The Filth And The Fury


Film The Filth And The Fury

The Filth And The Fury Review Kritik

Der Film dokumentiert zwei rauschhafte Jahre der Sex Pistols.

Produktionsland Großbritannien
Jahr 2000
Spielzeit 108 Minuten
Regie Julien Temple
Hauptdarsteller*innen John Lydon, Steve Jones, Glen Matlock, Paul Cook, Sid Vicious, Malcolm McLaren
Bewertung

Worum geht’s?

Schon im Jahr der Auflösung der Sex Pistols hat Regisseur Julien Temple mit The Great Rock’N’Roll Swindle eine Rockumentary über die Geschichte der Punkband gedreht, die dann 1980 ins Kino kam. Der Film legte einen besonderen Fokus auf die Rolle, die Manager Malcolm McLaren für Image, Aufstieg und Erfolg der Band spielte. The Filth And The Fury ist zwanzig Jahre später so etwas wie eine Fortsetzung, eher aber eine Antwort, Korrektur oder Gegendarstellung: Diesmal kommen die Bandmitglieder deutlich prominenter zu Wort und zu Geltung. Sie erzählen von den wilden Anfängen in London bis zum Auseinanderbrechen der Sex Pistols während einer chaotischen US-Tournee. Es geht um Egos, Provokation, Kreativität und Geld, natürlich auch immer wieder um den Konflikt der Musiker mit Malcolm McLaren.

Das sagt shitesite:

Nur rund zwei Jahre dauerte die wilde Zeit der Sex Pistols vom Durchbruch mit der Single Anarchy In The UK bis zum Ausstieg von Johnny Rotten. Regisseur Julien Temple hat zwei entscheidende Vorteile, um diese rauschhaften Monate für die Leinwand zu dokumentieren. Erstens war er von Anfang an sehr nahe an den Sex Pistols dran, The Filth And The Fury gewinnt ungemein durch Szenen von Konzerten und Interviews aus der ganz frühen Phase der Band, die teilweise auch schon für The Great Rock’N’Roll Swindle genutzt oder damals nicht verwendet wurden. Zweitens findet er eine Form, die perfekt zur Punk-Ästhetik passt.

Der Film beginnt mit rasanten Schlaglichtern auf England in den 1970er Jahren: Den aus der Zeit gefallenen Bombast von Krone und Monarchie, die Trauer um den Status als Weltmacht mit dem verloren gegangenen Empire, die noch längst nicht überwundenen Infrastruktur-Schäden trotz des gewonnenen Weltkriegs, die verzweifelte Working Class, die sich von der Labour Party nicht mehr repräsentiert fühlt. All das wird hier bloß angerissen und doch als essentiell markiert, um die Brutstätte für diese Musik entstehen zu lassen. Zusätzlich integriert Temple auch Werbespots, TV-Shows, Zeichentrick-Passagen und dokumentarische Sequenzen von Streiks und Aufruhr, um den Zeitgeist einzufangen und zugleich daran zu erinnern, welche Kämpfe die Sex Pistols mit den Moralhütern dieser Ära auszufechten hatten. Dazu passen auch die Szenen aus einer Shakespeare-Aufführung, die wie ein Leitmotiv durch The Filth And The Fury wandern: Nicht nur stammt der Titel des Films aus einem Macbeth-Zitat, auch die damals noch immer nicht vollends gebrochene Vorherrschaft der Hochkultur gegenüber all dem, was man „popular“ nennen könnte, wird damit aufgegriffen.

Neben diesem sehr reizvollen Blick auf die Pionierzeit des Punk werden auch geschickt Bilder von Vorbildern und Wegbereitern wie David Bowie und Alice Cooper eingeflochten. Mussten diese für ihre Zeitgenoss*innen schon wie Aliens wirken, so trifft das erst recht auf die Sex Pistols zu, wie dieser Film selbst in historischen Schwarz-Weiß-Bildern noch eindrucksvoll vor Augen führt: In einer Musikwelt, die von Emerson, Lake & Palmer, den Bay City Rollers oder Queen geprägt war, und in einem Alltag, der trotz der liberalen Swinging Sixties eine sehr konservative Klassengesellschaft als Norm hatte, müssen John Lydon, Steve Jones, Glen Matlock, Paul Cook und Sid Vicious umso mehr wie Außerirdische gewirkt haben. Dass hier, anders als bei The Great Rock’N’Roll Swindle, mit einem größeren zeitlichen Abstand erzählt wird, hat im Vergleich zwei Effekte: Der Film ist informativer und reflektierter, die Beteiligten nutzen die Gelegenheit in den Interviews aus der Retrospektive aber auch, um das Geschehen und ihre Rolle darin stärker zu verklären. So waren sämtliche Sex Pistols, glaubt man den hier zu hörenden Ausführungen, natürlich schon als Schüler kleine Rabauken, ihre Instrumente waren geklaut, die ersten Proben liefen katastrophal – und letztlich hat niemand irgendetwas so ernst genommen, dass er später Verantwortung übernehmen oder sich für irgendetwas entschuldigen müsste.

Letztlich fängt The Filth And The Fury auch damit vielleicht das ein, was den Spirit der Sex Pistols am meisten geprägt hat: Eine (meinetwegen durch Malcolm McLaren verkörperte) Mischung aus Kalkulation im Marketing, in öffentlichen Auftritten und im Umgang mit der Musikundustrie auf der einen Seite, und auf der anderen Seite eine (durch vier junge Musiker virtuos zelebrierte) rotzfreche und anarchische Interpretation des britischen Humors, für den die Engländer das schöne Wort „pisstake“ erfunden haben.

Bestes Zitat:

„People were fed up with the old way. The old way was clearly not working.“

Der Trailer zum Film.

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