Futter für die Ohren mit Kraftklub, Lykke Li, Shearwater, Spielbergs und Sarajane


Kraftklub Nur ein Song Review Kritik

„Ein Song reicht“ ist nicht das Motto von Kraftklub für 2022. Foto: Check Your Head / Philipp Gladsome

Als Leipziger ist man da natürlich besonders stolz. Nach ein paar Andeutungen auf Social Media („Kommt das Album dieses Jahr?“) haben Kraftklub das erste Live-Lebenszeichen nach zweieinhalb Jahren mit einem spontanen Konzert in der Karl-Heine-Straße gegeben. Ein paar Szenen dieses Auftritts sind nun auch am Ende des Clips zu sehen, der die Comeback-Single Ein Song reicht (****1/2) begleitet. Mit der Pop-Up-Show vor dem Noch Besser Leben haben sie sicher ein paar neue Fans gewonnen (schließlich erlebt man so einen Gratis-Gig nicht oft von einer Band, die drei Nummer-1-Alben in Folge vorzuweisen hat, zumal mitten in einer Pandemie) und viele Menschen begeistert, für die Kraftklub ohnehin schon zum Soundtrack ihres Lebens gehört. Genau davon handelt das neue Stück: Lieder, die wir fest mit einer bestimmten Lebensphase, einem spektakulären Erlebnis oder vor allem einer besonderen Person verbinden. Wenn man diese Person, zum Beispiel aus Liebeskummer, dann lieber aus dem Gedächtnis tilgen will, ist es natürlich fies, wenn man unvermittelt mit so einem Song konfrontiert wird, zu dem man damals getanzt und geknutscht hat, der immer im ersten Pärchen-Urlaub lief oder auf dem gemeinsamen Weg zum Festival. Selbst Acts, die man eigentlich ins Herz geschlossen hat (in diesem Fall etwa The Streets, Tame Impala oder Kate Nash) können dann wie der blanke Horror klingen. Auch zehn Jahre nach dem Debütalbum der Chemnitzer klingt das Rezept aus Sprechgesang, giftiger Gitarre, ein bisschen Elektronik, einem Killer-Refrain und Zeilen, die mitten aus dem Leben ganz normaler Kids kommen, sagenhaft motiviert, echt und aktuell. Ein Song reicht ist die erste Kostprobe für das neue Album mit dem Titel Kargo, das am 23. September 2022 folgen wird. Spätestens am 2. Dezember werden Kraftklub dann im Rahmen der dazugehörigen Tour wieder in Leipzig zu sehen sein, diesmals allerdings gut 2 Kilometer Luftlinie entfernt vom Ort des Spontan-Gigs, nämlich in der Quarterback Immobilien Arena.

Auch Lykke Li gehört zu den Künstlerinnen, die Kraftklub in Ein Song reicht erwähnen, und natürlich hat auch ihre neue Single No Hotel (****) das Potenzial, so ein Lied zu werden, in das man ganz viele Assoziationen stecken kann, auf dass es einem vielleicht künftig irgendwann das Herz bricht. Der Text ( „Heart beat half dead / I carry blue / with every step / I’m not over you / ´cause in the back of my mind / I’m in the back of your car / so now baby rewind / take me back“) passt jedenfalls bestens dazu, die Atmosphäre ebenfalls: Eine sparsame, im Hintergrund versteckte Gitarre ist das einzige Instrument, umso intensiver wirkt der klar ins Zentrum gestellte Gesang. Das Lied stammt vom für 20. Mai angekündigten Album EYEYE (ausgesprochen EYE). Die schwedische Sängerin arbeitet dabei erstmals seit I Never Learn (2014) wieder mit Björn Yttling zusammenkam, für die Aufnahmen zu ihrem fünften Album hat sie dennoch viel verändert und strenge Vorgaben definiert: keine Clicktracks, keine Kopfhörer, keine digitalen Instrumente. „Die Platte sollte die Intimität einer Sprachnachricht haben, die man mit einer Überdosis LSD abhört“, erzählt sie über die acht Songs, die in ihrem Schlafzimmer in Los Angeles aufgenommen wurden und von einem Filmprojekt begleitet werden.

