Draufgeschaut: Die Dolmetscherin
| Film | Die Dolmetscherin |
| Originaltitel | The Interpreter |
| Produktionsland | Großbritannien/USA |
| Jahr | 2005 |
| Spielzeit | 128 Minuten |
| Regie | Sydney Pollack |
| Hauptdarsteller | Nicole Kidman, Sean Penn, Catherine Keener, Jesper Christensen, Yvan Attal |
| Bewertung | **1/2 |
Worum geht’s?
Silvia Broome arbeitet als Dolmetscherin bei der Uno. Durch einen Zufall bekommt sie mit, dass dort ein Attentat geplant ist: Zuwanie, der umstrittene Regierungschef des afrikanischen Staates Matobo, soll erschossen werden, während er seine Rede vor der Vollversammlung hält. Die Information ist brisant, denn Zuwanie werden Menschenrechtsverletzungen in seinem Land vorgeworfen und ihm droht ein Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wenn es ihm nicht gelingt, sich durch die Rede vor der Uno reinzuwaschen. Die Dolmetscherin informiert deshalb den Secret Service. Doch die Geheimdienstmänner trauen ihr nicht, denn sie finden schnell heraus, dass Sylvia selbst eine Rechnung mit Zuwanie offen hat: Sie lebte einst selbst in Matobo, und dort kam ihre ganze Familie ums Leben.
Das sagt shitesite:
Wenn man bedenkt, wie komplex die Handlung von Die Dolmetscherin ist, wie viele Volten der Plot am Ende schlägt und wie bedeutend die Thematik ist, der sich dieses Drama annimmt, dann wird daraus manchmal ein erschreckend plumper und unentschlossener Film.
Wenig elegant ist beispielsweise das Ende von Die Dolmetscherin, das weder dem fein gesponnenen Netz aus Intrigen noch der politischen Fallhöhe gerecht wird, die hier zuvor im Zentrum stehen.Völkermord, ethnische Säuberungen, Kindersoldaten, Aids, der Ruf der USA als Weltpolizist und Hort der Rechtstaatlichkeit, die Frage nach Recht und Gerechtigkeit, sogar die Daseinsberechtigung der Uno insgesamt – all das wird hier thematisiert und löst sich dann in einem beinahe lächerlich banalen Finale auf.
Nicht ausgereizt werden auch die Möglichkeiten der ständig angedeuteten Liebesgeschichte. Sie sorgt zwar für einen doppelten Boden in der Beziehung zwischen Sylvia und Agent Keller, trotzdem hat man den Eindruck, dass die ansonsten sehr gut aufgelegten Nicole Kidman und Sean Penn beinahe unterfordert sind mit diesem kaum existenten Flirt.
Auch die penetranten Hinweise darauf, wie schwierig Diplomatie und Verständigung sind, weil Kommunikation auf so vielfältige Weise scheitern kann, stören eher als dass sie beeindrucken: Da fehlen Buchstaben in Schriftzügen, die an Bauwerken prangen. Da sind die Zwischentöne von Fremdsprachen und Dialekten entscheidend, es wird aber auch dann fleißig aneinander vorbeigeredet, wenn man eine gemeinsame Sprache gefunden hat. Fast wirkt Die Dolmetscherin wie eine Literaturverfilmung, der auf der Leinwand die entscheidene Ebene fehlt, die nur ein Buch und die Schriftsprache liefern kann.
Letztlich steckt darin wohl der eigentliche Kern dieses lobenswert ambitionierten und immerhin reichlich spannenden Dramas: Die Dolmetscherin ist ein Film über Trauer, Vertrauen, Sehnsucht, Stolz und Heimat – und all die anderen Dinge, die Worte nicht beschreiben können.
Bestes Zitat:
“Rache ist eine feige Form der Trauer.”
Der Trailer zum Film:
Durchgelesen: Andrew Feinstein – “Waffenhandel. Das globale Geschäft mit dem Tod”

Schockierende Einblicke in die Welt des Waffenhandels gewährt Andrew Feinstein in seinem 800-Seiten-Wälzer.
| Autor | Andrew Feinstein |
| Titel | Waffenhandel – Das globale Geschäft mit dem Tod |
| Verlag | Hoffmann und Campe |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | **** |
710 PS, 103 km/h Höchstgeschwindigkeit, geeignet für den Transport von bis zu 11 Soldaten. Der Radpanzer „Boxer“ ist ein gefragtes Fahrzeug. 272 Exemplare hat die Bundeswehr bestellt, zum geschätzten Stückpreis von gut drei Millionen Euro. Nun gibt es angeblich auch Nachfrage aus Saudi-Arabien. Das Königreich hat laut einem Bericht des Spiegel Interesse an mehreren Hundert „Boxer“-Panzern. Angeblich will der zuständige Bundessicherheitsrat im kommenden Jahr über das Kaufgesuch entscheiden.
Die Anfrage ist verlockend: Hunderte Millionen Euro beträgt das Auftragsvolumen. Die Produktion von zusätzlichen „Boxer“-Panzern sichert Arbeitsplätze im Münchner Werk, in dem das Fahrzeug gebaut wird. Die Anfrage ist ein schmeichelhafter Beweis für die Leistungsfähigkeit deutscher Militärtechnologie. Nicht zuletzt könnte die Bundesregierung einen Panzer-Deal nutzen, um das steinreiche Saudi-Arabien strategisch enger an sich zu binden. Von manchen wird das Königreich als stabilisierender Faktor in der arabischen Welt betrachtet.
Doch die Anfrage birgt auch Gefahren. Menschenrechte sind in Saudi-Arabien nicht gerade das Lieblingsthema. Sämtliche Parteien sind verboten, Oppositionelle werden verfolgt, Frauen dürfen kein selbstbestimmtes Leben führen, regelmäßig wird die Todesstrafe vollstreckt, meist durch Enthauptung mit einem Schwert. Soll man solch ein Land als Partner hofieren? Die Frage ist umstritten, selbst innerhalb der Regierungsfraktionen.
Nicht auszuschließen ist auch, dass die „Boxer“ irgendwann vom Regime in Saudi-Arabien eingesetzt werden, um einen Aufstand im Stile des Arabischen Frühlings niederzuschlagen. Demokratiebestrebungen würden dann also mit deutschen Waffen unterdrückt. Diese Situation trat unlängst in Libyen ein. Unter der Herrschaft von Diktator Muammar al-Gaddafi gab das Land seit 1970 insgesamt etwa 30 Milliarden Dollar für Waffen aus (und das, obwohl zwischen 1992 und 2003 ein UN-Embargo herrschte). Auch Deutschland verdiente an diesem Kaufrausch mit und verkaufte in diesem Zeitraum Waffen im Wert von 1,4 Milliarden Dollar nach Libyen. Als die Nato dann im Zuge des Bürgerkriegs 2011 den Rebellen zur Seite stand und Gaddafis Truppen angriff, kämpfte sie oftmals gegen ihre eigenen Waffen.
Der „Boxer“-Fall ist damit durchaus typisch für das Geschehen im globalen Waffenhandel. Nicht selten ist ein solcher Blowback-Effekt zu befürchten, fast immer finden die Geschäfte hinter verschlossenen Türen statt, sehr oft fließt Schmiergeld. Er könne sich „an kein einziges Rüstungsgeschäft mit Saudi-Arabien erinnern, bei dem es nicht wenig später Meldungen über Korruption gegeben hätte“, sagte kürzlich SPD-Verteidigungsexperte Hans-Peter Bartels der Süddeutschen Zeitung.
Doch das Geschäft boomt. Die weltweiten Rüstungsausgaben lagen im Jahr 2010 bei 1,62 Billionen Dollar, das sind etwa 2,6 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Die Wachstumsraten sind riesig: Seit dem Jahr 2000 sind die Rüstungsausgaben weltweit um 53 Prozent gestiegen. Der Markt für konventionelle Waffen hat mittlerweile ein Volumen von 60 Milliarden Dollar pro Jahr. Dazu kommt das Geld, das in dunkle Kanäle fließt: Auf den Waffenhandel entfallen mehr als 40 Prozent der Korruption im gesamten Welthandel.
