Siegfried Kracauer – „Ginster“


Autor Siegfried Kracauer

Zum Weltkriegsjubiläum wird "Ginster" neu aufgelegt.

Zum Weltkriegsjubiläum wird „Ginster“ neu aufgelegt.

Titel Ginster
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 1928
Bewertung

Es ist in diesen Tagen viel von Büchern die Rede, die man gelesen haben muss, um den Ersten Weltkrieg zu verstehen. Meistens sind dann Sachbücher gemeint, doch auch der erste Roman von Siegfried Kracauer gehört in diese Reihe. Ginster, erschienen 1928 und jetzt in einer Jubiläumsausgabe neu veröffentlicht, macht viel von dem verstehbar, wie das wilhelminische Deutschland auf die Katastrophe reagierte.

Kracauer, damals schon als Kulturjournalist eine etablierte Kraft, erzählt in seinem Roman mit vielen autobiografischen Bezügen die Geschichte des Architekten Ginster. Zu Beginn ist er 25 Jahre alt und wird aus München, wo er studiert hat, von seiner Mutter zurück in die Heimatstadt Frankfurt gerufen – schließlich ist gerade ein Krieg ausgebrochen und es gilt in solch turbulenten Zeiten familiären Zusammenhalt zu beweisen. Mehr aus Herdentrieb denn aus Überzeugung will sich Ginster freiwillig zum Militärdienst melden, doch er wird ausgemustert. Sein Beitrag zum Krieg wird sich fortan darauf beschränken, dass er in einem kleinen Architekturbüro eine Granatenfabrik und einen Ehrenfriedhof entwirft. Als der Bedarf an Kanonenfutter immer größer wird, muss er aber doch beständig fürchten, noch eingezogen zu werden.

Man kann sich kaum vorstellen, wie sich dieser junge Mann wohl auf dem Schlachtfeld gemacht hätte. Mit Charlie Chaplin und Buster Keaton ist diese Titelfigur oft verglichen worden. Denn Ginster ist ein Träumer, aus der Zeit gefallen und ohne Anknüpfungspunkte zur realen Welt. „Seine Leidenschaft waren lange Spaziergänge, topographische Ausschweifungen, die mit gewöhnlichen Gängen nichts gemein hatten“, wird er zu Beginn des Buchs vom Erzähler vorgestellt. „Alle wissen zu leben, ich sehe, dass sie über mich hinweg leben und finde den Zugang nicht“, gesteht Ginster später, schließlich folgt eine Selbstbeschreibung, die das noch unterstreicht: „Ich habe schon oft darüber gegrübelt, worin sich die anderen von mir unterscheiden. Die Menschen sind an ihrem Leben interessiert, sie haben Ziele für sich, wollen besitzen und etwas erreichen. Jeder Mensch, den ich kenne, ist eine Festung. Ich selbst will nichts. Sie werden mich nicht verstehen, aber am liebsten zerrieselte ich.“

Es ist dieser Charakter, der den Reiz des Romans ausmacht. Ginster ist phlegmatisch, zerstreut, linkisch und doch auf seltsame Weise über den Dingen schwebend. Sein Kleinmut und sein Insichgekehrtsein kontrastieren mit dem überall propagierten Heroismus und dem ständig eingeforderten Zwang, sich mit einer großen Sache zu identifizieren, und er weiß, dass er nicht der einzige ist, der diesen Widerspruch empfindet. Die Welt erscheint ihm wie eine Skurrilität, und der Weltkrieg erst recht.

Seine Abneigung gegen den Krieg ist allerdings kein reflektierter Pazifismus. Eher speist sie sich aus Feigheit, aus dem grundsätzlichen Gefühl des Unbeteiligtseins und zu einem guten Stück auch aus einem ästhetischen Befremden angesichts der Barbarei in den Schützengräben und dem Zwang zum Einverstandensein damit in der Heimat. Denn die Form ist das Wichtigste im Leben von Ginster – und sie ist, neben der faszinierenden Titelfigur, die zweite große Stärke dieses Romans.