Bleiben wir in Skandinavien: Spielbergs aus Oslo stehen neuerdings beim UK-Label Big Scary Monsters unter Vertrag, erste Veröffentlichung der neuen Zusammenarbeit ist die Single Brother Of Mine (***1/2). „Die Hauptmelodie und die Idee begleiten uns schon seit mehreren Jahren. Wir haben viele verschiedene Refrains, Bridges, Arrangements und so weiter ausprobiert, aber es war schwierig, es zu Ende zu bringen“, sagt Sänger und Gitarrist Mads Baklien. „Jetzt haben wir das Gefühl, dass wir es endlich geschafft haben und der Song funktioniert. Er hat diese Art von dunkler, trauriger Unheimlichkeit, die wir wirklich mögen, während es gleichzeitig immer noch ein klassischer Spielbergs Pop-Punk/Emo/Rock-Song ist.“ Das stimmt: Das Trio vereint hier den mit mächtigem Bass und feurigem Schlagzeug erzeugten Vorwärtsdrang mit melodiöser Klasse und dem Wunsch nach Zusammenhalt. Konkrete Aussichten auf ein weiteres Album von Spielbergs gibt es derzeit nicht, aber es sind mehrere neue Songs für 2022 angekündigt.

Tierisch geht es weiterhin bei Jonathan Meiburg zu, dem Mastermind von Shearwater. Er hat sich zuletzt als Sachbuchautor mit Krähen beschäftigt und dafür viel Lob erhalten, der erste Vorbote auf das neue Album heißt nun Xenarthran (****) und wird begleitet von einem Video von Emily Cross. Sowohl im Songtitel als auch im Sound spielen Vierbeiner dabei eine wichtige Rolle. „Xenarthrans sind diese seltsam gelenkigen Säugetiere, die hauptsächlich in Südamerika leben: Gürteltiere, Ameisenbären und Faultiere“, erklärt er. Bei den Aufnahmen für das neue Album The Great Awakening in Texas „sah ich sie oft in der Dämmerung durch die Felder huschen oder nach einem Regenschauer im Schlamm schnüffeln, und ich konnte nicht umhin, sie zu bewundern. Sie waren Tausende von Kilometern auf ihren wuscheligen kleinen Füßen gelaufen, mit langen Nasen am Boden, und trudelten in fremde Landschaften voller unbekannter Gefahren.“ Entsprechend geht es auch im Song um Wagemut und Neugier, auch um das Zulassen von Angst und Verunsicherung auf ungewohntem Terrain, die Musik klingt entsprechend behutsam, tastend und geheimnisvoll, wobei ihr eine unüberhörbare Kraft innewohnt. „Die brüllenden Geräusche gegen Ende sind Brüllaffen, die ich in Guyana aufgenommen habe“, verrät Meiburg. Das Album erscheint als Nachfolger von Jet Plane And Oxbow (2016) am 10. Juni 2022. Es soll weniger rockig sein als der Vorgänger, aber keineswegs deprimiert: „I felt hopeless, and I didn’t want to make hopeless music“, lautete Meiburgs Motto für The Great Awakening.

„If you liked it then you shoulda put a ring on it“, sang Beyoncé im Jahr 2008 in Single Ladies, doch Sarajane sieht das ganz anders. Don’t Care About No Ring (***) heißt die neue Single der in Hamburg lebenden Britin. Sie weiß offensichtlich: Liebe braucht vielleicht Symbole, aber kein Edelmetall, keine Diamanten und auch kein Brautkleid. Vertont hat sie das mit Unterstützung von Produzent Konrad Wissmann (Wincent Weiß, Lina, Nico Santos), der Song gewinnt seine Spannung dabei aus der Reduktion, sowohl im Beat als auch in der Gesangsmelodie. Und seine zentrale Textzeile beruht auf einer wahren Begebenheit: „Mein Mann hatte tatsächlich seinen Ehering verloren, aber ich meinte zu ihm ‚I don’t care about no ring, I got you under my skin‘ weil wir das gleiche Tattoo an der gleichen Stelle haben“, erzählt Sarajane. Vielleicht ein gutes Omen für ihr drittes Album Milk & Money, das im Sommer herauskommen soll: Der Ring ist dann wieder aufgetaucht.

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