„Das fatale Zusammenwirken von Terrorismus und technologischem Fortschritt, von sozialer Ungleichheit und organisierter Kriminalität hat für Instabilität und Unsicherheit im 21. Jahrhundert gesorgt, wie es die Welt in diesem Ausmaß noch nicht gekannt hat. Und die treibende Kraft für diese Eskalation, der weltweite Waffenhandel, wird immer raffinierter, komplexer und in seinen Auswirkungen verhängnisvoller“, stellt Andrew Feinstein in seinem Buch Waffenhandel – Das globale Geschäft mit dem Tod fest.
Der Journalist aus Südafrika liefert in dem 800-Seiten-Wälzer erschreckende Einblicke in das Business, das er als „Schattenwelt“ und, so eine Kapitelüberschrift, als das „zweitälteste Gewerbe“ der Welt bezeichnet: Kontrolle und Regulierung sollten eigentlich selbstverständlich sein, finden aber kaum statt. Die USA, deren Staatsausgaben für Verteidigung und Sicherheit pro Jahr etwa eine Billion Dollar betragen, werden seiner Ansicht nach praktisch vom „militärisch-industriellem Komplex“ regiert, einem korrupten Netzwerk von Rüstungsfirmen, Beamten, Kongressabgeordneten und Pentagon. Alle stecken unter einer Decke; schanzen sich gegenseitig Aufträge zu und verdienen prächtig an den Provisionen, die es dafür gibt, oder an den Schmiergeldern, die dafür gezahlt werden.
Eine unsichtbare „Drehtür“ ermöglicht den Positionswechsel zwischen Industrie, Politik und Militär. „Jeder Versuch, die Verteidigungsausgaben zu senken, wird im Kongress und beim Militär, das die geballte Lobbymacht der Rüstungsunternehmen und militärischen Dienstleister auf seiner Seite hat, auf erbitterten Widerstand stoßen“, erklärt Feinstein. So werden selbst Projekte wie das Kampfflugzeug F-22 Raptor durchgeboxt, das nach Meinung vieler Experten völlig untauglich für aktuelle oder künftige Einsatzszenarios ist, aber 350 Millionen Dollar pro Stück kosten soll. Noch einen interessanten Effekt stellt der Autor heraus: „Von allen Ausgaben der USA für außenpolitische Belange stammen 93 Prozent aus dem Verteidigungsministerium. Nur 7 Prozent werden vom Außenministerium verwaltet. Das zeigt nicht nur, welche Unterstützung die Waffenlieferanten genießen, sondern verrät auch einiges darüber, warum die Vereinigten Staaten so oft zu militärischen Mitteln greifen, um internationale Konflikte zu lösen.“
Die USA sind der mächtigste Player auf dem internationalen Rüstungsmarkt. Auf ihr Konto gehen rund 40 Prozent der weltweiten Waffenverkäufe. Das Verteidigungsbudget der Vereinigten Staaten ist seit 2001 um 81 Prozent gestiegen und umfasst mittlerweile fast die Hälfte (43 Prozent) aller weltweiten Verteidigungsausgaben. Für das US-Militär und andere sicherheitsrelevante Behörden und Einrichtungen geben die USA pro Jahr gut eine Billion Dollar aus, das sind 4,8 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts.
Solche Zahlen und viele andere Charakteristika von Andrew Feinsteins akribischen Recherchen erinnern an das Mafia-Enthüllungsbuch Gomorrha von Roberto Saviano. Auch hier gibt es reichlich Namen, Summen, Orte, Verträge und vor allem eine ultimative Skrupellosigkeit bei allen Beteiligten. Am Beginn sind einige der wichtigen Akteure wie auf Fahndungsfotos zu sehen. Schaubilder zeigen, wie Schmiergelder fließen oder illustrieren das Geflecht von Scheinfirmen. Es gibt allerdings einen bedeutenden Unterschied: Die Geschäfte der Waffenhändler werden im Gegensatz zu den Aktivitäten der Mafia meist nicht als kriminell gebrandmarkt, sondern mit dem Argument der nationalen Sicherheit sogar noch als lebensnotwendig deklariert.
Womöglich auch deshalb scheint der Waffenhandel de facto ein rechtsfreier Raum zu sein, und wenn doch mal die Strafverfolgungsbehörden einschreiten, dann scheitern sie oft „am mangelnden politischen Willen und an der objektiven Schwierigkeit, Ermittlungen zu führen in Ländern, die im Chaos versinken, nicht zuletzt wegen der Waffenlieferungen, um die es geht. Ein drittes Problem ist die Frage der juristischen Zuständigkeit“, schreibt Feinstein.
Embargos werden einfach umgangen, Schmiergelder („Provisionen“) werden meist sogar noch von der Steuer abgesetzt, und seit dem Boom der privaten Sicherheitsdienste, mit denen der Staat wichtige Aufgabe outsourct, ist eine neue große Spielwiese für zwielichtige Verträge entstanden, auf der das Geld der Steuerzahler in die Taschen von Privatleuten fließt. „Im Ersten Weltkrieg kam auf 20 amerikanische Soldaten ein privater Dienstleister. Im Zweiten Weltkrieg lag das Verhältnis bei 7 zu 1 und im Vietnam-Krieg bei 6 zu 1“, rechnet Feinstein vor. Mittlerweile hat sich das Verhältnis umgekehrt. Im Frühjahr 2010 kamen in Irak und Afghanistan auf jeden regulären US-Soldaten 1,18 Beschäftigte von Privatunternehmen.
Die gängigen Methoden im Waffengeschäft sind beinahe atemberaubend durchtrieben. So gehörte es beispielsweise zu einem Deal zwischen dem britischen Rüstungsunternehmen BAE und Saudi-Arabien, dass BAE sich die Gunst des Unterhändlers Prinz Turki bin Nasser erwarb, indem die Firma seiner Geliebten, der MTV-Moderatorin Anouska Bolton-Lee, unter anderem eine Wohnung und Schauspielunterricht bezahlte.
Der berüchtigte Viktor But, dessen Leben als „Händler des Todes“ mit Nicolas Cage in der Hauptrolle sogar in Hollywood verfilmt wurde, kaufte im Jahr 1991 für 120.000 Dollar drei große Frachtflugzeuge vom russischen Militär – ein Schnäppchenpreis. Damals war es üblich, dass völlig intakte Maschinen als schrottreif erklärt wurden, um sie an Privatleute zu verkaufen. Viele hohe Militärs besserten so ihr Privatkonto auf. Noch ein Beispiel für diese Strategie: Barry George, ein Mittelsmann von BAE, erhielt 7 Millionen Pfund als Provision für den Verkauf von zwei britischen Fregatten an Rumänien. Der Bau der Schiffe hatte den britischen Steuerzahler 250 Millionen Pfund gekostet, 14 Jahre später wurden sie ausgemustert, für je 100.000 Pfund verkauft und dann von Rumänien wieder flott gemacht.
Auch in Deutschland hält man bei Waffendeals gerne die Hand auf: Als der Bundestag 1958 die Anschaffung des Starfighters beschloss, wurden alle Dokumente in Zusammenhang mit dem Geschäft vernichtet. Es wird davon ausgegangen, dass mehrere Politiker, unter anderem der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), geschmiert wurden von Lockheed, dem Hersteller der Flugzeuge, die sich später einen zweifelhaften Ruf als „Witwenmacher“ erwarben. Ein Mittelsmann behauptet, das Unternehmen habe 12 Millionen Dollar an die CSU gezahlt.
