema der Novelle, auch sie nutzt Dostojewski indes, um sie der Durchtriebenheit der Erwachsenen gegenüberzustellen: Sein Kleiner Held schafft es, einige Mutproben zu bestehen und sich so den Respekt sowohl von Natalie als auch der Blondine zu erarbeiten, die fortan gnädig mit ihm ist. Er wird vom Spielball zum Vertrauten, weil er sich nicht nur beim halsbrecherischen Ritt auf einem wilden Pferd als besonders mutig auszeichnet, sondern auch in seinem Einfühlungsvermögen reifer ist als viele der Figuren, die doppelt und dreifach so alt sind wie er. Er ist unschuldig, rücksichtsvoll und will niemanden bloßstellen. Er wird so zu einem Ideal, das die eigenen (ihm gerade erst bewusst werdenden) Begierden zu beherrschen vermag und seinen Mitmenschen mit Sittlichkeit und Respekt begegnet – und somit zum Gegenbild dessen, was Dostojewski damals als Standard im russischen Adel vorfand.

Das beste Zitat beschreibt die Gedanken nach einem Kuss, den der kleine Held zur Belohnung von Natalie bekommt: „Meine erste Kindheit war mit diesem Augenblick zu Ende.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.