Hingehört: The Vaccines – „The Vaccines Come Of Age“


Hits und Humor sind wichtige Zutaten für "The Vaccines Come Of Age".

Hits und Humor sind wichtige Zutaten für „The Vaccines Come Of Age“.

Künstler The Vaccines
Album The Vaccines Come Of Age
Label Sony
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***1/2

Als Albumbands bezeichnet man ja normalerweise solche Gruppen, die brauchbare Musik machen, aber keine Hits schreiben können. Radiohead meinetwegen. Oder Element Of Crime. Oder neuerdings auch Arcade Fire. Schaut man auf die Charts, dann muss man auch die Vaccines dazu rechnen. Das Quartett bringt es gerade mal auf vier Top-40-Hits in England. Platz 32 ist die bisher höchste Position, was nicht gerade berauschend ist, wenn man von NME und MTV gehypt wird. Im Albumformat läuft es allerdings blendend für die Jungs. Ihr Debüt What Did You Expect From The Vaccines verkaufte sich weltweit mehr als 400.000 Mal. Der jetzt erschienene Nachfolger The Vaccines Come Of Age schoss im UK auf Platz 1.

Dabei sind die Vaccines natürlich problemlos in der Lage, Hits abzuliefern. An erster Stelle ist da der Opener No Hope zu nennen. „Well I could bore you with the truth / about an uneventful youth“, lauten die grandiosen ersten Zeilen des Albums. Sie läuten einen Kracher ein, der die Wildheit und den Freigeist der Libertines enthält, ebenso wie die rotzige Arroganz der Strokes und das Beschwören von Gemeinschaftssinn inmitten der Trostlosigkeit wie das auch The Enemy mal konnten.

Letzteres ist womöglich der Schlüssel zum Erfolg der Vaccines, und die Leute, die man damit anspricht, sind im Zweifel eher Albenkäufer als Radiohörer. „Ich will, dass ich irgendjemandem etwas bedeute“, sagt Sänger Justin Young passend dazu. Er will eine Identifikationsfigur sein, Frontmann einer Band, an die man sein Leben haften kann. „Es ist ganz einfach: ich will, dass wir eure Lieblingsband sind!“ Wie gut das klappt, konnten die Vaccines vor allem beobachten, als sie erstmals bei Festivals in England auftraten. „Wir hatten schon überall auf der Welt bei Festivals gespielt, aber noch nicht wirklich zuhause“, sagt Young. „Ich weiß noch, wie ich bei unserem ersten UK-Festival hinter der Bühne unseren Tour-Manager fragte: ‚Und, ist da draußen irgendwer?’ Er sagte nur, ‚Hör zu!’ Und ich konnte ungefähr 20.000 Leute unseren Bandnamen rufen hören. Das Gefühl war größer als alles, was irgendwer hätte beschreiben können.“

Auch Always Knew (dessen Strophe verdächtig an Angel Interceptor von Ash erinnert) hat dieses hymnische Element und genug Pathos und tolle Theatralik, um als Track von Glasvegas durchzugehen. Teenage Icon ist ein weiterer Hit, der zunächst mit den wilden Drums und der Zwei-Akkord-Gitarre noch primitiv wirkt, dann aber im Refrain große Klasse offenbart. Das famose Aftershave Ocean verbreitet später eine sehr hübsche Sixties-Psychedelik, Change Of Heart Pt. 2 hat das Feuer und die Melodieverliebtheit von The Jam.

An Hits besteht also kein Mangel, und das ist auch kein Wunder, wenn man auf Ethan Johns (Kings Of Leon) als Produzenten setzt. Das Schönste an The Vaccines Come Of Age, das komplett live eingespielt wurde, ist aber, dass die Platte auch als Album gut funktioniert. Mehr als 150 Songs haben Justin Young (Gitarre/Gesang), Árni Hjörvar (Bass), Freddie Cowan (Gitarre) und Pete Robertson (Schlagzeug) angeblich alleine im Jahr 2011 geschrieben, und die Auswahl daraus sorgt für einen sehr gelungenen Spannungsbogen.

Die unverkennbare Begeisterungsfähigkeit, die die Engländer noch immer für einzelne Sounds wie eine Twang-Gitarre in Always Knew oder die Ramones-Punkpower von Bad Mood entwickeln können, ist ein wichtiges Element dabei. Ein weiteres ist die Tatsache, dass sich The Vaccines Come Of Age auch ruhigere Momente gönnt. Den Grund dafür sieht die Band auch in den drei Stimmbandoperationen, denen sich Justin Young im vergangenen Jahr unterziehen musste – jeweils mit anschließendem Sprech- (drei Wochen) und Singverbot (fünf Wochen) „Es war emotional und sozial ein ziemlich interessantes Experiment. Aber meine Stimme hat durch das Ganze an Charakter gewonnen. Die Sanftheit auf der neuen Platte ist ein Resultat davon, denke ich“, meint der Sänger.

I Wish I Was A Girl ist ein Ergebnis davon, mit faszinierendem Edwyn-Collins-Flair, und auch der an Travis erinnernde Rausschmeißer Lonely World, der ganz viel Leidenschaft zu bieten, aber es gar nicht nötig hat, dabei allzu hymnisch zu werden. Auch Weirdo ist ungewohnt zurückhaltend, zählt neben Ghost Town (kraftstrotzend, aber blutleer wie die blödesten Momente der Arctic Monkeys) aber zu den beiden einzigen Schwachpunkten dieser Platte.

Dass man den Vaccines solche Passagen gerne verzeiht, liegt auch daran, dass sie trotz reichlich Kritikerlob und Fanbewunderung kein bisschen selbstverliebt wirken. Diese Band hat sich ihren Humor bewahrt. Das Cover von The Vaccines Come Of Age ist ein gutes Beispiel dafür. Darauf lässt sie die Band von vier androgynen Mädchen im Teenie-Alter namens Andrea, Chanie, Cassie und Fiona ersetzen. „Einige Leute haben behauptet, dass The Vaccines nicht aussehen wie Rockstars, also dachten wir: Nehmen wir stattdessen diese Mädchen“, erklärt Justin Young die Idee dahinter. Auch selbstironische Texte wie in Teenage Icon oder kleine Spielereien mit dem Gesang wie in Aftershave Ocean sprechen dafür, dass sie sich im Zweifel gerne für ein unbekümmertes „Scheiß drauf, versuchen wir’s einfach“ entscheiden. Werden die Vaccines also wirklich erwachsen, wie der Albumtitel verheißt? Hoffentlich nicht.

Zane Lowe ist ein Fan, da spielen die Vaccines gerne No Hope für ihn:

 Homepage der Vaccines.

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