Die üppigen Schmiergelder führen immer wieder dazu, dass unnötige Waffen angeschafft werden und sogar Staaten auf Einkaufstour gehen, die das Geld an anderer Stelle deutlich dringender brauchen. Für einen Flugzeug-Deal mit BAE bezahlte beispielsweise Südafrika rund 70 Milliarden Rand. Zum Vergleich: Zur Bekämpfung von Aids hat das Land bis 2008 insgesamt gerade einmal 8,7 Milliarden Rand ausgegeben. Tansania, eines der ärmsten Länder der Welt, kaufte von BAE ein Radarsystem für Militärflugzeuge für 40 Millionen Dollar. Das Land hatte zu diesem Zeitpunkt nur acht Militärflugzeuge. Angeblich flossen Schmiergelder von 10 Millionen Dollar.
Der Sparzwang, der in den meisten Ländern für fast alle Posten im Staatshaushalt um sich greift, scheint für die Waffenkäufer nicht zu gelten. Da werden sinnlose Projekte durchgeboxt, Mondpreise bezahlt, sich Aufträge zugeschachert und Subventionen immer weiter gesteigert. Man merkt Feinstein, der einst auch als Abgeordneter im südafrikanischen Parlament gesessen hat und heute für den britischen Guardian arbeitet, seine aufrechte Empörung an, wenn er diese Zustände schildert. Er verweist immer wieder auf das Leid der Opfer, vor allem in Afrika, wo beispielsweise in Somalia zwei von drei Männern ein Gewehr besitzen und jedermann Handgranaten, Landminen oder Kalaschnikows auf Freiluft-Märkten kaufen kann. Ein Kapitel hat Feinstein „Tränen für einen geliebten Kontinent“ genannt. Waffenhandel – Das globale Geschäft mit dem Tod ist ein Buch wie mit hochrotem Kopf geschrieben. „Im 20. Jahrhundert starben 231 Millionen Menschen in kriegerischen Konflikten, die der Waffenhandel entweder erst ermöglicht oder aber verschärft hat. Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts deutet darauf hin, dass diese Zahl noch einmal überboten werden soll“, befürchtet der Autor.
Feinstein zeigt auf, dass Marktprinzipien für Rüstungsfirmen offensichtlich nicht gelten. Sie müssen nicht effektiv sein (höhere Kosten bedeuten bloß höhere Gewinne, weil meist die öffentliche Hand zahlt) und nicht innovativ (Aufträge vom Staat bekommen die Firmen, die sie am dringendsten brauchen, um Standorte und Arbeitsplätze zu erhalten). Das frappierendste Beispiel für die völlig überzogenen Preise, die viele Hersteller verlangen: In der Reagan-Amtszeit stellte ein Flugzeugbauer der US-Regierung einen WC-Sitz für ein Militärflugzeug mit 600 Dollar in Rechnung, eine Kaffeemaschine mit 7662 Dollar.
Darbende Hersteller werden mit neuen Aufträgen oder Krediten aufgepäppelt. Alleine Lockheed Martin erhielt im Jahr 2008 staatliche Aufträge im Wert von 36 Milliarden Dollar aus den USA, 15 Millionen Dollar investierte das Unternehmen übrigens im Jahr darauf in Lobby-Arbeit und Wahlkampfspenden. Selbst die Kunden bekommen Geld von der öffentlichen Hand, wenn es sein muss. So erhielt der chilenische General Pinochet von den USA in den 1970er Jahren immer wieder Kredite, damit er Waffen kaufen konnte. In seiner Amtszeit verdreifachten sich die Militärausgaben des Landes. Wenn ein Rüstungsunternehmen trotz solch paradiesischer Bedingungen in Existenznot gerät, kann es sich im Zweifel immer auf die nationale Sicherheit berufen. All das sind erstaunliche Prinzipien zur Finanzwelt und dem „Too big to fail“-Prinzip.
Bedenklich ist das auch, weil die viel beschworene Sicherung von Arbeitsplätzen (in Deutschland sind nach Angaben der Hersteller rund 80.000 Menschen in der Rüstungsbranche tätig) sehr fragwürdig ist. Natürlich entstehen Jobs, wenn der Staat in Kriegsgüter investiert. Aber Feinstein legt gleich mehrere Studien vor, die zeigen, wie fragwürdig solche Ausgaben auch in wirtschaftlicher Sicht sind. „Mit einer Milliarde Dollar, die in Verteidigung investiert wird, werden 8555 Arbeitsplätze geschaffen. Mit dem gleichen Betrag könnten im Gesundheitswesen 12883 und in der Bildung sogar 17687 Arbeitsplätze geschaffen werden“, rechnet er vor.
Doch der Steuerzahler, dessen Geld da verschwendet wird, bekommt von der Waffenlobby weiter Sand in die Augen gestreut. Er finanziert über den Verteidigungsetat unfreiwillig Firmen mit, deren Produkte irgendwann in der Hand von Diktatoren, Kindersoldaten oder Kriegsverbrechern landen, und deren Handel zwielichtigen Gestalten wie Viktor But ein Leben in Saus und Braus ermöglichen.
Auch Deutschland verdient gut am Geschäft mit dem Tod. Feinsteins Buch zeigt, dass es auf dem globalen Waffenmarkt quasi niemanden gibt, der sich moralisch vorbildlich verhält, und die Bundesrepublik ist da keine Ausnahme. Schon wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Operation Gehlen und andere Altnazis (übrigens: In den 1930er Jahren wurde in den USA und in Großbritannien ernsthaft diskutiert, die Herstellung von Waffen durch private Firmen zu verbieten, erst die Bedrohung durch die Aufrüstung der Nazis machte diesen Debatten ein Ende) sehr aktiv im Waffenhandel, manche bis weit in die 1980er Jahre hinein. Gerhard Mertins verkaufte beispielsweise 1965 etliche Kampfjets aus Beständen der Bundeswehr an Venezuela, mit sattem Reingewinn.
Der aktuelle Rüstungsexportbericht zeigt eine Zunahme der deutschen Rüstungsexporte im Jahr 2011. Die wenigen Daten, die dazu vorliegen, zeigen nach Ansicht von Matthias John, Experte für Waffenhandel bei Amnesty International, „dass weder Berücksichtigung der Menschenrechte noch Transparenz von Rüstungsgeschäften im Vordergrund des Regierungshandelns in diesem Bereich stehen“. Besonders bedenklich ist aus seiner Sicht, dass die Ausfuhren in Länder, die nicht zur EU oder Nato gehören, deutlich gestiegen sind. „Hier ist zu befürchten, dass darunter auch noch mehr Staaten mit kritischer Menschenrechtslage sind – es ist eindeutig ein falsches Signal, wenn für solche Staaten deutsche Rüstungslieferungen genehmigt werden“, sagt John.
Außerdem agiere die Bundesregierung deutlich häufiger mit so genannten Sammelausfuhrgenehmigungen. Ihr Anteil ist von rund 740 Millionen Euro im Jahr 2010 auf mehr als 5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gestiegen. Was dabei genau zu welchem Zweck an wen geht ist dabei ebenso unklar wie die Frage, ob die entsprechenden Rüstungsgüter eventuell später weiterverkauft werden – womöglich an Länder, die aus gutem Grund nicht direkt von Deutschland mit Waffen versorgt werden.
Ein seit langem geforderter internationaler Waffenhandelsvertrag (Arms Trade Treaty, ATT) könnte im kommenden März endlich verabschiedet werden. Feinstein, der sein Buch mit Vorschlägen abschließt, wie mehr Kontrolle möglich wäre, sieht dieses Abkommen als Grundvoraussetzung, um im Waffenmarkt zumindest einmal mit Kontrolle und Transparenz zu beginnen. Der Vertrag soll unter anderem eine „Goldene Regel“ enthalten, wonach Waffen nicht verkauft werden dürfen, wenn zu befürchten steht, dass durch den Verkauf schwere Verstöße gegen internationale Menschenrechtsgesetze und Kriegsverbrechen begangen oder begünstigt werden. John setzt große Hoffnungen in den Vertrag: „Ein solches Abkommen wäre ein wichtiger Schritt vorwärts für die Einschränkung unverantwortlicher Rüstungstransfers.“
Das beste Zitat im Buch stammt von Ex-US-Präsident Dwight D. Eisenhower. Heute ist ein Flugzeugträger nach ihm benannt, dabei sagte er 1953 in einer Rede: „Jede Herstellung einer Kanone, jeder Stapellauf eines Kriegsschiffs, jeder Abschuss einer Rakete bedeutet Diebstahl an den Hungernden, die keine Nahrung bekommen, und an den Frierenden, die keine Kleidung erhalten.“
Eine gekürzte Version dieses Textes gibt es mit einer Fotostrecke zu deutschen Rüstungs-Exportschlagern auch bei news.de.
