Durchgelesen: Ian Kershaw – „Höllensturz“


Autor Ian Kershaw

Ian Kershaw Höllensturz Kritik Rezension

Europa am Rand des Abgrund betrachtet Ian Kershaw in „Höllensturz“.

Titel Höllensturz. Europa 1914-1949
Originaltitel To Hell and Back. Europe 1914 – 1949
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Ian Kershaw ist bisher nicht gerade damit aufgefallen, brisante Themen zu meiden. Aus der Feder des britischen Historikers stammen beispielsweise Werke zum Holocaust, zu Nationalsozialismus und Stalinismus im Vergleich, nicht zuletzt eine weithin gerühmte zweibändige Biographie Adolf Hitlers. Trotzdem schreibt der Autor nun im ersten Satz von Höllensturz. Europa 1914-1949, dies sei „das wohl mit Abstand schwierigste Buch, an das ich mich je gewagt habe“.

Wie zur Bestätigung, ist auch der Rest des Vorworts nichts als eine sehr ausführliche Entschuldigung, für die Form (Kershaw wählt eine chronologische und dennoch besondere Gliederung, bei denen einzelnen Kapiteln Überblicksdarstellungen vorangestellt sind, und verzichtet auf Fußnoten, weil die Verlagsreihe, in der die Originalausgabe erschien, solche nicht vorsieht), für den Inhalt (etwa seine geografische Definition von Europa oder die Tatsache, dass zu fast allen hier behandelten Aspekten bereits eigene Monographien vorliegen) und vor allem für die Anmaßung, solch ein Buch zu schreiben.

Wer vermutet, der emeritierte Professor für Modern History an der University of Sheffield wolle damit einen Weltrekord im britischen Understatement aufstellen, liegt nicht falsch. Denn Höllensturz ist eine meisterhafte Gesamtdarstellung der Epoche von den Vorboten des Ersten Weltkriegs bis in die Zeit, als sich die beiden Machtblöcke des Kalten Kriegs konstituiert hatten.

Natürlich kompiliert das Werk letztlich nur bereits bekanntes Wissen („Eigenständig sind an diesem Buch darum allein Aufbau und Interpretation – die Art und Weise, wie die Geschichte geschrieben ist, und die zugrunde liegende Argumentation“, räumt Kershaw diese Tatsache freimütig ein), doch dies gelingt in einer wunderbar kompakten, vollständigen und lesenswerten Form. Neben den großen Leitlinien in Politik und Wirtschaft nimmt der Autor auch künstlerische und wissenschaftliche Entwicklungen in den Blick, widmet sich Freud und Kafka, Eugenik und Bauhaus.

Gerade diese Aspekte leisten einen wichtigen Beitrag, wenn man verstehen will, wie sich die europäische Zivilisation an den Rand der Selbstzerstörung bringen konnte („Europa stieg im 20. Jahrhundert einmal in die Hölle hinab und kam wieder daraus hervor“, heißt es an einer Stelle, der Originaltitel To Hell And Back unterstreicht die Bedeutung dieses Bilds). Die Faktengeschichte zum Geschehen der beiden Weltkriege und in der Zeit dazwischen, die in Summe hier beinahe wie ein zweiter Dreißigjähriger Krieg betrachtet werden können, steht im Zentrum. Doch Kershaw reichert sie mit Alltagsgeschichte an, sogar mit scheinbar Beiläufigem wie der Tatsache, dass das Hotel in Bretton Woods reichlich baufällig war, in der die Alliierten eine neue Wirtschaftsordnung für die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg konzipieren wollten, oder amüsanten Anekdoten aus seiner eigenen Familiengeschichte.

Dass Höllensturz eine so eindringliche Lektüre wird, selbst bei einer so vertrauten Materie wie hier, liegt allerdings nicht nur an der Form, sondern vor allem an Kershaws Mut zur Meinung. Sein Buch ist fundiert in den Fakten und Argumenten, vor allem aber unnachahmlich klar in seinem Urteil. Nur zwei Beispiele: Der 1943 geborene Autor charakterisiert den ethnischen Nationalismus als eines der „Hauptvermächtnisse“ des Ersten Weltkriegs. Der Zweite Weltkrieg ist für ihn ein „historisch beispielloser Angriff auf die Menschlichkeit. Er war ein Abstieg in den Abgrund, eine Zerstörung aller kulturellen Ideale, die die Aufklärung hervorgebracht hatte, ein Absturz, wie es ihn bis dahin nicht gegeben hatte. Dieser Krieg hatte apokalyptische Dimensionen, war Europas Armageddon.“

In gewisser Weise als Alleinstellungsmerkmal kann auch gelten, dass Höllensturz eine wirklich europäische Geschichte ist. Anders als in anderen Handbüchern besteht Europa hier nicht bloß aus Deutschland, England und Frankreich. Auch die Ereignisse in Skandinavien, auf der iberischen Halbinsel und vor allem im Osten Europas – nicht nur im Hinblick auf das Geschehen auf den Schlachtfeldern der beiden Weltkriege – werden gebührend berücksichtigt. Immer wieder unternimmt Kershaw eine virtuellen Rundflug über Europa zu einem bestimmten Zeitpunkt, mit Blick auf die Situation in den einzelnen Ländern. So gelingt es ihm sehr gut, Singuläres und Allgemeines, Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten herauszuarbeiten.

Nicht zuletzt ist sein Buch ungemein aktuell. Gleich zu Beginn wird das auf beinahe erschreckende Weise deutlich. Da arbeitet der Autor vier Krisenfaktoren heraus, die er als ursächlich für den Ersten Weltkrieg betrachtet, und man kann für jeden davon eine Entsprechung in unseren Tagen finden: explosionsartige Ausbreitung eines ethnisch-rassistischen Nationalismus (Pegida, Polen und Ungarn lassen grüßen); erbitterte und unversöhnliche territoriale Revisionsforderungen (der Ukraine-Konflikt und die jüngsten Autonomiebestrebungen auf dem Balkan sind nichts anderes); ein akuter Klassenkonflikt (Occupy); eine langanhaltende Krise des Kapitalismus (das nach wie vor wacklige Finanzsystem oder das Misstrauen gegen TTIP sind nur zwei Symptome dafür).

Kershaw ist natürlich weit davon entfernt, solche Parallelen für Alarmismus zu missbrauchen. Angesichts der Identitätskrise der EU kann man Höllensturz aber problemlos als einen Appell verstehen, die nötigen Lehren aus der blutigen Vergangenheit des Kontinents zu ziehen und die Errungenschaften der europäischen Einigung nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Dem Urteil, das Martin Hubert im Deutschlandfunk gefällt hat, kann man sich nur anschließen: „Ian Kershaw hat ein Buch geschrieben, das eindringlich zeigt, wie notwendig die Idee eines Europas war und ist, das nationalstaatliche Egoismen überwindet und die soziale Frage angeht.“

Bestes Zitat: „Wenn der erste große Krieg die Urkatastrophe war, dann war der zweite deren Höhepunkt – der völlige Zusammenbruch der europäischen Zivilisation. Was ihn prägte, war der äußerste Zusammenprall aller ideologischen, politischen, ökonomischen, militärischen Kräfte, die sich im ersten Krieg herausgebildet und die Instabilität und die Spannungen auf dem Kontinent während der folgenden 20 Jahre verursacht hatten Er wurde zu dem Ereignis, das den weiteren Verlauf des 20. Jahrhundert bestimmen sollte. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam das Europa an ein Ende, das Erbe des Ersten war.“

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