Durchgelesen: Ake Edwardson: „Der Jukebox-Mann“


"Der Jukebox-Mann" ist das Dokument einer Zeitenwende.

„Der Jukebox-Mann“ ist das Dokument einer Zeitenwende.

Autor Ake Edwardson
Titel Der Jukebox-Mann
Verlag Claassen
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ****

Krimis sind eigentlich das Metier, in dem sich Ake Edwardson einen Namen gemacht hat. Der Spiegel hat sich deshalb nicht entblödet, ihm den naheliegendsten aller Vergleiche aufzudrücken: „Ake Edwardson macht Henning Mankell Konkurrenz“, schrieb er dreist. Ist ja klar: Mankell ist schließlich auch um die 60. Und auch Schwede.

Dabei ist Der Jukebox-Mann ganz weit weg von Kommissar Wallander. Sterben tut in diesem Roman nur das, was die Protagonisten hier gerne „die alte Zeit“ nennen. Denn es ist 1964, und die beschauliche Gesellschaft der Nachkriegsjahre zerbröselt.

Johnny Bergmann, die Hauptfigur des Buches, steht mittendrin in diesem Wandel. Johnny ist 35, in Pflegefamilien aufgewachsen, ein Ex-Alkoholiker, ein passionierter Elvis-Fan. Er sehnt sich nach Kontinuität in seinem Leben. Früher war er ein veritabler Weiberheld, doch jetzt wünscht er sich lieber „einen klaren Morgen statt einer diffusen Nacht“. Sein Job ist dafür freilich denkbar ungeeignet: Johnny stellt Jukeboxen auf, in Cafés, Motels und Freiluftdiscos. Er ist ständig unterwegs, von Jukebox zu Jukebox, um die Kisten zu reparieren oder mit den neusten Singles zu bestücken.

Johnny ahnt, dass es ein sterbendes Geschäft ist. Die Kids haben mittlerweile selber einen Plattenspieler, die Familien sitzen lieber zuhause vor dem Fernseher als ins Restaurant zu gehen und dort noch ein paar Kronen in die Jukebox zu werfen, um ein Tänzchen zu wagen. Mit der Tätigkeit als Jukebox-Mann findet Ake Edwardson somit eine schöne Metapher für das ohnmächtige Aufbäumen seiner Figuren gegen die Modernisierung, deren Einzug sie noch verhindern meinen zu können, obwohl sie längst in vollem Gange ist. Dass Johnnys Fähigkeiten als Mechaniker beim Reparieren der Jukeboxen bald ebenso wenig wert sein werden wie seine Liebe zur Musik („Alles, was gesagt und getan werden musste, konnte innerhalb zwei Minuten und 32 Sekunden entschieden werden oder wenigstens während der drei Minuten, in denen sich eine Single drehte. Es reichte, dass alles passieren konnte.“), dieses Gefühl schwebt lange über dem Roman. In ihrer bedrückenden Emotionalität erinnert diese Atmosphäre manchmal an die hoffnungsvolle Wut der Bauern, die in John Steinbecks Früchte des Zorns ihre Felder aufgeben müssen.

Dass Der Jukebox-Mann trotz dieser früh feststehenden Ausgangslage spannend bleibt, liegt zu einem guten Teil an den Menschen, die Johnny auf seinen Rundreisen trifft. Ein notorisch glückloser Lotteriespieler, eine verlassene Ehefrau, ein Amerikaner auf der Suche nach seinen Wurzeln – bei jeder dieser Begegnungen ahnt man, dass sie schicksalhaft für Johnny sein könnte. Aber sie alle bleiben bloß kleine Episoden in einem immergleichen Alltag.

Das ist ein cleverer Kniff von Edwardson: Die Methode nutzt sich keineswegs ab, sondern führt nach und nach vor Augen, wie sehr sich Johnny selbst diese eine Begegnung wünscht, die sein Leben verändern wird – und zeigt damit auch, dass er selbst nicht in der Lage ist, die Dinge in die Hand zu nehmen. Deshalb ist Der Jukebox-Mann nicht nur ein sehr gefühlvolles Porträt einer Ära, sondern vor allem ein gekonntes Psychogramm: Während sich rund um ihn herum alles immer mehr individualisiert, muss Johnny Bergman auf diesen 400 Seiten seine eigene Individualität erst finden.

Bestes Zitat: „Von manchen Abenden und Nächten war ihm ohnehin nicht viel in Erinnerung geblieben. Er hatte gelacht. Er hatte gerufen. Vielleicht hatte er geweint, die Tränen der Besoffenen, die schlimmste Art zu weinen, schlimmer als ihr Lachen.“

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