Draufgeschaut: Invictus

Präsident Nelson Mandela (Morgan Freeman, links) setzt seine Hoffnungen in Teamkapitän Francois Pienaar (Matt Damon).
| Film | Invictus |
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 2009 |
| Spielzeit | 131 Minuten |
| Regie | Clint Eastwood |
| Hauptdarsteller | Morgan Freeman, Matt Damon |
| Bewertung | **** |
Worum geht’s?
Nelson Mandela ist gerade zum ersten schwarzen Präsidenten von Südafrika gewählt worden, und er hat sich ein ungewöhnliches Ziel gesetzt: Er will, dass die Rugby-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land gewinnt. Seine schwarzen Mitstreiter können das nicht nachvollziehen. Denn zum einen hat das Land ganz andere Probleme. Zum anderen sind die Springboks für die Schwarzen im Land nach wie vor ein Symbol der Apartheid. Doch der Präsident ahnt, dass sie eine wichtige Rolle für die Einheit der Nation spielen können. Es gibt nur ein Problem: Bis zum World Cup ist nur noch ein Jahr Zeit, und die Mannschaft von Südafrika wird von allen Experten als chancenlos betrachtet.
Das sagt shitesite:
Invictus, das auf einer wahren Begebenheit beruht, meistert einen erstaunlichen Spagat: Regisseur Clint Eastwood zeichnet hier ein treffendes Porträt von Nelson Mandela und schafft zudem einen packenden Sportfilm.
Sehr gekonnt wird in wenigen Minuten die Ausgangslage skizziert: Mandela kommt frei, die Schwarzen in Südafrika dürfen wählen, der neue Präsident steht vor der Aufgabe, eine gespaltene Nation zu versöhnen und zu einen. Um schwarzen Hoffnungen gerecht zu werden und weiße Ängste zu zerstreuen, hat er dabei kaum ein Mittel an der Hand als seine eigene Autorität. Morgan Freeman gelingt es famos, Mandela als das Muster an Anstand, Bescheidenheit und Integrität darzustellen, das der Friedensnobelpreisträger nun einmal ist – ohne aus ihm einen Heiligen zu machen.
Clever werden in Invictus die verschiedenen Konfliktfelder angerissen, denen sich Mandela widmen muss. Die Rugby-Mannschaft ist dabei ein bestens geeignetes Beispiel, um seine Selbstlosigkeit und seinen Weitblick zu demonstrieren. Er erkennt, dass die Springboks zum Symbol des Wandels werden könnten, die aller Welt zeigen, dass Südafrika nicht mehr der Apartheid-Staat, sondern die Regenbogen-Nation ist. Und er ahnt, wie beflügelnd ein Erfolg des Teams für das Selbstwertgefühl aller Südafrikaner sein könnte.
Das macht Invictus in gewisser Hinsicht zum ultimativen Sportfilm, weil das Spiel hier (bis auf die letzte Viertelstunde, in der das World-Cup-Finale zelebriert wird) reine Metapher ist für Triumph, Fairness, Identifikation, Kampfgeist, Selbstvertrauen. Ganz ähnlich wie Das Wunder von Bern zeigt der Film, wie ein Spiel einem Land neuen Mut machen kann – bloß dass der Effekt hier nicht nur nach innen wirkt, sondern zusätzlich auch noch auf die ganze Welt ausstrahlt.
Bestes Zitat:
“Vergebung befreit die Seele. Sie nimmt die Furcht. Deshalb ist sie eine derart mächtige Waffe.”
Der Trailer zum Film:
Hingehört: Debo Band – “Debo Band”
| Künstler | Debo Band |
| Album | Debo Band |
| Label | Sub Pop |
| Erscheinungsjahr | 2012 |
| Bewertung | *** |
Man stelle sich vor, eine beliebige Stadt – nennen wir sie Seattle – hätte zu einer beliebigen Zeit – sagen wir: 1988 bis 1994 – eine musikalische Blüte erlebt. Sie sei zum Epizentrum eines ganzes Genres geworden, zum Anziehungspunkt für Künstler, die sich hier treffen, austauschen und gegenseitig inspirieren. Sie hätte eine Menge gute Musik hervorgebracht, die dann aber komplett abhanden gekommen wäre.
Natürlich ist das nicht geschehen. Grunge war immer präsent und nicht zuletzt hat die fortwährende Ausstrahlung von Grunge dafür gesorgt, dass Sub Pop, das Haus- und Hof-Label des Genres mit Heimat in Seattle, nach wie vor existiert und floriert. Sogar so sehr, dass Sub Pop nun das Debütalbum der Debo Band herausbringen kann. Und das versammelt Musik mit genau dem oben beschriebenen Schicksal.
Die Rede ist von dem Sound, der etwa von 1968 bis 1974 die Musik im damals pulsierenden Nachtleben von Addis Abeba prägte. Die Musiker der Stadt verbanden in dieser Zeit traditionelle äthiopische Elemente mit Einflüssen aus den USA wie Jazz, Soul und Funk. Das machte durchaus Furore, geriet dann aber völlig in Vergessenheit, als Äthiopien ins politische Chaos abrutschte. Erst viele Jahrzehnte später brachte die Sampler-Serie Ethiopiques viele der Schätze aus dieser Zeit wieder ins Rampenlicht. Und nun nimmt sich auch die Debo Band dieser Aufgabe an.
Die 2006 gegründete Formation aus Boston liefert auf ihrem Debüt elf Stücke. Vier davon sind Eigenkompositionen, die anderen greifen Vorbilder aus der Ethiopiques-Ära wieder auf. Allerdings neu arrangiert und im Sinne unserer Zeit interpretiert. Man liefere “no covers, but reinventions”, betont Bandleader Danny Mekkonen, der äthiopische Wurzeln hat und meist am Saxofon zu hören ist. Der zweite Kopf der Debo Band ist Sänger Bruck Tesfaye, dazu kommen neun weitere Musiker.
Gemeinsam machen sie Weltmusik, die neben afrikanischen Gefilden manchmal auch den Balkan streift und gerne auch auf Rock- und Jazz-Elemente zurückgreift. Die Lieder auf Debo Band sind bei einer Durchschnittslänge von fünfeinhalb Minuten fast immer äußerst opulent instrumentiert und durchweg sehr ereignisreich.
Am Beginn steht das Instrumental Akale Wube mit Akkordeon und satten Bläsern, die dann in der Führungsarbeit von zwei Geigen abgelöst werden. Auch die Eigenkomposition And Lay verzichtet auf Text, bietet dafür aber einen Bass, der definitiv auch George Clinton viel Spaß gemacht hätte.
Die Stücke aus eigener Feder reihen sich auch ansonsten nahtlos an Traditionals oder äthiopische Klassiker. Der Bass trägt das Fundament von Not Just A Song, über dem sich vor allem das Saxofon austobt. Habesha ist ein nervöses Liebeslied, das ein bisschen Klezmer einflicht und zum Ende hin immer mehr Kraft gewinnt. Der Rausschmeißer DC Flower betört mit dem exotisch-mysteriösen Sound der Embiltas (große Bamboo-Flöten, die nur drei Töne hervorbringen können).
Zu den Höhepunkten zählt Asha Gedawo: Das Lied wird traditionell gerne auf Hochzeiten gespielt, auf den Gesang antworten manchmal die Stimmen des Chors, manchmal die Bläser. Mit seinem ausgelassenen Offbeat könnte das Stück auch von Gogol Bordello stammen – mit denen die Debo Band übrigens schon gemeinsam auf der Bühne stand.
