Corona-Musik 24 mit Alt-J, Cate Le Bon, Bambara, Kills Birds und Oh Wonder


Alt-J Get Better Review

Alt-J sind durch die Corona-Erfahrungen persönlicher geworden. Foto: verstaerker.com / Rosie Matheson

Die Erfahrung haben wir in der Pandemie sicher alle gemacht: Viele zuvor selbstverständlich erscheinende Dinge bekommen eine neue Bedeutung. Umarmungen, Fernreisen, Klopapier. Auch Joe Newman, Sänger von Alt-J, hat das bemerkt, und zwar am Beispiel von Get Better (****), der zweiten Auskopplung aus dem vierten Album der Band, das The Dream heißen und am 11. Februar 2022 erscheinen wird. Das Lied besteht aus zwei getrennt voneinander entstandenen Teilen. Den ersten davon hat er schon 2018 geschrieben, um seine Partnerin zu trösten, die unter starken Regelschmerzen litt. „Ich sang zu ihr ‚Get better my Darcy, I know you can‘. Sie hat es gefilmt und ich bin immer wieder auf dieses Fragment zurückgekommen, mit dem Ziel, es zu erweitern“, erzählt Newman. „Das zweite Fragment war eine Akkordstruktur, an der ich während des Lockdowns gearbeitet habe und die sich auf jemanden konzentrierte, der eine Phase der Trauer durchlebte. Beim Schreiben von Get Better spürte ich eine nervöse Hitze. Der Kontext der Coronavirus-Pandemie verlieh meinen Worten ein erschreckendes Gewicht und gab mir ein neues Gefühl der Verantwortung als Texter. Obwohl die beschriebenen direkten Ereignisse fiktiv sind, glaube – oder hoffe – ich, dass es emotional der ehrlichste Song ist, den ich geschrieben habe.“ Zumindest bei seinen Kollegen bei Alt-J verfehlte das seine Wirkung nicht. Als Gus Unger-Hamilton, der bei Get Better den Harmoniegesang beisteuert, das Demo zum ersten Mal hörte, „kamen mir nicht nur die Tränen, ich brach zusammen. Ein großer, großer Heulkrampf. Das Weinen des Jahres“, erinnert er sich. Das kann man gut verstehen: Das extrem reduzierte, manchmal fast acappella vorgetragene Lied hat einen ebenso intimen wie liebevollen Charakter, der durch das putzige Animationsvideo (von der preisgekrönten Hamburger Pixelkünstlerin Stefanie Grunwald) noch verstärkt wird. Auch wenn man hier fast nur Gesang und das Picking einer akustischen Gitarre hören kann, gelingt ein feiner Spannungsbogen, als dann der Bass dazukommt, hat das einen fast majestätischen Effekt. Nicht zuletzt geht es in Get Better um Dinge, die wir in Corona-Zeiten alle gut gebrauchen können: Trost, kleine Freuden und große Rücksichtnahme.

Überaus privat geht es auch bei Oh Wonder zu. Seit 2011 musizieren Josephine Vander Gucht und Anthony West miteinander, erst bei ihrem dritten Album No One Else Can Wear Your Crown (2020) verrieten sie allerdings, dass sie auch ein Paar sind, und das auch schon waren, bevor sie ihre ersten gemeinsamen Platten veröffentlichten. Besagtes Album erreichte die Top10 im UK, geplant war eine Welttournee mit 120 Konzerten. Aus bekannten Gründen konnten dann nur eine handvoll davon tatsächlich gespielt werden, bevor Oh Wonder wie so viele andere auch von Covid-19 ausgebremst wurden. Das Duo hatte indes mit einer zusätzlichen Schwierigkeit zu kämpfen: Während ihrer gesamten Beziehung waren sie immer auch eine Band gewesen. Nun fehlten plötzlich Proberaum, Tonstudio, Hotelzimmer und Tourbus. Es gab nur noch Josephine und Anthony, zuhause. Und die dabei auftretenden Spannungen und Konflikte brachten das Paar beinahe dazu, sich zu trennen. Diese Erfahrungen verarbeiten sie nun auf 22 Break. „Wir haben einfach nur Songs geschrieben. Wir hatten keine Ahnung, dass wir ein Trennungsalbum schreiben würden“, sagt Josephine. Der Titel der Single Don’t Let The Neighbourhood Hear (***1/2) lässt bereits tief blicken: Es geht um Streit, Zoff, Anfeindungen – so laut, dass sie bis ins Gebäude nebenan zu hören sind. Musikalisch wird das umgesetzt mit einem kraftvollen Beat, Saxofon und verstörenden Effekten, etwa im Harmoniegesang. Visuell findet der Videoclip (als Teil eines Kurzfilms, den Oh Wonder begleitend zum Album gemacht haben) eine sehr eindrucksvolle Entsprechung für das Gefühl, wenn man unschöne neue Seiten an sich selbst und am Gegenüber erkennt, wenn die Nerven angespannt sind, sich Schuldbewusstsein mit Zweifeln paart und die Welt in Flammen beziehungsweise das Wasser bis zum Hals zu stehen scheint. Für Josephine und Anthony hab es übrigens ein Happy End: Sie haben im August geheiratet. „Es ist peinlich, es ist verletzlich, aber es hat uns auch gerettet“, sagt Josephine deshalb über das neue Album. Auch eine Welttournee ist wieder geplant, mit vier Konzerten in Deutschland.

