Hingehört: Cracker – „The Golden Age“ 5


Cracker sind eine Indie-Supergroup, und „The Golden Age“ ist ihr Meisterwerk.

Künstler Cracker
Album The Golden Age
Label Virgin
Erscheinungsjahr 1996
Bewertung ****

Wenn es im Indierock überhaupt Supergroups geben darf, dann ist Cracker eine solche. Die Mitglieder sind Ex-Silos, Ex-Pixies oder Ex-Camper van Beethovens. „Nirgends ist Nostalgie rätselhafter und damit ergreifender als bei diesem Burschen“, hat der Rolling Stone einmal über Cracker-Mastermind David Lowery geschrieben. Und in der Tat wendet sich diese Platte in alle möglichen Richtungen, stets aber zuerst rückwärts.

In der Gegenwart gibt es für Cracker nicht viel zu entdecken, außer der Erkenntnis I Hate My Generation gleich zum Auftakt. „Meine Generation war die letzte, die noch Erwartungen hatte. Aber als der Weg ein wenig steinig wurde, gaben sie alle auf. Und sind heute verbitterte Arschlöcher“, erklärt Lowery die Thematik, die freilich nicht ganz ohne Ironie angegangen wird – und nicht gerade subtil. Das Crash-Becken peitscht nach vorn, Lowery röchelt und rotzt den Refrain heraus. „In der Musik entwickle ich mich zum Berserker. Während ich singe oder Gitarre spiele, kann ich unglaublich wütend werden und im nächsten Moment kann ich gleich wieder furchtbar weinerlich klingen“, sagt Lowery dazu.

Zunächst wird in I’m A Little Rocket Ship aber noch weiter gerockt, nicht mehr ganz so brachial, dafür aber vollkommen straight. Derlei Annäherungen an den Mainstream hat man insbesondere Gitarrist und Co-Autor Johnny Hickmann immer wieder vorgeworfen. „Ich mag nunmal keine eindimensionalen Alben. Ich mag Alben, die mir am Ende das Gefühl geben, im Laufe der Aufnahmen eine Reise unternommen zu haben“, verteidigt der sich – und braucht angesichts von Songs wie diesem oder Useless Stuff auch gar keine schlagenderen Argumente.

Das beste an Cracker sind aber ohne Zweifel die „brüchigen Elegien, die kaum greifbaren, großartigen Erinnerungsseufzer“, die auch der Rolling Stone so schätzt. Big Dipper ist so eine, fast einschlafend und einfach traumhaft. Wieder klingt Lowery verloren und verliebt in seine „oft kargen, tieftraurigen Balladen, als trage er sie mit dem letzten Atemzug vor, nur für diesen Moment, bevor sich die Songs verflüchtigen“, wie der Rolling Stone treffend geschildert hat. Das Klavier schluchzt, die Pedal Steel heult – und beide haben allen Grund dazu: „boy, you’re looking bad / did I make you feel that bad? / I’m honestly flattered.“

Im folgenden Nothing To Believe In wirkt Joan Osborne mit und macht dabei nicht die schlechteste Figur. „Die sang mich glatt an die Wand. Sie muss ihre Seele dem Teufel verkauft haben, denn geschenkt bekommt man so eine Stimme nicht“, war David Lowery ebenfalls beeindruckt. Das kann man durchaus den „integersten Schweinerock, den es gibt“ (Rolling Stone) nennen, oder aber „den besten Feierabendrock zwischen hier und San Francisco“, den der Musikexpress erkannt haben will.

Der Titelsong bietet mit reinstem Countryrock eine weitere Facette von Lowerys „Band im Niemandsland, die sich jeder eindeutigen Charakterisierung widersetzt“ (Rolling Stone), bringt die Platte aber inhaltlich durchaus auf den Punkt. „Mit The Golden Age zieht er weiter durch das Alltägliche, Augenblickliche und Anmutige am Rande der Straße des Lebens. Das goldene Zeitalter betrachtet er jedoch auch mit der Ironie von Verlierern, die sich ihre vergilbten Reste bewahren. Ein grandioser Abgesang auf Amerika, ein Fanal des Fatalismus“, hat der Rolling Stone des Kern des Albums enthüllt.

Dixie Babylon ergänzt diesen Abgesang mit einer untröstlichen Slide-Gitarre und majestätischen Streichern. Noch schöner wird dann I Can’t Forget You. Lowery ist heiser, aber das ist noch sein geringstes Leiden. „And I lie here with you / in my heart / I tried, and I failed / I can’t forget you / at all.“ Im Rausschmeißer wird es mit den selben Mitteln nochmal ähnlich traurig, ähnlich schön. „It’s a long, long way to the top / but when you come down, it’s one head-long rush“, hat Lowery in Bicycle Spaniard lernen müssen.

Wieder richtet sich der Blick also in die Vergangenheit. Und diesmal gibt es nichtmal einen Weg zurück.

Fast einschläfernd und einfach traumhaft gerät auch die Perfomance von Big Dipper für den Rockpalast:

Cracker bei MySpace (wo ihr Profil schickerweise „CrackerHateMySpace“ heißt).


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