Auch der Opener Ney Ney Weleba wirkt ungemein modern: Das Lied hat so etwas wie ein Riff, das komplex ist, wie das Incubus oder Audioslave gerne mögen, und das durchaus heavy genannt werden könnte, wenn es von einer E-Gitarre gespielt würde. Dabei wird der Song immer getragen vom einem unwiderstehlichen Beat, der alle Fans von Buraka Som Sistema glücklich machen dürfte, bis alles in einem fast orgiastischen Finale mündet.
Im großartig gesungenen Tenesh Kelbe Lay ergibt sich ein Mann voll und ganz der Liebe. Am Anfang klingt das wie ein Blaxploitation-Fundstück, am Ende wird es ein langer Jam. Ambassel ist ebenfalls ein tolles Liebeslied über einen Mann, der auf der Suche nach der Liebe rastlos umherwandert. Der Sound dazu ist getragen und doch aufgeregt – und vor allem auf beeindruckende Weise demütig.
Debo Band ist alles in allem eine sehr gekonnte Aktualisierung einer zu Unrecht vergessenen Weltmusik-Epoche, oft mitreißend und tanzbar, in anderen Fällen von rührender Wärme. Oder, wie es die New York Times zusammengefasst hat: “fierce, jagged, complex and galvanizing music”.
Not Just A Song – das stimmt bei dieser Performance auf jeden Fall:
Draufgeschaut: Winterreise

Die Übersetzerin Leyla (Sibel Kekilli) soll Franz Brenninger (Sepp Bierbichler) bei einem Geschäft in Kenia helfen.
| Film | Winterreise |
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2006 |
| Spielzeit | 90 Minuten |
| Regie | Hans Steinbichler |
| Hauptdarsteller | Sepp Bierbichler, Sibel Kekilli, Hanna Schygulla |
| Bewertung | ****1/2 |
Worum geht’s?
Der Unternehmer Franz Brenninger steht vor den Trümmern seines Lebens: Seine Frau ist schwer krank, seine Firma ist pleite und seine Kinder wollen ihn in die Psychiatrie einweisen. Ein verlockendes Angebot aus Afrika verspricht ihm dann schlagartig die Lösung vieler Probleme. Weil sich der Deal aber als Finte zu entpuppen scheint, reist Brenninger selbst nach Kenia, um sich Klarheit zu verschaffen. Mit Hilfe der Übersetzerin Leyla sucht er nicht nur seine Geschäftspartner, sondern auch seine innere Ruhe.
Das sagt shitesite:
Winterreise ist unfassbar toll gespielt, intensiv und erschütternd. Ein famoses Porträt, das nachdenklich macht und lange in Erinnerung bleibt.
Der Trailer zum Film:
Der ANC feiert sich selbst
Ein Golfturnier. Ausgerechnet. Damit beginnt der Afrikanische Nationalkongress (ANC) die Feierlichkeiten zu seinem 100-jährigen Bestehen. Viele sehen darin ein Zeichen: Die einstige Befreiungs- und Untergrundbewegung ist zur Bonzen-Partei Südafrikas geworden.
So einfach ist die Lage freilich nicht. Zum Festprogramm gehören beispielsweise auch Gottesdienste und ein Tieropfer – Referenzen an die Wurzeln der Organisation, die am 8. Januar 1912 als Afrikanischer Eingeborenen-Kongress in Bloemfontein gegründet wurde. Mehr als 100.000 Teilnehmer wollen den Geburtstag des ANC feiern – eine Größenordnung, die bei einem Parteijubiläum in Deutschland undenkbar wäre und die Rechtfertigung ist für den Anspruch des ANC, das Volk Südafrikas zu vertreten. 46 Staats- und Regierungschefs werden den Feierlichkeiten beiwohnen – Beweis für die Anerkennung, die das einst isolierte Südafrika knapp 20 Jahre nach Ende der Apartheid mittlerweile in der Staatengemeinschaft genießt.
Südafrika ist heute ein respektierter Rechtsstaat. Der ANC ist die Kraft, die das ermöglicht hat. «Eine riesige Eiche, die seit Urzeiten dagestanden und die gesamte Umgebung beherrscht und bereichert hatte» – so beschreibt Nelson Mandela in der unveröffentlichten Fortsetzung seiner Autobiografie Oliver Tambo, der von 1967 bis 1991 Präsident des Afrikanischen Nationalkongresses war. Es ist eine Charakterisierung, die auch auf den gesamten ANC zutrifft.
Seit 1994, als Schwarze in Südafrika erstmals wählen durften und Mandela zum Präsident des Staates wurde, ist der ANC ununterbrochen an der Macht. Mit Mandela an der Spitze hat er den friedlichen Übergang von einem rassistischen Regime zu einer der wenigen funktionierenden Demokratien auf dem schwarzen Kontinent geschafft. Schwarze und Weiße sind weitgehend versöhnt, die Wirtschaft wächst.
Der ANC, von 1960 bis 1990 verboten, hat also guten Grund, sich feiern zu lassen. «Wir haben nicht nur für Südafrika viel erreicht, sondern für ganz Afrika», sagt ANC- und Staatspräsident Jacob Zuma. «Unser Befreiungskampf sollte ein Afrika schaffen, in dem die Völker frei sind von Kolonialismus, Rassismus und Armut.» Ähnliche Worte wird er heute bei der zentralen Feierstunde an die 40.000 Menschen im Stadion von Mangaung richten.
Südafrika ist trotzdem weit davon entfernt, ein Land ohne Probleme zu sein. Viele hatten sich schnellere Fortschritte erhofft, seit 1990 mit der Freilassung Mandelas nach 27 Jahren Haft ein neues Zeitalter für Südafrika begonnen hatte. Bei rund 36 Prozent liegt nach wie vor die Arbeitslosenquote, bei jungen Menschen ist sie fast doppelt so hoch.
Der ANC verfügt im Parlament über eine bequeme absolute Mehrheit, und niemand zweifelt daran, dass er auch aus den nächsten Wahlen als Sieger hervorgehen wird. Doch der Organisation wird immer wieder Korruption vorgeworfen. Auch der 69-jährige Zuma steht in der Kritik, vor allem wegen seines aufwendigen Lebenswandels und seiner Frauengeschichten. Er ist nicht der einzige einstige Guerillakämpfer (Zuma saß wie Mandela auf Robben Island in Haft), der meint, sich für jahrzehntelange Entbehrungen nun mit einem Luxusleben entschädigen zu können.
Zudem zieht die Organisation dubiose Gestalten an. «Der ANC wird regieren, bis Jesus wieder auf die Erde zurückkommt», hatte Zuma im Jahr 2008 vorhergesagt. Längst besetzt der ANC quasi alle wichtigen Positionen im Staat. Das ist nicht weit entfernt von den Methoden und dem Selbstverständnis, die die SED in der DDR an den Tag legte. Wer in Südafrika Karriere machen oder sich bereichern möchte, muss den Weg in den ANC suchen.
Die Probleme überschatten auch das Fest-Wochenende. «Eigentlich sollte das hundertjährige Jubiläum ein rauschendes Fest werden», sagt der Politologe William Gumede der Frankfurter Rundschau, «stattdessen wird es zum Trauerspiel». Ein Beispiel: Simbabwes Präsident Robert Mugabe, international geächtet, wird heute als «Kampfgenosse» empfangen. Ein weiterer Kritikpunkt: Julius Malema, suspendierter Chef der ANC-Jugendliga, soll bei der Selbstbeweihräucherung möglichst keine Rolle spielen. Der 30-Jährige gilt als profiliertester Gegenspieler Zumas.
Die beiden Reizfiguren symbolisieren zwei der zentralen Versäumnisse des ANC. Malema möchte beispielsweise die Banken verstaatlichen und weiße Farmer enteignen. Mit diesen radikalen Positionen verkörpert er eine fast vergessene Traditionslinie des ANC, der einst als kommunistisch galt und sich von Anfang an nicht nur rechtliche Gleichheit der Schwarzen, sondern auch sozialen Ausgleich auf die Fahnen geschrieben hatte.
