Hingehört: Citizens! – “European Soul”


Künstler Citizens!

Covers des Albums "European Soul" von Citizens!

Citizens! grüßen mit ihrem zweiten Album aus dem Jahr 1986.

Album European Soul
Label Kitsuné
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Citizens! Trotz des Ausrufezeichens will man da erst einmal wissen, was damit überhaupt gemeint sein soll. Citizens? Sind das die Ultras von Manchester City? Eine Bürgerbewegung für mehr soziales Engagement? Hört man European Soul, das zweite Album der 2010 gegründeten Band, drängt sich ein anderer Verdacht auf: Citizens! sind Roxette, und zwar eingefroren im Jahr 1986. Und mit ausgesucht schlechtem Geschmack.

Angeblich stecken zwar fünf Jungs aus London hinter dieser Band, aber diese Behauptung kann nur ein Ablenkungsmanöver sein. European Soul, aufgenommen in Paris mit Produzent Laurent d’Herbecourt (aus dem Dunstkreis von Phoenix), hat quasi alle Versatzstücke, die auch die Anfangstage von Roxette geprägt haben: Balla-Balla-Texte, ein Sound, der bei Gay-Pride-Events bestimmt gut ankommt, und reichlich Lieder, die auf Teufel komm raus gut gelaunt sind wie Waiting For Your Lover. „You should never be resigned, always push forward. That’s European Soul”, umschreibt Sänger Tom Burke (der natürlich in Wirklichkeit Per Gessle ist) die Philosophie dieser Platte.

Manchmal klingen die Songs auch möchtegern-mediterran (Idiots), lassen eine Rock-Vergangenheit durchscheinen (Xmas Japan) oder bieten Leidenschaft, eingepackt in 100 Prozent Synthetik (Only Mine). Wenn Modern Talking jemals die einzig wahre Akkordfolge der House-Music entdeckt hätten, wäre vielleicht etwas wie Lighten Up entstanden. Brick Wall ist auf dem Papier (aber auch nur dort) ein Ohrwurm. Auch European Girl ist vorgeblich infantil, vorgeblich aus den frühen Achtzigern und vorgeblich sexy – in Wirklichkeit ist hier aber alles so kalkuliert, wie es bei Pop eben im schlimmsten Fall sein kann.

Spätestens ab Trouble ungefähr zur Hälfte des Albums nervt der billige Retro-Disco-Sound dieser Platte kolossal. I Remember will mitreißend, eingängig und spektakulär sein, ist aber nur ermüdend. Mercy hat den unglaubwürdigsten Gospelchor der Welt. All I Want Is You (ein Bonus-Track, ausgerechnet) ist das beste Lied des Albums, weil es das einzige Lied ist, das ein Gefühl erkennen lässt, und weil dieses Gefühl Enthusiasmus heißt.

Zweimal lassen Citizens! beinahe ihre Tarnung auffliegen. In Have I Met You beginnt der Refrain ausgerechnet mit der Zeile „How do you do?” (1992 ein Hit für Roxette), und als man dann die ganze Zeit gerätselt hat, wo denn die Stimme von Marie Fredriksson bleibt, gibt sich Tom Burke in Are You Ready? alle denkbare Mühe, wie eine Frau zu klingen.

Dass man das nicht gut finden kann, liegt nicht daran, dass wir nicht mehr das Jahr 1986 schreiben. Es liegt daran, dass der Europop von Roxette selbst in seinen schwächsten Momenten niemals so hohl war wie die Lieder auf European Soul. Roxette haben sich in allen Phasen ihrer Karriere schlimme Aussetzer geleistet, aber sie hatten stets auch, wenigstens ab und zu, eine Textzeile zu bieten, die nicht aus dem Slogan-Generator kam, sondern aus dem Leben. Einen Beat, der nicht aus dem Computer stammte, sondern von einem Schlagzeuger. Eine Melodie, die nicht nur ins Ohr gehen wollte, sondern auch ans Herz. Bei Citizens! gibt es nichts davon.

Das Video zu Lighten Up zeigt, dass die Klamotten bei Citizens! auch ähnlich peinlich sind wie bei Roxette.

Homepage der Citizens.

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