Futter für die Ohren mit Deichkind, Jamie Lenman, Jack Savoretti, Cetcé und Charlie Cunningham


Jamie Lenman Popeye Review Kritik

Jamie Lenman huldigt „Popeye“ – nicht nur optisch. Foto: Fleet Union

Das ist ebenso naheliegend wie durchgeknallt: Die Titelmelodie zu Popeye als Metal. Schließlich steht der Seemann mit der Vorliebe für Spinat als Symbol für ultimative Kraft und Härte, ein Tattoo hat er auch. Wie passend sich Popeye, The Sailor (***) mit Grunzen, fiesen Hardcore-Gitarren und brutalen Drums anhört, zeigt die aktuelle Single von Jamie Lenman. Im dazugehörigen Video werden die putzigen Zeichentrick-Szenen in blutiges Rot getaucht. Der ehemalige Frontmann von Reuben gibt damit einen Vorgeschmack auf sein drittes Soloalbum, das ausschließlich Coverversionen enthalten wird. „Ich wollte immer eine Cover-Platte machen“, sagt Lenman über Shuffle, das am 4. Juli erscheinen wird. „Einige dieser Interpretationen trage ich bereits seit dem Beginn meiner Solokarriere mit mir herum. (…) Für mich erfüllt sich mit Shuffle ein Traum. Ich hatte totalen kreativen Freiraum und konnte mich in komplett neuen Sounds ausprobieren. Ich habe zum Beispiel Songs von komplett unbekannten Bands gecovert, mit denen ich aufgewachsen bin, sowie Sachen aus meiner Kindheit.“ Darunter finden sich Tracks von den Beatles oder Cyndi Lauper, aber auch Soundtracks zu Filmen oder Videospielmusik. Klingt extrem spannend.

Irgendwie vermisst man sie immer, wenn sie gerade nicht da sind. Irgendwie befürchtet man stets, sie würden diesmal womöglich in die Scheiße greifen und erstmals daneben liegen in ihrer Karriere, wenn sie zurückkommen. Und irgendwie tauchen Deichkind dann auf und machen alles richtig. So ist es auch diesmal. Richtig gutes Zeug (****) haben die Hamburger im Gepäck, mit noch etwas mehr Electro und noch etwas weniger Rap als zuletzt, aber aktuell, clever und irre wie eh und je. Ohne den Hauch eines erhobenen Zeigefingers wird hier „Geiz ist geil“ hinterfragt und all die Aufmerksamkeit, die wir dem Versuch widmen, uns innerhalb der Zwänge des Materialismus noch ein bisschen geschickter zu verhalten als der ganze Rest. Im Video darf der famose Lars Eidinger gemeinsam mit den Deichkindern den Kaufrausch-Wahnsinn überzeichnen. Konsumieren, bewerten, prahlen – natürlich ist das die falsche Art und Weise, sein Glück zu suchen und sich selbst zu definieren. Album und Tour (mit Stopp in Leipzig am 5. März 2020) werden folgen. Groß!

Nach dem Ende von Irie Révoltés ist Sänger Carlito jetzt solo unter dem Namen Cetcé unterwegs. Der neue Name klingt zwar nach Umorientierung und der Titel der Single sitz’N’stehn (**1/2) mag Unentschlossenheit suggerieren, aber natürlich darf man hier davon ausgehen, dass der Sänger nicht komplett seine Überzeugungen über den Haufen geworfen hat. Auch sein Ziel ist gleich geblieben, betont er: „Die Augen der Hörer zu öffnen, sie zu motivieren, etwas zu verändern und ihr eigenes Ding zu machen. Denn nur im Kleinen startet eine große gesellschaftliche Veränderung.“ Das beweist auch der Song: Es geht um Dinge, die einander bedingen, in diesem Fall in einer (gescheiterten) Beziehung, aber eben auch im Rest der Welt. Der Sound ist hörbar mehr Pop als zuletzt bei Irie Révoltés, mit akustischer Gitarre, 808-Beat, einem wohligen Background-Chor und weiteren Elementen, die man sich beispielsweise auch bei Mark Forster & Co. vorstellen könnte. Im Sommer soll sein erstes Soloalbum folgen, auf dem er (wie schon bei Irie Révoltés) sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch singen wird. Im Herbst geht Cetcé dann auf Tour, wobei er am 3. Dezember auch in Leipzig vorbeischauen wird.

Seit ein paar Tagen gibt es Singing To Strangers, das zweite Album von Jack Savoretti. Die Zahl der Fremden, zu denen er singt (und denen er selbst keineswegs fremd ist), hat sich zuletzt deutlich vergrößert, nicht zuletzt durch die Single Candlelight (#8 im UK). Mit What More Can I Do? (***) gibt es nun auch die zweite Single. Mit extrem schicken Streichern (aufgenommen im Studio von Ennio Morricone), einem leichtfüßigen Beat und der kratzigen Stimme des Engländers mit italienischen Wurzeln findet der Song irgendwo zwischen Barry White, George Ezra und Seal seinen Platz. „What More Can I Do? ist der Song, den ich schon immer schreiben wollte. In der Vergangenheit habe ich in meinen Texten mein Herz auf der Zunge getragen, immer alles direkt ausgesprochen, aber dies ist das erste Mal, dass ich genau das der Melodie erlaubt habe“, sagt der Künstler, und man kann seine Zufriedenheit nachvollziehen: Das ist richtig schön geworden. Im Mai ist Jack Savoretti bei fünf Konzerten in Deutschland zu sehen.

Das Außergewöhnliche an Charlie Cunningham war stets, wie virtuos er seine akustische Gitarre spielte und wie viele Facetten er in seine Musik bekam, obwohl er dafür kein anderes Instrument benutzte als eben diese Gitarre. Für sein nächstes Album (Titel und Erscheinungstermin sind noch nicht bekannt, man darf aber wohl davon ausgehen, dass die Platte draußen sein wird, wenn er im Oktober für fünf Konzerte nach Deutschland kommt) wird das anders sein. Wie schon der erste Vorab-Track Permanent Way zeigt nun auch Sink In (***1/2) als weiterer Vorbote, dass der Engländer durchaus Lust auf einen üppigeren Sound hat. Im Zentrum stehen natürlich weiterhin seine Stimme und die Gitarre, die er selbst in diesem Lied „etwas unheilverkündend und bedrohlich“ empfindet. Dazu gesellen sich allerdings ein sanftes Schlagzeug, Klavier oder eine E-Gitarre. Einiges davon haben Hugo, Felix & Will von den Maccabees beigesteuert. So schnell ein Alleinstellungsmerkmal aufzugeben, ist mutig – scheint sich aber für Charlie Cunningham in jedem Fall auszuzahlen.

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