Mugabe ist das schlimmste Beispiel für einen einstigen Freiheitskämpfer, der die Freiheit nun nicht gegen sich gerichtet sehen will und darob zum Diktator geworden ist. Dass Demokratie im Zweifel auch Opposition bedeuten oder sogar dazu führen kann, dass der ANC seine Macht verliert – das will in der Partei niemand hören. «Die traurige Wahrheit ist, dass ausgerechnet der ANC heute zur Gefahr für unsere Freiheit, für unsere Verfassung und für unseren Wohlstand geworden ist», meinte unlängst Enthüllungsjournalist Max du Preez, ein langjähriger Unterstützer des ANC.
Was der Afrikanische Nationalkongress derzeit vielleicht am dringendsten braucht, ist eine Führungsfigur mit dem Weitblick, der moralischen Autorität und der Bescheidenheit Nelson Mandelas. Dem ANC verdanke er «alles in seinem Leben Erreichte», hat der Friedensnobelpreisträger einmal gesagt, der seit Ende der 1940er Jahre Führungspositionen im ANC inne hatte und von 1991 bis 1997 an seiner Spitze stand. Doch Mandela wird am Jubiläum nicht teilnehmen, sondern lediglich eine Grußbotschaft schicken. Der 93-Jährige sei zu gebrechlich, so die Partei. Manch einer in der Führungsriege wird nicht traurig darüber sein. Denn neben der Lichtgestalt Mandela würden viele der aktuellen ANC-Führer blass wirken – oder wie Halunken.
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Die Schreie der Mädchen aus Afrika
«Haben Sie jemals diese Schreie gehört?», fragt der Arzt Werner Großmann die Kommissare. «Die Schreie der afrikanischen Mädchen, nachts in ihren Hütten, wenn sie von ihren Müttern festgehalten werden und ihnen mit stumpfen, rostigen Messern die Klitoris herausgeschnitten wird? Ihnen die Vagina zugenäht wird?» Er kann den Ermittlern dabei nicht ins Gesicht blicken, sondern bloß aus dem Fenster schauen, ins Nichts, mit dem Rücken zu den Polizisten.
Die Szene verdeutlicht gut, wie heikel das Problem ist, das der Tatort aus Ludwigshafen am Sonntagabend thematisierte: Genitalverstümmelung. Die Kommissare Lena Odenthal und Mario Kopper untersuchten den Tod einer Lehrerin, und die Spur führte zu einer Hilfsorganisation für Afrika. Dr. Großmann (Stephan Schwartz) engagiert sich in dem Verein, und er war auch lange in Afrika im Einsatz, um Bürgerkriegsflüchtlingen zu helfen. Immer wieder wurde er dabei mit Genitalverstümmelung konfrontiert, die er schließlich so grausam fand, dass er die Operation selbst vornahm, um den Mädchen wenigstens die Schmerzen der brutalen Prozedur zu ersparen. «Ich habe diese Schreie gehört», versucht er sein Handeln zu rechtfertigen.
Der Eingriff, der oft ohne Narkose vorgenommen wird, reicht von der Abtrennung der Klitorisvorhaut bis zu deren Entfernung gemeinsam mit den kleinen Schamlippen. In manchen Ländern werden auch die großen Schamlippen beschnitten und anschließend mit Dornen, Nadeln und Fäden verschlossen. Ein Viertel aller Mädchen stirbt an den unmittelbaren und langfristigen Folgen der Genitalverstümmelung, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wer überlebt, erleidet unerträgliche Schmerzen, und keines der Mädchen kann später Lust beim Sex empfinden.
In letzter Minute können die Kommissare im Tatort verhindern, dass ein kleines Mädchen, das mit seiner Mutter aus Somalia nach Deutschland geflohen war, sich dem «grausamen Ritual» unterziehen muss, wie Ulrike Folkerts als Lena Odenthal die Operation nennt. Aber ist so etwas wirklich denkbar? Genitalverstümmelung, mitten in Deutschland?
Ja. Nach Schätzungen der WHO leben weltweit rund 130 Millionen Frauen mit verstümmelten Genitalien. In Deutschland sind es 20.000, schätzt die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Die «Taskforce für die effektive Prävention von Genitalverstümmelung» geht sogar von 40.000 aus. Oft sind die Frauen aus afrikanischen Ländern nach Deutschland eingewandert. Aber auch Mädchen, die schon hier leben, sind in Gefahr – wie das fiktive Mädchen im Tatort aus Ludwigshafen.
Viele Mädchen werden im Alter zwischen vier und zwölf Jahren zur Beschneidung nach Afrika gebracht. Teilweise werden auch Beschneiderinnen nach Deutschland eingeflogen. Wenn der Eingriff in Deutschland vorgenommen wird, gilt das als gefährliche Körperverletzung und ist strafbar. Oftmals kommt es aber nicht zu einem Verfahren, weil die meist Minderjährigen ihre Eltern nicht anzeigen oder gar nicht wissen, dass Genitalverstümmelungen etwas Unnormales sind. Wenn sie dann erkennen, was ihnen angetan wurde, ist die Tat oft bereits verjährt.
Die weibliche Beschneidung geht nicht auf religiöse Vorschriften zurück, sondern ist kulturell begründet. «Vor allem auf dem Land fürchten Familien immer noch, aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden oder keinen Mann für die Tochter zu finden, wenn diese nicht beschnitten ist», erklärt Franziska Gruber, die bei Terre des Femmes im Referat Genitalverstümmelung arbeitet. Obwohl die Beschneidung von Mädchen auch in den meisten afrikanischen Ländern längst verboten ist, wird weltweit weiterhin alle elf Sekunden ein Mädchen an den Genitalien verstümmelt. Sudan, Somalia, Ägypten und Äthiopien sind nur einige der Länder, in denen der grausame Eingriff weiterhin üblich ist.
«Äthiopische Eltern lieben ihre Kinder genauso wie alle Eltern auf der Welt und wollen ihnen die beste Erziehung und Ratschläge mitgeben, damit sie in der Gesellschaft respektiert und akzeptiert werden. Die Beschneidung war eine traditionelle Pflicht und eine der Voraussetzungen für die gesellschaftliche Anerkennung junger Mädchen», sagt Almaz Böhm. Die Ehefrau von Karlheinz Böhm setzt sich in der Organisation «Menschen für Menschen» gegen die Genitalverstümmelung ein.
Auch andere Prominente versuchen, mehr Aufmerksamkeit für das Problem zu schaffen. Schauspielerin Nina Hoss wurde während der Dreharbeiten zum Film Die weiße Massai mit der Praxis der Genitalverstümmelung konfrontiert. «Es hat mich erschüttert zu sehen, wie sich die jungen Mädchen auf ihre Beschneidung freuen», erzählte sie vor einigen Jahren in der Zeit. Der Eingriff ist für sie «eines der schlimmsten Verbrechen, die im Namen der so genannten Ehre auf dieser Erde geschehen».
Die nach wie vor prominenteste Kämpferin gegen Genitalverstümmelung ist das ehemalige somalische Topmodel Waris Dirie. Sie wurde als Mädchen selbst Opfer dieses Eingriffs und sorgte mit ihrem Buch Wüstenblume und seitdem als UN-Sonderbotschafterin dafür, dass das Thema in die Öffentlichkeit kommt und sogar in einem Sonntagabendkrimi wie dem Tatort auftaucht. Am Ziel sieht sich Waris Dirie aber noch lange nicht: «Das Problem ist, dass die Politiker einen Scheißdreck dagegen unternehmen. Sie interessieren sich einfach nicht dafür. Einfach deswegen, weil es ein weibliches Problem ist. Dabei haben alle Politiker eine Mutter, eine Frau oder eine Tochter. Ich verstehe das nicht. Ich finde das sehr frustrierend. Es macht mich traurig, dass sich so wenig verändert und dass ich nach zehn Jahren immer noch hier sitze und über dasselbe Thema spreche. Die Welt weiß, dass diese Verstümmelungen falsch sind und doch passiert nicht viel – ich verstehe nicht, warum die Welt dabei nur zuschaut.»
