Durchgelesen: Richard Flanagan – „Die unbekannte Terroristin“


Autor Richard Flanagan

Richard Flanagan Die unbekannte Terroristin Kritik Rezension

Der sechste Roman von Richard Flanagan könnte kaum aktueller sein.

Titel Die unbekannte Terroristin
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung

Schon vor zehn Jahren erschien die Originalausgabe von Die unbekannte Terroristin. Das ist vielleicht die erstaunlichste Eigenschaft des neuen Romans von Richard Flanagan (Goulds Buch der Fische, Der schmale Pfad durchs Hinterland). Denn jetzt, wo die deutsche Übersetzung von Eva Bonné vorliegt, könnte sein sechster Roman kaum aktueller sein.

Die Hauptfigur des Buchs heißt Gina Davies, ist 26 Jahre alt und verdient als Stripperin in einem gehobenen Nachtclub in Sydney ihr Geld. Dort tritt sie unter dem Namen „Krystal“ auf, aber eigentlich nennen sie alle außer den Kunden bloß „die Puppe“. Nach einer heißen Nacht mit einem mysteriösen Fremden steht die Puppe plötzlich im Verdacht, Teil eines Terrornetzwerks zu sein. So absurd dieser Vorwurf ist, so schwer ist er zu entkräften. Sie nimmt die Ermittlungen der Polizei zuerst nicht ernst. Als sie dann geschockt von der Wucht der Ereignisse ist, versucht sie unterzutauchen und erlebt vier Tage, die ihr Leben und ihre Weltsicht radikal verändern.

Blickt man auf den jüngsten Amoklauf in München, bei dem sofort der Terrorverdacht für Schlagzeilen sorgte, der sich dann nicht bestätigte, wird deutlich, wie realistisch dieses Szenario ist. Noch näher rückt es an die Gegenwart, blickt man auf die gerade erst erfolgte, mehrtägige Jagd nach Dschaber al-Bakr in Chemnitz und Leipzig: Wie müsste er sich gefühlt haben, wenn er so unschuldig gewesen wäre wie die Puppe in diesem Roman? Mit seinem Fahndungsfoto in allen Zeitungen, seiner Lebensgeschichte im Fernsehen, Hundertschaften der Polizei rund um sein Zuhause?

Wie schnell der Grundsatz der Unschuldsvermutung in diesen Zeiten in Vergessenheit geraten kann und wie sehr die Arroganz und die Eskalationsmechanismen der Medien und vor allem die Eigendynamik des Überwachungsapparats dazu beitragen, zeigt Die unbekannte Terroristin auf bedrückende Weise. Ein aufgeblähter Anti-Terror-Apparat schafft in diesem Roman seine eigenen Bedrohungsszenarien und damit seine eigene Legitimation – und was dabei unter die Räder kommt, ist nicht nur die Unbekümmertheit einer unbedeutenden Stripperin.

Gerade diese Eigenschaft seiner Hauptfigur verleiht dem Roman einen besonderen Reiz. Als sie erkennt, dass Behörden und Medien eine Hexenjagd auf sie inszenieren und dass die Menschen um sie herum dadurch zur Bedrohung geworden sind, wird ihr klar: Sie war bisher selbst einer dieser Menschen, fremdenfeindlich, unpolitisch und leicht zu manipulieren. So sehr sie jetzt merkt, dass sie keinen Rückhalt und kaum Verbündete in dieser Welt hat, so schmerzhaft erfährt sie, wie verfehlt ihr bisheriger Lebensweg war, bei dem es vor allem darum ging, möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen und dabei möglichst wenig Rücksicht auf Schwächere zu nehmen.

Die Puppe ist zu Beginn des Buches egoistisch, arrogant, materialistisch und ignorant, ein willfähriges Opfer der Manipulation und Demagogie rechter Massenmedien. „Ihr Leben war leer, ihr Leben war ein gutes“, stellt sie fest, und eine ihrer Lehren aus diesem Leben lautet: „Realismus bedeutet, die Enttäuschung bereitwillig anzunehmen, um nicht mehr enttäuscht zu sein.“ Ihre Mitmenschen sind für sie manchmal bloß „ein Sack voll Scheiße, der einmal ein Mensch gewesen war, an einem Ort, der einmal eine Gemeinschaft gewesen war, in einem Land, das einmal eine Gesellschaft gewesen war“. Sie hat in gewisser Weise selbst den Boden bereitet für den Alptraum, den sie dann erlebt, als sie im Fernsehen plötzlich als Die unbekannte Terroristin gilt – diese Idee macht einen gehörigen Anteil der Faszination dieses Buchs aus, und des Appells, der in ihm steckt.

