Futter für die Ohren mit Ezra Furman, Soko, Slut, Alison Mosshart und Matthias Schweighöfer


Soko Are You A Magician?

Auch negative Gefühle sind bei Soko willkommen. Foto: Jasper Rischen

Das dritte Album von Soko ist schon seit einer Weile angekündigt, jetzt ist auch der Titel bekannt: Feel Feelings wird die Platte heißen, die am 12. Juni erscheint. Natürlich ist das als Motto gemeint, denn die Erkenntnis, dass es Gefühle aller Art sind (also auch und gerade die vermeintlich negativen wie Trauer, Kummer und Wut), die uns zu den Charakteren machen, die wir sind, zeichnet das Werk der in Los Angeles lebenden Französin von je her aus. Mit Are You A Magician? (***1/2) gibt es eine weitere Single als Vorgeschmack. Verwaschene Gitarren, die vermeintlich niedliche Stimme (die im Refrain mit dem französischen Akzent spielt) und reichlich Wehmut prägen den Song. Regie im Video, in dem ein quicklebendiges Stofftier à la TED zum Wegbegleiter von Soko wird, hat Gia Coppola geführt. Die Filmemacherin schwärmt: „Soko ist eine Inspiration! Es hat großen Spaß gemacht, endlich mit ihr zusammenzuarbeiten. Unser gemeinsamer Freund Alexis Zabe, ein herausragender Kameramann, war ebenfalls mit von der Partie und hat uns die Chance gegeben, mit der Beleuchtung ein paar Old-School-Kinotricks zu verwenden. Außerdem Natalie Ziering, von der die lebensgroße Puppe stammt und in deren Haus wir drehen durften. Ich liebe diese Idee, mich in einer Spielzeugwelt zu bewegen.“ Auch Soko war sehr angetan von der Zusammenarbeit. „Ich hatte lange Zeit keine Vorstellung, wie ich das Thema des Songs in einem Video hätte umsetzen können. Dann saß ich mit Gia im Zimmer meines Babys, wir hörten das Lied ein paar Mal und dort entstand das ganze Konzept, während wir mit dem Spielzeug meines Kinds spielten. Mein Ziel war es, eine viktorianische Gothic-Sailor-Moon-Prinzessin zu sein, die ein bisschen zu viel Kate Bush gehört hat.“

Bei Ezra Furman gibt es keine Ramschware. Das verdeutlicht gerade To Them We´ll Always Be Freaks, eine gerade veröffentlichte Sammlung von 26 Demos und unveröffentlichten Songs. Er hat die Zusammenstellung bei Bandcamp verfügbar gemacht, um mit den Einnahmen seine Tourmusiker zu unterstützen, die während der Corona-Pause so gut wie keine Einkünfte haben. „Willkommen zu einer Sammlung von missgebildeten, verworfenen Aufnahmen, dem unpolierten Abbild des Entstehungsprozesses unserer 2018er LP Transangelic Exodus„, sagt Ezra Furman. „Ich bin stolz auf die endgültige Version des Albums, aber ich habe mich immer danach gesehnt, den Leuten auch einen Einblick in den seltsamen Herstellungsprozess zu geben.“ Man kann ihn oft solo an einem Tasteninstrument oder mit Gitarre erleben, etwa in Suck The Blood From My Wound (***1/2), das mit einem Kinderkeyboard eine besondere Intensität bekommt. „Ich bin sehr dankbar, dass die seltsame, leidenschaftliche, fiktive und konzeptionelle Platte, die wir gemacht haben, einige Fans gefunden hat, die sie zu schätzen wissen. Diese Sammlung ist wie eine kleine Röntgenaufnahme des Aufnahmeprozesses. Die Tatsache, dass die Fans meine dunklen, hoffnungsvollen Träume in ihr Herz gelassen haben, bedeutet mir so viel. Ich hoffe, diese Träume sind für sie genauso nützlich wie für mich.“