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Gutmenschen als Arschlöcher

Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) sucht das Vertrauen der 16-jährigen Eshe (Corazon Herbsthofer). Foto: SWR/Stephanie Schweigert
Fliegen. Maden. Bestialischer Gestank. Kommissar Mario Kopper ist einiges gewohnt, aber beim Anblick dieser Leiche dreht sich auch ihm der Magen um. «Ökosystem Kadaver. So ökologisch war es schon lange nicht mehr», versucht er dann, seinen Ekel mit einem Witz zu überspielen.
Er steht in der Wohnung der Lehrerin Heike Fuchs. Die junge Frau kam nach dem Ende der großen Ferien nicht zur Schule. Nun ist klar: Sie wurde bereits vor Wochen umgebracht und lag seitdem in ihrer Wohnung. Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) hat schnell eine erste Spur: Am Tatort lässt sich eine junge Schwarze blicken, die etwas über die Tote zu wissen scheint. Doch dann macht sie sich aus dem Staub.
Bei den Ermittlungen in der Hauptschule, an der Heike Fuchs unterrichtet hat, trifft Lena Odenthal das Mädchen wieder. Sie heißt Eshe und war eine der Schülerinnen von Frau Fuchs. Doch sie will weder verraten, warum sie der Tod ihrer Lehrerin so sehr bestürzt, noch, wieso sie um das Haus des Opfers herumschlich. Eshe schweigt. Eisern.
Es ist eine der Stärken von Tatort – Tod einer Lehrerin, dass die Ermittler aus Ludwigshafen hier ganz lange im Dunkeln tappen. Die Kommissare Odenthal und Kopper finden in diesem Tatort ganz viel heraus, über Afrika, die Sprintstärke von durchschnittlichen 16-Jährigen, die romantische Kraft italienischer Strände, das Bildungssystem oder ihre eigenen Familienverhältnisse. Aber zunächst nichts über den Fall. Ein paar Figuren wirken verdächtig, weil sie schweigen, weil sie schwarz sind, weil sie sich als Gutmenschen inszenieren, obwohl sie sich im Gespräch mit den Kommissaren problemlos auch als Arschlöcher erweisen können – wie Eshes Stiefvater, der sich in einer Hilfsorganisation für Afrika engagiert. Aber keiner von ihnen hat ein richtiges Motiv – und das sorgt in Tod einer Lehrerin zunächst für eine Spannung, die nicht recht zu greifen, aber dadurch umso faszinierender ist.
Auch Eshes Familienverhältnisse tragen dazu bei. Ihre Mutter, die aus Somalia geflohen ist, aber auch in Deutschland auf die Einhaltung der Traditionen ihres Heimatlandes pocht, könnte eifersüchtig auf die Lehrerin gewesen sein. Eshes Stiefvater (sehr stark gespielt von Wolfgang Michael) scheint in zwielichtige Geschäfte verwickelt zu sein und gibt offen zu, dass er mit der Afrikanerin bloß eine Scheinehe führt, um sie vor der Abschiebung nach Somalia zu bewahren.
Erst nach einer Weile tauchen andere Verdächtige auf, die eher ins klassische Tatort-Raster passen. Paul ist wegen Frau Fuchs von der Schule geflogen und nach wie vor voller Groll auf die Lehrerin. Familie Betz reagiert ebenfalls mit Genugtuung, als sie vom Tod der Lehrerin erfährt. Denn Heike Fuchs trägt in ihren Augen die Schuld am Tod ihres Sohnes, der auf einer Klassenfahrt ums Leben kam. Die Lehrerin wurde zwar freigesprochen vom Vorwurf, damals ihre Aufsichtspflicht verletzt zu haben. Doch Norbert Betz kann sich damit nicht abfinden. Er hat Rache geschworen.
Mit dieser zweiten Gruppe von Verdächtigen wird der Ludwigshafener Tatort nach einem guten Drittel ein bisschen bodenständiger. Hier gibt es endlich potenzielle Täter mit klassischen Motiven, die wahlweise derb fluchen oder im schönsten Pfälzer Dialekt ihrer Verbitterung Luft machen, aber auf jeden Fall nichts mit der Polizei zu tun haben wollen.
Zwischen diesen beiden Gruppen entsteht ein interessantes Netz aus Beziehungen, in dem sich der Tatort dann allerdings ein wenig verheddert. Anders als in Tatort – Der Tod aus Afrika oder Tatort – Der illegale Tod (beide übrigens ebenfalls mit Florence Kasumba, die hier Eshes Mutter spielt) wird die afrikanische Komponente der Handlung nie richtig in den Mittelpunkt gestellt. Beinahe befürchtet man, die Geschichte der Flüchtlingsfamilie sei bloß ins Drehbuch gekommen, weil sich Schauspielerin Ulrike Folkerts auch im echten Leben für Afrika engagiert – etwa im Kampf gegen Landminen oder für die Hilfsorganisation Burundikids. Dass die Verbindung aus realem sozialen Engagement und einer Tatort-Folge keine glückliche ist, hatten die Kommissare Odenthal und Kopper ja zuletzt schon in der Frauenfußball-Folge Im Abseits bewiesen.
Zudem deutet sich schnell an, dass Tatort – Tod einer Lehrerin viel zu politisch korrekt ist, um wirklich einen Täter zuzulassen, der aus Somalia nach Deutschland geflohen ist. Dass ausgerechnet am Tag der Tat auch noch eine ganze Armada von Verdächtigen bei der angeblich ach so zurückgezogen lebenden Lehrerin aufgetaucht war, von denen auch noch praktisch jeder problemlos Zugang zu schweren Betäubungsmitteln hatte, mit denen das Opfer wehrlos gemacht wurde, ist zudem wenig plausibel.
Dafür bietet Tatort – Tod einer Lehrerin aber das sehr charmante Zusammenspiel der Kommissare Odenthal und Kopper, wobei letzterer diesmal sogar meint, seine Tochter entdeckt zu haben, von deren Existenz er bisher nichts wusste. Dazu kommt eine solide Spannung bis zum Schluss, die sogar dann noch den vollen Einsatz der Ermittler fordert, als bereits ein Geständnis vorliegt. Und die Botschaft, dass Eiferer immer suspekt sind – egal, ob sie mit aller Konsequenz ihre Traditionen verteidigen, ihrem Freund treu sein oder Afrika retten wollen.
Bestes Zitat: «Ordnung ist das halbe Leben. Ich interessiere mich ja eher für die andere Hälfte.» (Eshes Stiefvater Enno Steger erklärt der Polizei sein Weltbild.)
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Hingehört: Tinariwen – “Tassili”
| Künstler | Tinariwen |
| Album | Tassili |
| Label | V2 |
| Erscheinungsjahr | 2011 |
| Bewertung | *** |
Afrika ist in Aufruhr – und einen besseren Soundtrack für den Umsturz in Tunesien, Ägypten und Libyen als Tassili könnte es kaum geben. Wie aus Versehen haben Tinariwen, die einst als Rebellen (mit Maschinengewehr und allem drum und dran) für die Rechte der Touareg als Nomadenvolk gekämpft haben, und mittlerweile für ihre Musik von Elvis Costello, Robert Plant, Brian Eno und, natürlich, Thom Yorke und Carlos Santana verehrt werden, das perfekte Statement zur Zeit abgegeben.
„What have you got to say, my friends, about this painful time we’re living through?“, heißt die erste Zeile dieses Albums, wenn man sie ins Englische übersetzt. Auch sonst stellen Tinariwen auf Tassili überall die Frage, wie der Mensch unabhängig leben kann, im Einklang mit seiner Tradition und der Natur, ohne eine Herrschaft, die ihn dazu zwingt, ein Knecht zu sein.
