Flagge zeigen


Ganz ehrlich: So langsam macht mir die WM-Begeisterung ein wenig Angst. Selbst bei einem Rockfestival begegnet man in diesen Tagen ausgewachsenen Männern mit Deutschland-Hüten und kleinen Mädchen mit Podolski-Schriftzügen auf dem Oberarm. War das früher nicht uncool? Hat man nicht von den schicken Bundeswehr-Jacken extra die schwarz-rot-goldenen Fahnen abgetrennt, um nicht in Patriotismus-Verdacht zu geraten? Bekam man nicht Angst, wenn allzu viele Leute allzu aggressiv „Schland, Schland“ (das „Deut“ hört man ja nie) gebrüllt haben?

Diese Zeiten scheinen passé zu sein, und vielleicht schlummert darin auch gar keine Gefahr. Trotzdem habe ich Angst. Denn es gibt sie schon: die Überreste der Euphorie, Bilder des Jammers, Symbole für den Kater nach dem Rausch.

Man sieht sie immer öfter: verloren, vergessen, verdreckt. Sie lassen nicht nur die Sinnkrise nach dem Fußballfest vorausahnen, sondern geben auch aus einem anderen Grund Anlass zu ernster Sorge: Sie gefährden die Verkehrsteilnehmer im Land, in dem die Welt zu Gast ist. Denn wenn man dort unterwegs ist, zum Beispiel zu Freunden (oder zu einem Rockfestival), findet man auf Grünstreifen, Standspuren oder am Rand der Autobahn immer öfter Fähnchen und Flaggen.

Einst flatterten sie prächtig im Wind, waren Stolz und Zierde manches Fußballfans. Doch allzu oft halten sie (ganz im Gegenteil zu Klinsmanns Truppe) der Dauerbelastung nicht Stand, zerbrechen unter dem Druck, vor allem bei hohem Tempo. Was dabei alles passieren kann! Gar nicht auszudenken, wie der Fahrer eines holländischen Wohnmobils reagieren wird, dem eine Deutschland-Fahne genau auf die Windschutzscheibe flattert. Oder ein Amerikaner, dem im Cabrio die Flagge des Iran mitten aufs Gesicht geweht wird. Oder ein englischer Trucker, der wegen einer Tricolore auf der Fahrbahn eine Vollbremsung hinlegen muss.

„Das ist wirklich ein heikles Thema“, bestätigt auch Ulrich Wiegand von der Fuldaer Autobahnpolizei. Er sorgt sich vor allem um Motorradfahrer, denen die Fahnen auf dem Visier landen könnten. Wiegand rät deshalb dazu, die Fahnen bei Fahrten über 50 km/h zu demontieren. Zumindest sind ihm aber noch keine durch Fan-Fähnchen verursachten Unfälle bekannt. Und aus Nordrhein-Westfalen, wo die meisten WM-Spiele über die Bühne gehen, hört man sogar, dass die Beamten Freude an der Fahnenflucht haben: Dort sammeln Polizisten die verlorenen Flaggen quasi als Trophäen ein und hoffen, bis zum Ende des Turniers von jedem Teilnehmerland eine Fahne zu ergattern. Sogar eine Tauschbörse für die Fundstücke ist entstanden, ganz wie bei Panini-Sammelbildchen.

So weit ist es in Fulda noch nicht. Zwar fährt die Autobahnpolizei regelmäßig die Strecken ab, aber eingesammelt wird nichts und getauscht schon gar nicht. Es geht ausschließlich um die Sicherheit. In diesem Sinne: Zeigen Sie Flagge. Und passen Sie bloß auf, dass Sie bei der nächsten Polizeikontrolle noch eine Fahne haben!

Ich sag’s doch: Diese Dinger sind gefährlich:

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