Durchgelesen: Paul Auster – „Stadt aus Glas“ 1


In "Stadt aus Glas" wimmelt es vor Alter Egos.

In „Stadt aus Glas“ wimmelt es vor Alter Egos.

Autor Paul Auster
Titel Stadt aus Glas
Verlag Süddeutsche Bibliothek
Erscheinungsjahr 1985
Bewertung ****

„Nichts ist wirklich außer dem Zufall“, lautet einer der ersten Sätze in Stadt aus Glas. Die These steht wie ein Programm über dem Roman, der Paul Auster den Durchbruch brachte und den ersten Teil seiner gefeierten New-York-Trilogie bildete. Denn in Stadt aus Glas geht es vordergründig um eine Verwechslung, einen Wahnsinnigen und eine Detetktivgeschichte. In Wirklichkeit aber geht es um die Auflösung des Ich.

Ähnlich virtuos wie in Max Frischs Stiller wird hier mit Identitäten, deren Austauschbarkeit und Manipulierbarkeit gespielt. Dabei gibt es gleich mehr als einen doppelten Boden: Die Hauptfigur ist Daniel Quinn, ein gescheiterter Schriftsteller. Spätestens seit er erst seine literarischen Ambitionen und dann Frau und Kind beerdigen musste, ist er resigniert, nur noch ein kleines Stückchen oberhalb der totalen Selbstaufgabe. „Er wünschte nicht mehr, tot zu sein. Andererseits kann man nicht sagen, dass er froh war zu leben. Aber zumindest war es ihm nicht mehr lästig. Er lebte, und die Hartnäckigkeit dieser Tatsache hatte ihn nach und nach zu faszinieren begonnen – als wäre es ihm gelungen, sich selbst zu überleben, als führte er irgendwie ein posthumes Leben.“

Quinn verdient sich seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Detektivromanen, die er unter dem Pseudononym William Wilson veröffentlicht. Die Hauptfigur der Geschichten heißt Max Work – mit ihm identifiziert sich Quinn immer mehr. Bis sich ein mysteriöser Anrufer bei ihm meldet, der Quinn für den Privatdetektiv Paul Auster hält. Quinn klärt die Verwechslung nicht auf, sondern schlüpft in die Rolle von Paul Auster. Halb aus Neugier, halb aus Langeweile nimmt er einen Auftrag an. Er hat noch immer kein Interesse an sich selbst, aber der Auftrag entreißt ihn zumindest der völligen Apathie.

Der Anrufer entpuppt sich als Opfer eines sadistischen Vaters, das nun um Schutz bittet, weil sein einstiger Peiniger aus der Psychiatrie entlassen werden soll. Auster bekommt den Auftrag, den verrückten, aber scheinbar harmlosen Mann zu beschatten – und verliert dabei erst recht jeden Halt zur Realität.

Auster (der Autor) schafft es in Stadt aus Glas gekonnt, rund um den Pseudo-Auster (die Figur) alle Protagonisten in sich selbst und in der Wahrnehmung des Gegenübers zu spiegeln. Max Work als Idee/Paul Auster als Alter Ego und Daniel Quinn haben eine ähnliche Beziehung wie Dorian Gray und sein Bildnis. „Während er durch den Bahnhof ging, erinnerte er sich selbst daran, wer er angeblich war. Er merkte allmählich, dass es keineswegs unangenehm war, Paul Auster zu sein. Obwohl er noch denselben Körper, denselben Verstand, dieselben Gedanken hatte wie sonst, war ihm zumute, als wäre er irgendwie aus sich selbst herausgenommen worden, als müsste er nicht mehr die Last seines eigenen Bewusstseins tragen.“ Als Paul Auster wird die Hauptfigur des Romans vollends zu einer Marionette, die sie sich selbst gebaut hat und deren Fäden sie selbst in der Hand hat, die aber trotzdem über eines nicht verfügt: ein Ich.

Diese Abwesenheit von Berechenbarkeit, Verlässlichkeit und Logik sorgt nicht nur für eine beträchtliche Spannung, weil an jedem Punkt der Handlung alles zusammenbrechen kann und immer alle Möglichkeiten offen bleiben. Auster (der Autor) findet mit dieser Methode auch einen sehr klugen Weg, das Zusammenspiel von Autor, Figur und Leser zu thematisieren und zu hinterfragen. Das kann mitunter fast überborden vor lauter Subtext wie an der Stelle, an der Quinn zufällig die Leserin eines seiner Detektivromane trifft – und ebenso enttäuscht von ihr ist wie sie von seinem Buch.

Es kann aber auch sehr witzig werden, beispielsweise wenn Quinn (eine Schöpfung des Autors Paul Auster!) im Buch die Figur Paul Auster trifft, die hinter der Verwechslung steckt, und dieser ihm gut zuredet: „Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre, würde ich wahrscheinlich das gleiche getan haben.“

Auch die Tatsache, dass hier ausgerechnet ein (vermeintlicher) Detektiv am Werk ist, zeigt Austers Humor. Schließlich lebt dieser Berufszweig davon, aus der Empirie die richtigen Schlüsse zu ziehen, Zusammenhänge zu erkennen und schließlich Ergebnisse zu liefern. Das Image der Detektivbranche wurde in hohem Maße von der Literatur und ihrer Wirkungsmacht geprägt – beides zweifelt Auster mit Stadt aus Glas in aller Heftigkeit an.

Gesteigert wird das Ganze durch eine zusätzliche Ebene, auf der Auster nicht nur Identitäten, das Wirken von Literatur und ihre Glaubwürdigkeit hinterfragt, sondern die Sprache an sich. Welche Macht und welche Grenzen sie hat, welche Vielfalt und Wandelbarkeit sie bietet – das wird nicht nur in den inneren Monologen ausgelotet, sondern auch in Tagebuchaufzeichnungen Quinns, Rückgriffen auf die Literaturgeschichte von der Bibel bis Don Quijote, wissenschaftlichen Theorien und Fachdiskussionen zwischen den Figuren.

Stadt aus Glas feiert somit ein Paradox: Die Sprache ist vieldeutig, dabei soll sie doch definieren. Wir definieren unser Selbst über Sprache – zugleich lässt sie uns alle Möglichkeiten, als jemand anders zu erscheinen. Letztlich thematisiert der Roman bis ins Äußerste die Aufösung des Autors. Am Ende bleiben nur Worte.

Die beste Stelle ist ein Auszug aus dem Notizbuch der Hauptfigur: „Und dann, das wichtigste von allem: mich erinnern, wer ich bin. Mich erinnern, wer ich sein soll. Ich glaube nicht, dass das ein Spiel ist. Andererseits ist nichts klar. Zum Beispiel: Wer bist du? Und warum, wenn du es zu wissen glaubst, lügst du weiter? Ich weiß keine Antwort. Alles, was ich sagen kann, ist dies: Hören Sie mir zu. Mein Name ist Paul Auster. Das ist nicht mein richtiger Name.“


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