Für die unfreiwillige Isolation finden auch Kills Birds eine starke optische Entsprechung. Das Video zur neuen Single Cough Up Cherries (***1/2), das unter der Regie von Brandon Somerhalder entstanden ist, spielt einerseits mit dem Brautkleid-Outfit von Sängerin Nina Ljeti auf den Titel des neuen Albums an (Married wird am 12. November erscheinen) und zeigt andererseits die Verschmelzung von der (sehr klein gewordenen) realen Welt mit dem, was einem auf dem Bildschirm begegnen kann. „Es gibt viele Themen in Cough Up Cherries, denn es wurde auf dem Höhepunkt der Pandemie im Jahr 2020 geschrieben“, sagt Ljeti. „Der Song berührt Gefühle von Einsamkeit, Paranoia und Hoffnungslosigkeit, die wir alle erlebt haben. Darüber hinaus thematisiert er auch die Identitätskrise, die wir alle im digitalen Zeitalter erleben. Was unsere performativen Persönlichkeiten im Vergleich zu dem sind, was wir wirklich sind, wenn wir allein gelassen werden, und ob wir inmitten großer Ungerechtigkeit tatsächlich in der Lage sind, uns selbst zur Verantwortung zu ziehen.“ Der Song würde mit seiner Wucht und Originalität gut zu Blood Red Shoes passen, auch Parallelen zu Hole lassen sich in der dritten Single-Auskopplung von Married erkennen. Das Album haben Kills Birds auf Einladung von Dave Grohl in dessen Studio 606 aufgenommen, zuvor hatte das Trio aus Los Angeles auch schon im Vorprogramm der Foo Fighters gespielt. Gitarrist Jacob Loeb sieht noch einen weiteren Corona-Bezug in Cough Up Cherries: „Die Instrumentierung dieses Songs spiegelt einige der Schichten der Verwirrung und des Chaos wider, die so viele Menschen auf dem Höhepunkt der Pandemie erlebt haben. Es ist Musik, die wir auf dem Gipfel der Isolation und Empörung erschaffen haben. Der Song hat einen bedrohlichen Kick-Drum-Herzschlag, der sich durch die beunruhigend verdrehten und ineinander verwobenen Gitarren- und Bassparts zieht, die sich zu einem Refrain steigern, der wie ein authentischer Ausdruck unserer kollektiven Wut auf dem Höhepunkt dieser chaotischen Zeit wirkt.“

