Hingehört: Redweik – „Keine Liebe“


Den Albumtitel "Keine Liebe" darf man bei Redweik durchaus wörtlich nehmen.

Den Albumtitel „Keine Liebe“ darf man bei Redweik durchaus wörtlich nehmen.

Künstler Redweik
Album Keine Liebe
Label Warner
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Um 57 Prozent höher als bei der Normalbevölkerung ist das Risiko eines Tinitus für Berufsmusiker. Für Lärmschwerhörigkeit liegt der Wert sogar bei 300 bis 400 Prozent, hat eine Studie des Leibniz-Instituts für Präventivforschung und Epidemiologie Bremen gerade ergeben. Für die rund 120.000 Berufsmusiker in Deutschland sind das alarmierende Zahlen. Für Redweik ist es ein Hoffnungsschimmer: Irgendwann müssen die vier Jungs ihre eigene Musik vielleicht nicht mehr ertragen.

Denn die Musik des seit sechs Jahren bestehenden Quartetts aus München ist oft in der Nähe von Folter. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Handwerklich kann man dem Debütalbum Keine Liebe nichts vorwerfen. Internationaler Sound, funktionierende Melodien, eine auf maximale Größe ausgelegte Produktion aus den Händen von Robin Karow und Kilian Reischl, unterstützt von Olaf Opal (Juli, Madsen, Sportfreunde Stiller) – alles an Bord. Was die Band allerdings überhaupt nicht zu bieten hat, ist Inhalt. Die Texte klingen gerne bedeutend und schön, sind aber hohl und dumm. Redweik machen Rockmusik für Bravo Girl-Leser (falls es die Zeitschrift noch gibt).

Keine Liebe ist fast ekelhaft kalkuliert, und das ist wahrscheinlich kein Wunder bei einem Frontmann, der über Business-Netzwerke promoviert hat, im Presse-Info zu diesem Album Wörter wie „Effizienz“ und „Partnerumfeld“ benutzt und im Sinne maximaler Aufmerksamkeit für seine Band nicht vor einer Tour mit Bakkushan zurückschreckte und auch schon als Host bei Etage 7 im Einsatz war, dem Socialtainment-Magazin zur Pro7-Show The Voice Of Germany. „Will nicht mehr Teil dieser Maschine sein / ein kleines Zahnrad, das die anderen drehen / es ist schon lange Zeit, dass ich hier raus komm / und mein eigenes Leben leb“, singt eben dieser Frontmann namens Robert Redweik in Maschine, und man wünscht sich, er würde auch nur eine Silbe davon in die Tat umsetzen.

Die Musik auf Keine Liebe ist mal in der Nähe von Schlager (der Opener Einsam), manchmal klingen die Sportfreunde Stiller sehr deutlich an wie in der Strophe der Single Sammelst du Herzen, immer wieder regiert der Kitsch wie in In Schönheit sterben oder in vollkommen Poesie-freien Zeilen wie „Egal was ich tu / überall bist du“ (Überall bist du) oder „Ich find dich so schön / einfach wunderschön“ (So schön). „80 Prozent unserer Lieder haben mit Liebe zu tun, sind aber keine gängigen Liebeslieder“, sagt Robert Redweik, und wahrscheinlich meint er damit, dass Redweik den Standard, der als „gängig“ bezeichnet werden kann, nicht einmal annähernd erreichen. Wenn er betont, er sei derjenige, „der die Stückideen anschleppt und die Texte schreibt“, dann klingt das fast, als wolle er seine Bandkollegen Christoph Werner (Gitarre), Tom Rohloff (Bass) und Severin Gasteiger (Schlagzeug) aus der Schusslinie nehmen.

Es gibt ein paar passable Momente auf Keine Liebe wie Hochhaus (das freilich auch sogleich mit einem penetranten Ohoho zugekleistert wird), aber die meisten Songs auf diesem Album sind so wie Du weinst nie. Es ist die Sorte Lied, bei der eine Schülerband aus 14-Jährigen meinen könnte, sie habe einen Klassiker geschrieben – bis sie dann fünf Jahre später merkt, wie peinlich das alles ist. Wenn es überhaupt eine Existenzberechtigung für Redweik gibt, dann ist es diese: Sie lassen Madsen erst recht wie Götter erscheinen und zeigen, dass Revolverheld vielleicht doch gar nicht so schlimm sind, wie man immer dachte.

Wie romantisch: Die Idee für Sammelst du Herzen ist an einer Supermarktkasse entstanden.

Homepage von Redweik.

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