Durchgelesen: Paule Constant – „Ouregano“


"Ouregano" ist ein Sittengemälde der Kolonialzeit.

„Ouregano“ ist ein Sittengemälde der Kolonialzeit.

Autorin Paule Constant
Titel Ouregano
Verlag Frankfurter Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr 1980
Bewertung **1/2

„Ein Buch und eine Autorin, die man unbedingt schnell entdecken muss“, hat das Figaro Magazine in Ouregano von Paule Constant erkannt.  Da muss ich widersprechen. Die Französin, Jahrgang 1944, zeigt sich hier zwar als versierte Schriftstellerin und legt mit Ouregano einen faszinierenden Roman vor. Doch man kann sich gerne Zeit lassen, um in seine Welt einzutauchen.

Denn in der Geschichte der kleinen Tiffany, die in den 1950er Jahren mit ihren Eltern in eine französische Kolonie in Zentralafrika geht und sich dort im Städtchen Ouregano zurechtzufinden versucht, geht es niemals hektisch oder gar spannend zu. Der Roman lebt von der äußerst poetischen Sprache Constants und von ihrer Feinfühligkeit im Umgang mit den Figuren.

Schon nach wenigen Seiten fesselt der Stil von Paule Constant, der auch in der deutschen Übersetzung aus fast jedem Satz eine Schönheit macht, mit viel Stil, großer Geste und einiger Weisheit. Nach wenigen Kapiteln ist auch klar, dass so etwas wie eine Handlung hier keine Rolle spielt. Constant seziert das Leben in Ouregano, die Verachtung gegenüber den Schwarzen und die ebenso streng geachtete Hierarchie innerhalb der kleinen weißen Gemeinde in diesem Städtchen.

Die Ränkespiele der Kolonialherren, ihr Pochen auf die Rangordnung und so etwas wie eine pädagogische Aufgabe mit all ihren absurden Bemühungen, von der Tatsache abzulenken, dass sie eigentlich gar nichts tun, werden dabei der Unbarmherzigkeit des täglichen Existenzkampfes in Afrika gegenüber gestellt. „Man kann weder das Nichts oder den Tod verwalten, noch den Hunger. Das organisiert sich ganz allein in einem Teufelskreis ohne Zutun der Menschen“, fasst sie die Situation zusammen.

Sehr geschickt  und ohne Herablassung legt Constant vor allem das Paradox der Schwarzen in dieser Epoche offen: Sie schämen sich für ihre Hautfarbe, für ihre Unterdrückung, eben weil sie wissen, dass es keine Rechtfertigung dafür gibt – und das vergrößert noch ihre Scham.

Dazu kommt mit der neunjährigen Tiffany eine durchaus reizvolle Figur. Das kleine Mädchen, das die Welt der Erwachsenen noch nie verstanden hat, wird in diesem künstlichen Mikrokosmos erst recht sich selbst überlassen. Sie flieht in eine Welt der Sinnlichkeit, von riechen, tasten, schmecken, und ihre Eindrücke beim Erkunden dieser exotischen neuen Umgebung sind wundervoll geschildert.

Auf die Dauer ist das aber ein bisschen zu wenig, um den Roman zu tragen. Auch die Methode, die einzelnen Figuren des Ensembles nach und nach vorzustellen und dabei beinahe willkürlich jedem Charakter ein paar Seiten einzuräumen, bevor es wieder ein bisschen Handlung gibt, trägt nicht gerade zur Stringenz (und zum Lesevergnügen) von Ouregano bei.

So bleibt ein Sittengemälde, das eine große Bildkraft und Sprachgewalt hat, als Roman aber scheitert.

Beste Stelle: „Der Schrecken braucht keine Gegenwart. Er hat ein absolutes Gedächntnis.“

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