Schwarze Schafe


Wo kann man noch guten Gewissens einkaufen? Nun, da sich das ganze Ausmaß der Überwachungsstrategie im deutschen Einzelhandel zeigt, wird sich mancher Kunde diese Frage stellen. Diejenigen, die aus Solidarität mit den bespitzelten Lidl-Mitarbeitern oder aus Empörung über die Methoden des Discounters auf Boykott gesetzt haben und zu anderen Ketten ausgewichen sind, werden bitter enttäuscht sein. Denn es gibt viel mehr schwarze Schafe als gedacht.

Nicht nur die Billigheimer überwachen ihre Mitarbeiter, sondern auch angesehene Unternehmen wie Rewe. Selbst die Fuldaer Supermarktkette Tegut steht nun am Pranger. Tegut aber mit Lidl in eine Ecke zu stellen, wäre unangebracht. Wo Lidl heimlich intimste Details aus dem Leben seiner Angestellten protokollieren und auswerten ließ, setzte Tegut von Anfang an auf Transparenz. Betriebsrat und Mitarbeiter wussten, dass in den Märkten observiert wird. Protokoll-Passagen, die das Privatleben der Mitarbeiter betrafen, hat Tegut nach eigenem Bekunden ignoriert und die beauftragte Detektei sofort zurückgepfiffen. Gut so.

Für den Einsatz von Schnüfflern und Kameras hat nicht nur Tegut zudem gute Gründe. Dem deutschen Einzelhandel gehen pro Jahr 3,9 Milliarden Euro verloren, weil Ladendiebe zuschlagen, Mitarbeiter sich am Sortiment bedienen oder Lieferanten tricksen. Diesen Schaden bezahlen letztlich die ehrlichen Kunden – das kann nicht angehen. Kameras in den Verkaufsräumen dienen hier der Abschreckung und helfen bei der Strafverfolgung.

Dennoch sind die derzeitigen Zustände nicht tragbar. Dass flächendeckend Detektive im Einsatz sind, die offensichtlich in Überschreitung ihrer Kompetenzen und oft aus eigenem Antrieb heraus mit Stasi-Methoden ins Privatleben anderer eindringen, ist ein Unding. Wenn Chefs ihre Angestellten nur als Humankapital und Werkzeug zum Profit sehen und zum Teil selbst noch deren Freundeskreis und ihr Liebesleben auf Kompatibilität mit der Firma überprüfen wollen, geht das ebenfalls deutlich zu weit. Hier ist der Gesetzgeber gefordert, um die Privatsphäre auch am Arbeitsplatz besser zu schützen.

Doch auch der Einzelhandel steht in der Verantwortung. Wenn er Detektive einsetzt, muss er klare Vorgaben machen, was sie dürfen und was nicht. Denn, ob strafbar oder nicht: In jedem Fall ist Bespitzelung ein kolossaler Schaden für die Unternehmenskultur. Was ist das für eine Firma, in der Mitarbeiter unter Generalverdacht stehen, sich auf Kosten des Arbeitgebers und der Kunden zu bereichern? In der sie ständig befürchten müssen, belauscht zu werden? In der keiner dem anderen über den Weg traut? Niemand würde in so einem Laden gerne arbeiten. Und niemand sollte dort gerne einkaufen.

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