Tassili ist dabei auch musikalisch eine kleine Revolution für das Quintett aus dem Süden Algeriens. Tinariwen lassen diesmal die E-Gitarren ebenso weg wie die Frauenstimmen. Ibrahim, Hassan, Abdallah, Japonais und Kheddou haben Tassili stattdessen in einem Zelt in der Wüste aufgenommen, es gibt folglich bloß akustische Gitarren, Percussions und die Mithilfe einiger internationaler Freunde.
Imidiwan Ma Tenam (das Lied mit der bereits erwähnte Aufforderung, Stellung zu beziehen in diesen turbulenten Zeiten), ist am Beginn von Tassili durchaus typisch für das fünfte Album von Tinariwen: Die Stimme von Ibrahim Ag Alhabib klingt traurig, aber stolz. Der Sound ist zurückgenommen, aber verspielt – und auf eine seltsame Weise sozial. Mag dieses Wort zunächst komisch klingen beim Versuch, ein Lied zu umschreiben, so wird im weiteren Verlauf von Tassili immer klarer: Diese Musik will unbedingt einladen, zum Näherkommen, zum Zuhören, zum Klatschen, zum Tanzen, zum Mitsingen. Immer wieder ergänzt ein kleiner Chor den Gesang von Alhabib – und es klingt organisch, spannend, intuitiv, wie eine gelebte Gemeinschaft.
Asuf D Alwa, das nach einer uralten, großen, geheimnisvollen Geschichte klingt, wartet mit einer virtuosen Gitarre auf und hat zudem den Backgroundgesang von Kyp Malone (TV On The Radio) zu bieten, der hier bei einigen Stücken auch Gitarre spielt – die beiden Bands lernten sich beim Coachella Festival 2009 kennen und pflegen seitdem regen Kontakt. Sein Bandkollege Tunde Adebimpe singt in der folgenden Liebeserklärung an die Wüste namens Tenere Taqqim Tossam mit, dem einzigen Lied dieser Platte, in dem englische Wörter erklingen.
Ya Messinagh wird um die traurigen, einsamen Bläser der Dirty Dozen Brass Band (im Nachhinein hinzugefügt in New Orleans) angereichert. Tameyawt, ein Appell an die eigene Aufrichtigkeit, kommt nur mit Gitarre und Gesang aus und klingt selbstvergessen wie die intimsten Momente von Nick Drake. Imidiwan Wan Sahara ist vergleichsweise heiter, auch Tilliaden Osamnat bringt ordentlichen Schwung mit.
Der Rhythmus ist hier immer sehr dezent, und dennoch sehr präsent. Die Lieder klingen gleichermaßen spontan wie zeitlos. Das reduzierte Instrumentarium führt dazu, dass Tassili für europäische Ohren manchmal ein wenig eintönig, dafür aber auch sehr in sich geschlossen wirkt. Auch deshalb passt diese Platte so gut in die Zeit: Tinariwen haben mit Tassili ein Dokument des Selbstvertrauens, der Solidarität und Autonomie vorgelegt.
Musik aus der Wüste: Das gilt auch für das Video zu Tenere Taqqim Tossam:
Durchgelesen: Elias Canetti – “Die Stimmen von Marrakesch”
| Autor | Elias Canetti |
| Titel | Die Stimmen von Marrakesch |
| Verlag | Süddeutsche Bibliothek |
| Erscheinungsjahr | 1968 |
| Bewertung | **** |
Man könnte Die Stimmen von Marrakesch ein Reisetagebuch nennen. Schließlich berichtet der Autor, geboren in Bulgarien, aufgewachsen in Wien, Manchester, Zürich und Frankfurt, dann nach England ausgewandert, um den Nazis zu entkommen, hier in kleinen Episoden über seine Erfahrungen in der Stadt, die Winston Churchill einmal “das Paris der Sahara” genannt hat. Doch diesen Eindruck kann allenfalls ein sehr flüchtiger Leser haben.
Denn Canetti, 1981 mit dem Literaturnobelpreis geehrt, gibt hier nicht nur die eigene Erinnerung wieder, wie das in einem Tagebuch der Fall wäre. Er gestaltet seine 14 Momentaufnahmen viel eher wie Briefe oder Postkarten. Er spricht nicht zu sich selbst, sondern zu uns. In einem Tagebuch gibt es keinen Grund, das Sinnliche zu betonen, denn das Unmittelbare der Situation hat man ja bereits im Gedächtnis und kann es mithilfe von ein par Notizen jederzeit wieder zum Leben erwecken. In Die Stimmen von Marrakesch merkt man aber sehr deutlich, wie sehr dem Autor daran liegt, dass seine Schilderung auch für Außenstehende erkennbar, erlebbar, sogar authentisch wird.
Das hat eine sehr bildhafte Sprache zufolge, die dem Büchlein nach und nach einen ganz eigenen Ton und eine zauberhafte Atmosphäre verleiht. Ob auf dem Kamelmarkt, dem Basar oder im Restaurant, in das die bettelnden Kinder hineinspähen: Der Leser ist mittendrin in diesen Farben und Gerüchen, dem Klang und selbst der Hitze.
“Auf Reisen nimmt man alles hin, die Empörung bleibt zu Haus. Man schaut, man hört, man ist über das Furchtbarste begeistert, weil es neu ist. Gute Reisende sind herzlos”, beschreibt Canetti an einer Stelle sein Ideal eines Touristen. Genau diese Herangehensweise ist die größte Stärke von Die Stimmen von Marrakesch: Die treibende Kraft dieser Erzählungen ist die pure Neugier.
Canetti schildert die Faszination, die Marrakesch auf ihn ausübt, in all ihren Facetten: Anziehung, Fremdheit, Ekel, Angst, Erotik. Bloß eines bringt er niemals zum Ausdruck: Überheblichkeit. Womöglich ist es seine eigene, jüdische Biographie, die ihn immer wieder selbst zum Fremden in neuer Umgebung werden ließ, die diese Toleranz in ihm zum Grundprinzip machte. Er erkennt die Unterschiede zur anderen Kultur, er sucht aber das Verbindende.
Wenn er beispielsweise die Gesichter von Kamelen auf dem Markt beobachtet, um dann zu erkennen, dass sie große Ähnlichkeit mit alten englischen Damen haben, dann ist das nur das amüsanteste Beispiel dafür. Auch anderswo kommt diese Mischung aus Respekt und Poesie zum Vorschein, etwa beim Schlendern über den Basar: “Es wird sozusagen alles auf einmal angeboten, was dieser größte und berühmteste Bazar der Stadt, des ganzen südlichen Marokko an Lederwaren besitzt. In dieser Zurschaustellung liegt viel Stolz. Man zeigt, was man erzeugen kann, aber man zeigt auch, wieviel es davon gibt. Es wirkt so, als wüssten die Taschen selber, dass sie der Reichtum sind, und als zeigten sie sich schön hergerichtet den Augen der Passanten. Man wäre gar nicht verwundert, wenn sie plötzlich in rhythmische Bewegung gerieten, alle Taschen zusammen, und in einem bunten orgiastischen Tanz alle Verlockungen zeigten, deren sie fähig sind.”
Diese Herzenswärme Canettis, die er selbst den elendesten und penetrantesten Figuren in seinem Buch entgegenbringt, strahlt letztlich noch deutlich stärker aus Die Stimmen von Marrakesch als die Hitze des nördlichen Afrika. Canetti erkennt das Leben in den Dingen und er erkennt die Menschen, die sie gemacht haben. Er weiß um die Bedeutung, die sie für Menschen haben, und in der Fremde wird ihm mehr und mehr klar: Es gibt einen Sinn, der in ihnen steckt. Und es gibt das manchmal noch viel Reizvollere, das sie jenseits ihres Sinns beinhalten.
Bestes Zitat:
“Die Entschlossenheit eines dummen Menschen ist unerschütterlich.”





