Draufgeschaut: 2030 – Aufstand der Jungen


Sophia (Lavinia Wilson) ist auf der Suche nach ihrem Freund Tim.

Sophia (Lavinia Wilson) ist auf der Suche nach ihrem Freund Tim.

Film 2030 – Aufstand der Jungen
Produktionsland Deutschland
Jahr 2010
Spielzeit 89 Minuten
Regie Jörg Lühdorff
Hauptdarsteller Lavinia Wilson, Bettina Zimmermann, Barnaby Metschurat
Bewertung ****

Worum geht’s?

Tim Burdenski kommt ums Leben, als er im November 2030 auf der Flucht von der Polizei angeschossen wird. Das hat heftige soziale Unruhen im ganzen Land zur Folge. Doch Sophie Schäfer (gespielt von Lavinia Wilson), eine Freundin von Tim, will nicht an dessen Tod glauben. Sie wittert eine Verschwörung, findet Hinweise, dass Tim noch am Leben ist, und macht sich gemeinsam mit der Journalistin Lena Bach auf seine Spur. Die hat ebenfalls großes Interesse an der Story, denn Tim und Sophie kamen beide am 1. Januar 2000 zur Welt und wurden für die fiktive TV-Serie Millenniumskinder von Geburt an von einem Fernsehteam begleitet. Das hat sie im ganzen Land bekannt gemacht und auf persönlicher Ebene eng zusammengeschweißt. Doch ansonsten verlief ihr Leben völlig unterschiedlich: Sophie hat Karriere gemacht, Tim erlebte den sozialen Absturz. Die Spurensuche führt somit in eine Welt der Armut – und voller Wut auf den Staat.

Das sagt shitesite:

Angela Merkel, die Kanzlerin, ist heute Abend auf der Rückreise von einem Regierungsbesuch in Zypern. Guido Westerwelle, der Vizekanzler, hört sich das Neujahrskonzert des Deutschen Symphonie Orchesters Berlin an. Und Frank Walter Steinmeier, so etwas wie der Chef der Opposition, diskutiert im Infocafé «Der Winkel» in Belzig (Brandenburg) mit Bürgern.

Es ist sicherlich nicht allzu gewagt, diese Termine durchweg als verzichtbar zu bezeichnen. Alle drei sollten heute Abend etwas anderes tun. Sie sollten vor dem Fernseher sitzen und sich im ZDF 2030 – Aufstand der Jungen anschauen. Denn die Doku-Fiction führt eindrucksvoll vor Augen, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn die Politik den Bürgern weiterhin lieber Sand in die Augen streut – statt sich den Realitäten des demografischen Wandels zu stellen.

Die Herangehensweise, eine fiktionale Story wie eine Dokumentation zu präsentieren, sorgt nicht nur für die nötige Spannung. Sie bietet auch einen sehr passenden Rahmen für das eigentliche Thema: Der Sozialstaat, wie wir ihn kennen, ist im Jahr 2030 gescheitert. Die junge Generation muss die Zeche dafür zahlen, dass wichtige Reformen jahrzehntelang versäumt wurden.

Wie die Folgen aussehen, wird in 2030 – Aufstand der Jungen immer wieder klar gemacht: Die junge Generation muss dafür bluten, dass Deutschland jahrzehntelang über seine Verhältnisse gelebt hat. Private Altersvorsorge, dazu horrende Beiträge für das Gesundheitssystem, zusätzlich noch hohe Kosten, um die Pflege der Großmutter zu bezahlen – das endet für viele im Ruin, zumal es kaum noch reguläre, vernünftig bezahlte Jobs gibt.

Die Stärke des Films ist es aber, dass er gar nicht erst versucht, Alt und Jung gegeneinander auszuspielen (Jörg Lühdorff, von dem Regie und Buch stammen, ist übrigens Jahrgang 1966). Stattdessen wird die Ungerechtigkeit nur als Symptom eines größeren Konflikts betrachtet, wie an einer Stelle im Film auch ganz explizit erklärt wird: «Aus dem Generationenkonflikt ist ein Klassenkampf geworden.» Das Ergebnis sind rechtsfreie Räume, Menschen, die sich für tot erklären lassen und im Untergrund leben, um sich von ihrem Schuldenberg zu befreien, und ein Staat, der nur noch durch brutale Sondereinsatzkommandos gegen sein eigenes Ende vorgehen kann.