Ginster scheint nur aus Sinnen zu bestehen, die ganze Welt ist für ihn Oberfläche. Alles wird für ihn zur Skulptur, zu Ornament und Dekoration: Landschaft, Gebäude, Personen. Selbst bei den bedeutendsten Informationen wandert seine Aufmerksamkeit sogleich wieder zu Nichtigkeiten, weg vom Inhalt und hin zur Form, wie in der Szene, als gegen Ende des Kriegs doch noch sein Einberufungsbefehl kommt: „Das Zettelchen. Plötzlich vorhanden, ein Stückchen Papier. Die Suppe war völlig vergessen, als habe man sich nicht während des Ausflugs auf sie gefreut.“

Mit diesem Blick wandert er durch eine Umgebung, in der alles verschwimmt – erst in Frankfurt, dann bei der Truppe. Ein typisches Beispiel: „Zu seinem Bedauern wurde die hohe Böschungsmauer, die sie bisher [beim Marschieren in der Grundausbildung] immer begleitet hatte, durch den Anstieg der Landstraße genötigt, in die Erde zu schlüpfen. Nun marschierten sie frei in der Luft. Beine und Karabinerläufe schlugen so unwiderstehlich auf die Landschaft los, dass sie zersprang. Ein Stück Fluss splitterte ab und fiel in den Himmel hinein, Felder wurden durchschnitten, aus den Pfützen flog Wasser hoch. Vor ihnen tauchte ein Regiment Hopfenstangen auf, das den Weitermarsch verhindern wollte. Die Hopfenstangen vergrößerten sich schnell, lange, hagere Dinger, um die sich gefährliche Spiralen wanden, aber die Beine fuhren mitten unter sie und warfen sie in den Fluss. Die Beine waren allein auf der Welt. Sie rissen den Fußboden in Fetzen und bewegten sich ohne Unterlage fort. Oft marschierten sie über den Wolkenhimmel, dessen blaue Löcher sie durchwateten.“

Solche Passagen sind eine wunderbare Entsprechung für die Ohnmacht, mit der der Weltkrieg erlebt wird, ohne dass Ginster dies je aussprechen würde. Man erkennt: Er will nur die Oberfläche sehen, als ob er ahnt, dass er jenseits davon nur Schreckliches finden könne. Seine Abneigung gegen den Krieg ist keine intellektuelle, er durchdringt das Problem nicht, er fühlt es eher. „Man musste, darauf kam er immer wieder zurück, die Gründe erforschen, die zu dem Krieg geführt hatten, mitten durch die Lügen hindurch und die dummen Gefühle. Ginster hasste die Gefühle, den Patriotismus, das Glorreiche, die Fahnen; sie versperrten die Aussicht, und die Menschen fielen für nichts“, lautet schließlich sein Fazit.

Der Erste Weltkrieg war ein beinahe industrialisiertes Töten und brachte ein Ausmaß an Grausamkeiten und Blutzoll hervor, das für die Zeitgenossen zunächst unvorstellbar war. Kracauer schafft es, in Ginster all das Surreale und Groteske einzufangen, das mit der Wahrnehmung dieses Krieges einher ging. Ginster begegnet dem Unfassbaren fassungslos. Aber bei ihm bezieht sich das nicht nur auf den Krieg, sondern auf die gesamte Wirklichkeit.

Bestes Zitat: „Ginster wusste nicht, was ihm vorzuwerfen gewesen wäre. Vielleicht ein Mangel an Gründlichkeit – Kriege waren selten wie Handschriftenfunde, deren Studium man nicht versäumen durfte, wenn sie sich einmal boten. Er erinnerte sich an den Abend, an dem Otto unter die Menschen gedrängt hatte, nach dem Leben – die Leute schwärmten vom Leben, jetzt fanden sie es im Krieg. Sie liefen ihm wie einem Droschkengaul zu, der ausgeglitten war. Das Tier lag am Boden, und sie starrten darauf. Während sie starrten, beschäftigten sie sich damit zu leben, von ihrem Körper getrennt mit verlorenen Augen, man hätte sie stoßen können, ohne dass sie es merkten. Stundenlang sprachen sie von dem Gaul, wie er lag.“

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