Suuns – „The Witness“


Künstler Suuns

Suuns The Witness Review Kritik

Auf „The Witness“ sind Suuns zum Trio geschrumpft.

Album The Witness
Label Joyful Noise
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Als Suuns im Herbst 2015 gemeinsam mit Jerusalem My Heart in Deutschland unterwegs waren, fand man die Ankündigung der Tourtermine beispielsweise auch im Jazzkalender. Auf der aktuellen Tour spielen sie in der Manufaktur in Schondorf, die sich explizit als Jazzclub bezeichnet. Beides kann man erstaunlich finden bei einer Band, die bei ihrer Gründung im Jahr 2007 noch für (Post- oder Indie-)Rock stand und auch danach gerne in erster Linie mit Gitarrenmusik assoziiert wurde. Wie nahe die Verbindung der Formation aus Montreal zu diesem Genre ist, zeigt allerdings nicht nur die Tatsache, dass alle drei Mitglieder (ebenso wie der 2018 nach dem Vorgänger-Album Felt ausgestiegene Max Henry) studierte Jazzmusiker sind, sondern auch das morgen erscheinende The Witness.

Stimmungen, Schwingungen, Instinkt und Improvisation sind für Ben Shemie, Joe Yarmush und Liam O’Neill auf der selbst aufgenommenen und selbst produzierten Platte noch wichtiger geworden als zuvor, und man kann darin natürlich die Herangehensweise des Jazz wiedererkennen. Joe Yarmush erklärt: „Wir wollten das Album wie einen einzigen Song klingen lassen. Wir wollten etwas zur Ruhe kommen, auch beim Abmischen. Wir haben im Grunde versucht, alle bombastischen Tendenzen zurückzuhalten und die Dinge sehr subtil klingen zu lassen.“

Das machen Suuns gleich zum Auftakt von The Witness deutlich: Third Stream wagt sich nach und nach aus der Stille heraus, mit behutsamem Beat, Synthieflächen und einem Stimmeffekt, der das gesamte Album prägt – erst nach knapp fünf Minuten entsteht etwas, in dem man mit etwas Fantasie eine Rock-Ästhetik erkennen könnte. Später verwandelt sich Go To My Head innerhalb von knapp sechs Minuten mindestens drei Mal, ohne dass dabei ein Bruch entstehen würde. Das Ergebnis lässt an Electric Soft Parade ohne Interesse an Schönklang denken. Im verspielten Timebender mag die Zeit zwar gedehnt werden, wie der Titel besagt, aber sie wird auch mit vielen guten Ideen gefüllt.

„Es gibt immer diese Zurückhaltung bei Suuns. Wir fragen uns stets: ‚Wie lange können wir uns zurückhalten?‘ Ich finde das schön, weil es immer etwas Unerwartetes hervorbringt“, benennt Ben Shemie, der die kanadische Heimat der Band mittlerweile gegen ein Zuhause in Paris eingetauscht hat, eine weitere Jazz-Paralelle. „Aber wenn du bereit bist, bei uns zu bleiben – bei einer Show oder bei unserer Musik im Allgemeinen – wird es sich auszahlen. Es kann eine Weile dauern, aber irgendwann werden wir einen Beat für dich machen.“

Das kann man gut in der Single Witness Protection erleben: Der Bass verbreitet zunächst eine Nervosität, die von den Percussions aufgegriffen wird, dann folgen ein federnder Beat und schüchterner Gesang, wie eine verträumte Version von Beck. In Clarity wirkt der Stimmeffekt durch das reduzierte Arrangement noch prominenter, als hätte der Typ von Owl City plötzlich beschlossen, edgy zu werden. Der Sequenzer in The Trilogy lässt das Stück etwas präsenter und noch lebendiger wirken, The Fix offenbart wieder eine gute Dramaturgie, die in etwas mündet, das man beinahe „Industrial“ nennen könnte, C-Thru setzt auf ein mächtiges Schlagzeug und noch mutigere Effekte, das Resultat wirkt stoisch, ohne jemals monoton zu werden.

Der Spaßfaktor ist dabei auf The Witness ebenso gering wie die Direktheit, die Rockmusik normalerweise ausmacht. Es sind stattdessen Details, Schichten, Modulationen, die den Sound interessant machen, keine spektakulären oder gar plakativen Elemente. Es ist – und natürlich liegt darin der Reiz für alle Fans von Suuns – Musik, auf die man sich konzentrieren muss, um belohnt zu werden.

Auch das Video zu Witness Protection hat eine hypnotische Qualität.

Website von Suuns.

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