Dem Australier Richard Flanagan gelingt eine packende Atmosphäre, in der die sprachgewaltigen Schilderungen der Straßen in den weniger glamourösen Vierteln von Sydney eine ebenso wichtige Rolle spielen wie die interessanten Nebenfiguren des Plots, etwa der TV-Reporter Richard Cody oder der Drogenfahnder Nick Loukakis. Nach und nach wird klar: Es gibt keine einzige sympathische Figur in diesem Buch, aber einige, mit denen man Mitleid haben kann – und das passt sehr gut zur Stimmung dieses Romans.

Allerdings hat Die unbekannte Terroristin auch seine Schwächen. Zunächst ist da die Plausibilität zu nennen: Als die Puppe unter Verdacht gerät, legt sie eine Unentschlossenheit an den Tag, die an Idiotie grenzt, und nur deshalb kann Flanagan seine Handlung sich immer weiter zuspitzen lassen. Ihre Panik passt, bei allen Neurosen und Traumata, die der Autor seiner Hauptfigur angedeihen lässt, nicht zur Abgebrühtheit und zum Pragmatismus, den die Puppe sonst beweist, und das geht auf Kosten der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte.

Auch sonst kann man sich nicht des Eindrucks erwähren, Flanagan habe diesen Plot in erster Linie ersonnen, um ein Forum für seine eigenen Gedanken zu Terrorgefahr, Wirtschaftssystem, Weltpolitik und Medienmacht zu Papier bringen zu können. Ein bisschen zu sehr macht er diese Puppe zu einem Medium seiner eigenen Beobachtungen und Analysen, weshalb sie auch ein bisschen zu wenig eigenen Charakter bekommt. Zu Beginn wirkt Die unbekannte Terroristin noch wie ein Roman über Gina Davies’ Versuch, das Leben zu verstehen. Am Ende ist klar: Es ist ein Buch über Richard Flanagans Aufruf, die Angst nicht zum Herrn über das Leben werden zu lassen.

Mitunter manipuliert er die Puppe dabei genauso, wie sie sonst von ihrer Umwelt manipuliert wird. „Sie fragte sich, ob die Menschen möglicherweise gar nicht ohne Angst leben konnten“, ist einer der Gedanken, den er ihr in den Mund legt. „Was, wenn sie die Angst brauchten, um sich ihrer Identität zu versichern, um bestätigt zu sehen, dass ihre Lebensweise die richtige war? Vielleicht brauchten sie hin und wieder einen Schuss Angst, mehr noch als ihren Kaffee oder Bier oder Koks. Denn was hätte ohne die Angst noch einen Sinn?“

Nicht nur in dieser Hinsicht ist dieser Roman zudem zu explizit. Flanagan lässt dem Leser kaum die Chance auf eine Transferleistung und ist in seiner Medien- und Gesellschaftsschelte manchmal genauso undifferenziert wie die Weltbilder der Menschen, die er kritisieren möchte. Gegen Ende ist das Buch auch nicht frei von Kitsch. Ohne den Begriff zu kennen, möchte die Puppe gerne eine Nihilistin sein, so abgeklärt, kalt und skrupellos wie ihr die Welt erscheint. Aber ihr – und mit ihr dem Leser – wird nach und nach klar, dass das gar nicht so einfach ist. „Wir sind so bedürftig, dachte die Puppe, wir alle sehnen uns nach etwas und wissen nicht genau, was es ist, und keiner möchte sich eingestehen, dass er jeden Tag aufs Neue Höllenqualen erleidet aufgrund seiner Bedürftigkeit, seines Sehnens, das unerhört bleibt“, erkennt sie. Der Autor kann sich auch nicht verkneifen, noch ein paar Gedanken zum Wert von Liebe und Solidarität folgen zu lassen, als die eigentliche Handlung schon abgeschlossen ist.

Sein Wille zur Agitation wird letztlich zur Stärke und Schwäche dieses Buchs. Eine aufrüttelnde Lektüre ist Die unbekannte Terroristin dennoch, denn sie zeigt: Weil wir uns ein Leben in Angst einreden lassen, stellen wir Systeme und Ideen über Menschen – das gilt sowohl für Terrororganisationen als auch für die Fahndungsbehörden, die ihnen das Handwerk legen wollen.

Bestes Zitat: „Vielleicht war nicht die Welt das Problem, dachte sie plötzlich, sondern ihr Widerstand gegen die Welt. Vielleicht war das ihr Verbrechen.“

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