Gleich zweimal hat Corona die kreativen Pläne von Bambara aus Brooklyn zuletzt zerstört. Zunächst wollten Sänger Reid Bateh, sein Bruder Blaze Bateh (Drums) und William Brookshire (Bass) nach dem Lob, das sie sowohl zuhause in den USA als auch im UK für ihr 2020er Album Stray geerntet hatten, auf Tour gehen. Im Electric Ballroom in London sollte vor 1500 Fans ihr bisher größtes Konzert über die Bühne gehen, doch dann kam die Pandemie. Der Versuch, die unfreiwillig gewonnenen Off-Days für die Arbeit an neuen Songs zu nutzen und sich dabei – wie es so viele Acts in den vergangenen Monaten getan haben – über digitale Kanäle auszutauschen, scheiterte ebenfalls. Bambara bekamen zwar Material für eine EP zusammen, aber sobald dieses Werk fertig war, haben sie es verworfen. Nach ihren Worten fühlte sich das Ganze „unehrlich“ an, weil es nicht durch gemeinsame Tätigkeit am selben Ort entstanden war. Sobald es wieder möglich war, kam das Trio also in New York zusammen und arbeitete in bewährter Manier an neuen Stücken. Die bilden jetzt das Mini-Album Love On My Mind, das am 25. Februar 2022 erscheinen wird. „Die Texte sind ein bisschen persönlicher und definitiv verletzlicher und menschlicher“, beschreibt Reid Bateh eine der Auswirkungen der Pandemie auf die sechs neuen Songs. „Der Fokus liegt mehr auf dem Realismus. Ich glaube, das lag zum Teil daran, dass ich mich während des Lockdowns ganz auf die Fotografie konzentriert habe. Da ich in New York City war, ohne es wirklich erleben zu können, suchte ich nach Darstellungen dessen, wie es sich anfühlt, in der Stadt herumzulaufen. Und das habe ich in Fotografien gefunden. Vor allem in Ballad Of Sexual Dependency von Nan Goldin. Das beeinflusste auch meine Entscheidung, eine der Figuren in der Geschichte zu einer Fotografin zu machen und Teile der Geschichte durch ihre Schnappschüsse zu erzählen.“ Die erste Single Mythic Love (***1/2) vereint Aufruhr, ein bisschen Dreck im Stile des Black Rebel Motorcycle Club und eine gute Dosis an Stevie-Nicks-Theatralik, für die Gastsängerin Bria Salmena (Orville Peck) sorgt. Dass sich so etwas nicht aus der Skype-Retorte produzieren lässt, erkennt man sofort.

Cate Le Bon haben die vielen Monate der Covid-19-Plage zu ein paar ganz grundsätzlichen Gedanken über Vergänglichkeit gebracht. Pompeii hat sie ihr sechstes Studioalbum genannt, das für 4. Februar 2022 angekündigt ist, und natürlich steckt darin die Frage: Wenn nun wirklich alles zu Ende wäre, wie damals beim Ausbruch des Vesuv, der von einem Tag auf den anderen eine ganze Stadt unter seiner Asche begrub, wie würden wir damit umgehen? Wie würden wir die restliche Zeit nutzen und was würde von uns bleiben? „Pompeii wurde in einem Sumpf der Unruhe geschrieben und aufgenommen. Solo. In einer Zeitschleife. In einem Haus, in dem ich vor 15 Jahren ein Leben hatte“, sagt die Künstlerin über den Nachfolger des für den Mercury Prize nominierten Albums Reward (2019). „Ich kämpfte mit der Existenz, der Resignation und dem Glauben. Ich fühlte mich schuldig an dem Schlamassel, aber es hatte einen starken Beigeschmack von kollektiver Schuld, die durch Religion und Erbsünde auferlegt wird. Der Untertitel lautet: Du wirst für immer mit allem verbunden sein. Das ist, je nach Tageszeit, ebenso beruhigend wie erschreckend. Das Gefühl der Endgültigkeit war schon immer da. Es scheint seltsam hoffnungsvoll zu sein. Jemand spielt mit dem Fokusobjektiv. Die Welt steht in Flammen, aber die Mülltonnen müssen am Dienstagabend raus. Politische Dissonanz trifft auf Schönheitsregime. Ich packte einen Groove dazu, um etwas zum Festhalten zu haben. Der Kummer ist in den Saxophonen.“ Das hört man gut in der ersten Single Running Away (***). Cate Le Bon zweifelt darin an ihrer eigenen Fähigkeit zum Mitgefühl, zu einem Sound, der an David Bowies Experimente in den Eighties denken lässt. Man hört, dass sie den Song (wie die meisten Stücke auf Pompeii) auf dem Bass komponiert hat und hier einer ebenso klaren wie komplexen und einzigartigen Vision folgt – notfalls bis ans Ende aller Tage.

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