Hingehört: Drive-By Truckers – „English Oceans“


Für die Musik der Drive-By Truckers wurde das Wort "solide" erfunden.

Für die Musik der Drive-By Truckers wurde das Wort „solide“ erfunden.

Künstler Drive-By Truckers
Album English Oceans
Label ATO
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

English Oceans ist das zwölfte Album innerhalb von 16 Jahren für die Drive-By Truckers. Es ist beinahe wohltuend, mit wie wenig Aufhebens sie damit herauskommen. Die Platte wurde innerhalb von 13 Tagen in ihrer Heimatstadt Athens, Georgia, aufgenommen, wieder einmal mit Produzent David Barbe. “It can go from this chainsaw rock ‘n’ roll to this very delicate, pretty-sounding stuff” umschreibt Co-Frontmann Mike Cooley die Soundpalette. Und schon nach dem ersten Durchlauf von English Oceans weiß man: Für diese Sorte Musik wurde irgendwann einmal das Wort „solide“ erfunden.

Dabei gebe es durchaus einige nicht ganz unspektakuläre Neuigkeiten bei den Drive-By Truckers, mit denen das Quintett auf das Werk aufmerksam machen könnte. Keyboarder Jay Gonzalez (seit 2008 dabei) spielt hier auch Gitarre, Bassist Matt Patton kam von den Dexateens dazu. “It’s a very tasteful group, and when it needs to be it can be a very big, powerful, over-the-top band, too, and it can go from one to the other seamlessly”, umschreibt Hood die Dynamik innerhalb der neuen Besetzung.

Zudem singt Mike Cooley mit Til He’s Dead Or Rises, das ein ziemlich großes Stück Proud Mary-DNA hat, erstmals in der Geschichte der Drive-By Truckers einen von Patterson Hood geschriebenen Song. Vor allem aber kann English Oceans als erstes Album der Band mit zwei in gleichem Maße vertretenen Songwritern gelten: Während sonst stets Hood das Gros der Lieder beisteuerte, sind diesmal gleich 6 (von 13) Songs aus der Feder von Mike Cooley dabei.

Dazu gehört der Opener Shit Shots Count, mit gefühlt nur zwei Akkorden, einem jahrhundertealten Beat und ein paar Bläsern als Garnitur – ein Rezept, das noch immer bestens funktioniert. Auch das explizit politische Made Up English Oceans zählt zu seinen Beiträgen und dank maximaler Nonchalance zu den Highlights des Albums. Das Schlagzeug klingt, als würde es ohnehin für die Erdrotation sorgen müssen und könne nebenher auch noch einen 2/4-Takt für dieses Lied abwerfen, der Gesang ist fast genuschelt.

Patterson Hood hat mit The Part Of Him ebenfalls ein Stück aktuelle Gesellschaftskritik in petto. “It’s about political assholery – there’s someone new playing that role every few months”, umreißt er die Thematik des Songs, der viel Jangle und sogar ein gut verstecktes Banjo zu bieten hat.

So etwas wie eine unverkennbare Handschrift der beiden Sänger/Gitarristen/Songwriter ist ansonsten kaum auszumachen, sowohl die Stücke von Hood als auch Cooleys Beiträge verschmelzen problemlos mit dem gediegenen Americana-Sound, für den man die Drive-By Truckers schätzt. Gelegentlich geht es auf English Oceans akustisch zu wie in Hanging On oder First Air Of Autumn. Es gibt wunderschöne Balladen wie When Walter Went Crazy oder Songs wie Natural Light, bei denen man meint, sie hätten schon vor 150 Jahren perfekt in jeden Saloon des Westens gepasst.

Pauline Hawkins ist von einem Willy-Vlautin-Roman inspiriert, Hearing Jimmy Loud zeigt, was passieren würde, wenn sich die Rolling Stones noch zwei Schritte weiter als üblich in Richtung Roots bewegten. Der Schlusspunkt Grand Canyon ist ein epischer und rührender Tribut an Craig Lieske aus der Tournee-Crew der Drive-By Truckers, der im Januar plötzlich verstorben und dem das Album gewidmet ist. In When He’s Gone ist die Stimme von Patterson Hood so fragil, als sei sie dem Leben kaum noch gewachsen, Primer Coat ist hingegen eines von etlichen Liedern auf diesem Album, bei denen man weiß: entspannter und souveräner geht es kaum.

Auch bei English Oceans ist das letztlich das prägende Charakteristikum der Drive-By Truckers: Die Songs sind immer mindestens zuverlässig, schaffen es aber niemals in die Kategorie „aufregend“. Gelegentlich schleicht sich der Verdacht von Langeweile an, aber in keinem Moment das Gefühl, dass Männer diesen Alters (Hood hat mittlerweile die 50er-Marke durchbrochen, für Hood ist sie auch nicht mehr weit entfernt) nicht mehr mit elektrischen Gitarren auf der Bühne stehen sollten.

Zwei Drive-By Truckers spielen vier neue Songs akustisch für KEXP.

Homepage der Drive-By Truckers.

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