Das frappierende an diesem Szenario ist, dass ein Teil davon längst Realität ist. Die Armenküchen, die hier die Bewohner von Schöneberg (aus dem 2030 ein Slum mit dem Spitznamen «Höllenberg» geworden ist) speisen? Menschen, die weder einen Arzt noch eine Schule für ihre Kinder finden, weil sie keine Papiere haben? Die Tatsache, dass Bildung (wenn man denn die Chance dazu bekommt) längst keine Versicherung mehr gegen Armut ist? Arbeitsnomaden, die sich mit mehreren Jobs und Hungerlöhnen durchschlagen müssen? Der Niedergang des Mittelstands? All diese Entwicklungen sind in vollem Gange – und gerade durch die Bezüge zur Aktualität wird 2030 – Aufstand der Jungen so erschreckend und so gut. Dass es für die Szenen in den Elendsvierteln der Zukunft keine Kulissen brauchte, sondern dass man sie in realen Straßenzügen der Gegenwart filmen konnte, ist noch so ein Beleg dafür.

Das macht 2030 – Aufstand der Jungen zu einem aufrüttelnden, wichtigen Film. Er erzählt die Geschichte einer Generation und einer Gesellschaftsschicht, die seit Jahren von der Politik systematisch verarscht wird. Auch ganz reale Zahlen machen das deutlich: Schon heute muss ein Durchschnittsverdiener 27 Jahre lang Beiträge in die Rentenversicherung zahlen, um dann eine Rente auf Sozialhilfeniveau zu erhalten. Wenn er gar nichts einzahlt, erhält er im Alter genauso viel Geld. Mit Gerechtigkeit hat dieses Märchen vom Sozialstaat nichts zu tun. Die Probleme werden sich zudem noch verschärfen: Im Jahr 2030 werden 46,2 Prozent der Deutschen Rentner sein – die deutsche Bevölkerung ist dann die älteste in ganz Europa.

Ob das wirklich zu Straßenschlachten, Revolution und Überwachungsstaat führen wird, wie 2030 – Aufstand der Jungen es prophezeit, sei dahingestellt. Man kann das Szenario für übertrieben halten, aber auch bloß für schonungslos realistisch. Der Film tut in jedem Fall das, was die Politik längst hätte tun müssen: Er legt den Finger in die Wunde.

Gelegentlich schießen die Macher zwar über das Ziel hinaus, vor allem, weil sie zu viele Themen anreißen. Sozialstaat, Zeitungssterben, die Freiheit im Internet, Leiharbeit – hier hätte etwas mehr Fokus gut getan. Auch, wenn ein Krankenpfleger, der eine zentrale Rolle bei der Spurensuche nach Tim Burdenski spielt, als Benno Ohnesorg des 21. Jahrhunderts inszeniert wird, geht das ein bisschen zu weit.

An anderer Stelle haben die Macher sichtlich Spaß am Blick in die Kristallkugel: Die Ausstatter gönnen sich nette Spielereien mit futuristischer Mode, Technologie oder Autos. Jacketts ohne Kragen, Telefonieren mit dem Fernseher, ein bulliger Prototyp von VW: Auch das macht hier die Zukunft aus.

Zudem verdeutlicht 2030 – Aufstand der Jungen, wie sehr die Medien unser Leben prägen, und wie sie es in Zukunft erst recht tun werden. Immer wieder werden im Film Szenen aus den Millenniumskindern eingeblendet, der Langzeit-Doku, mit der Tim und Sophie berühmt geworden sind. Dazu kommen Amateurvideos, Szenen aus dem Internet und Bilder von Überwachungskameras, kommentiert von einer seriösen Stimme aus dem Off, wie man das beispielsweise bei Aktenzeichen XY kennt. Die Protagonisten schauen immer wieder direkt in die Kamera, schüchtern, skeptisch, oder voller Verachtung. Sophie und Tim leben in einer permanenten Truman Show, der Rest der Welt in einer Mischung aus Big Brother und The Matrix.

All das ist bedrückend, bedeutend und bewegend. Es ist ein mutiges Format zur besten Sendezeit, stark besetzt, von hoher gesellschaftlicher Relevanz und spektakulär umgesetzt. 2030 – Aufstand der Jungen macht endgültig klar, welch tiefgreifendes Umdenken der demografische Wandel erfordert. Der Film zeigt, dass man eigentlich nur einen klaren Verstand, einen Taschenrechner, und eine gute Dosis Mut zur Wahrheit braucht, um die Konsequenzen daraus zu ziehen, und dass unsere Politiker seit Jahren offensichtlich nur eins dieser drei Dinge mitbringen.

Bestes Zitat:

“Ich zahl’ den Leuten den Tariflohn. Mir ist schon klar, dass man davon keine Familie ernähren kann.”

Lavinia Wilson spricht über den Film:

Eine andere Version dieser Rezension gibt es auch auf news.de.


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