Da ist jemand aber vorsichtshalber bescheiden. Matthias Schweighöfer nennt sein zweites Album Hobby – und das, nachdem sein Debüt Lachen Weinen Tanzen vor drei Jahren immerhin Platz 5 der deutschen Charts erreicht hat. Die Single Zeit (**1/2) handelt davon, sich auf das Hier und Jetzt einzulassen statt ständig den Gedanken im Kopf zu haben, man verpasse vielleicht gerade etwas, das an einem anderen Ort oder in einer anderen Zeit vielleicht noch schöner, erfüllender, spektakulärer sein könnte. Als Songwriting-Partner hat der Schauspieler dabei Nisse an seiner Seite, natürlich sind auch etliche weitere Unterstützer involviert, etwa Fayzen und Josef Bach, der schon beim ersten Album mitwirkte. Die erste Idee für Zeit ist in einem Hotelzimmer entstanden, diese Spontaneität hat sich der Song auch in seiner finalen Version bewahrt. Das ist einerseits viel zu reduziert für die Welt der Max Giesingers und Mark Forsters, zugleich betont es aber auch die Frage, wer die Inkarnation von Matthias Schweighöfer als Sänger wirklich braucht.

Die Nähe zwischen Musik und Film prägt auch die erste Solosingle von Alison Mosshart: Rise (****) ist der Titelsong der für Facebook produzierten Serie Sacred Lies. Die erste Skizze für den Song stammt schon aus dem Jahr 2013. „Das Lied war seitdem immer präsent. Ich erinnere mich sehr genau an den Moment, als ich es an meinem Schreibtisch in London geschrieben habe, während ich jemanden schrecklich vermisste“, sagt Alison Mosshart. Als sie dann für einen Beitrag zur Serie angefragt wurde, erschien ihr dieser Song passend. Er wurde schließlich in Los Angeles mit Produzent Lawrence Rothman in seine endgültige Form gebracht. Die rohe Aggressivität des Sounds steht ihrer Stimme natürlich wunderbar, das hätte auch gut zum Black Rebel Motorcycle Club gepasst und sicher auch eine spannende Vorlage für eine Coverversion von Johnny Cash abgegeben. Für Aktualität sorgen nicht nur die in Zeiten einer Pandemie besonders hoffnungsvoll wirkenden Zeilen „When the sky is falling / and the sun is black / when the sky is coming down on you / baby don’t look back / we will rise“, sondern auch das Video, das die Sängerin zuhause in Nashville Lockdown-bedingt selbst geschnitten hat, mit Filmsequenzen von einem kürzlichen Besuch in L.A. Ob daraus eine umfangreichere Solokarriere wird, ist zumindest unwahrscheinlich, hat sie doch mit The Kills und The Dead Weather auch genug andere Möglichkeiten, ihr eigenes Material unters Volk zu bringen. Momentan arbeitet Alison Mosshart mit Jamie Hince an der nächsten Kills-Platte.

For The Soul There Is No Hospital (***1/2) heißt das erste musikalische Lebenszeichen von Slut nach sieben Jahren. Man könnte das für eine direkte Anspielung auf die Corona-Situation halten (erst recht bei einem Text, der mit den Zeilen „Though we are connected / though we are reflected / we’re apart“ beginnt), das Lied ist aber schon deutlich vor der Pandemie entstanden. Einen Pandemie-Bezug gibt es dennoch, nämlich in den Tücken bei der Produktion des dazugehörigen Videos mit Regisseur Ludwig Noack. „Natürlich gab es einige andere Ideen für das Video, doch auch uns kam der Lockdown dazwischen, so dass wir neu planen mussten. Klar war, dass wir nicht zusammen drehen konnten, somit hat Ludwig alle Bandmitglieder einzeln an deren Wohnort getroffen, um mit einigem Abstand und im Freien gute Bilder und Drohnenshots einzufangen. Es war schon eine Challenge, denn das Video sollte auf gar keinen Fall nach ‚Corona-Notfall-Clip aus dem Wohnzimmer‘ aussehen“, erzählt die Band. „Eine klassische Story war uns nicht wichtig, dennoch wollten wir, dass das Video etwas Besonderes wird.“ Das hat geklappt, genauso überzeugend ist der Song mit vielen hübschen Melodien in Gesang und Instrumentierung sowie einem Rhythmus, der nach und nach immer zupackender wird und so einen scheinen Kontrast zur gewohnt beiläufig klingenden Stimme von Christian Neuburger bildet. Die Band aus Ingolstadt/München will noch in diesem Jahr mit einem neuen Studioalbum nachlegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.