Futter für die Ohren mit Lana Del Rey, Placebo, Metronomy, Richard Ashcroft und Television Age


Lana del Rey Arcadia Review

Lana Del Reys „Arcadia“ liegt in Kalifornien. Foto: Universal Music

Schon vor 2300 Jahren galt Arkadien als ein Idyll aus der Vergangenheit. Die mythische Landschaft in Griechenland versammelte friedliche Menschen in schönster Natur, wo sie sich ohne Arbeit und Konflikte des Lebens erfreuen konnten. Die Sehnsucht nach diesem Ort und diesem goldenen Zeitalter scheint in den USA besonders ausgeprägt zu sein: Gleich 40 Kommunen sind dort nach Arcadia benannt, in manchen Bundesstaaten gibt es gleich mehrere davon. Es ist also sehr hilfreich, dass Lana Del Rey gleich in der ersten Zeile ihrer neuen Single (****) eine klare Verortung vornimmt. „My body is a map of L.A.“, heißt es da. Unverkennbar besingt sie in Arcadia also das kalifornische Städtchen im Los Angeles County. Ihre Brüste werden darin zur Sierra Madre, die Hände eines nicht mehr anwesenden Liebsten sind Autos, die über die Interstate 405 fahren, und man ahnt in einer so lasziven Stimmung zumindest, was mit dem Check-In im Hilton Hotel gemeint sein könnte. Das ist einerseits bekannt: Lana Del Rey zelebriert auch hier Wehmut und Weltschmerz, begleitet fast nur vom Klavier und später ein paar weit entfernten Streichern. Sie blickt in dem gemeinsam mit Drew Erickson geschriebenen Song auf zurückliegende Zeitalter und vergangene Liebesbeziehungen, fast wie in einem frühen Demo. Selbst der Look das Videoclips erinnert an die Homevideo-Ästhetik von Video Games, sie räkelt sich auf der Couch eines nicht allzu glamourösen Hotelzimmers, raucht und liest auf dem Bett, flucht im Auto. Andererseits gibt es eine Szene, die sehr treffend die Doppelbödigkeit von Arcadia unterstreicht – und auch den neuen Mut, den Lana Del Rey hier beweist. Sie schaut in dieser Szene in einen Spiegel, und ihr Blick bestätigt, dass sie sich schön findet, aber sich selbst auch nicht recht über den Weg traut, nicht nur in der Wahrnehmung ihres Körpers. Es scheint ein „Fühlt euch nicht zu sicher in der Meinung, die ihr über mich habt“ aus diesem Blick zu sprechen, und zu diesem Willen zur Überraschung passen die neuste Veröffentlichungspolitik (obwohl erst zu Beginn des Jahres Chemtrails Over The Country Club veröffentlicht wurde, folgt nun bereits am 22. Oktober 2022 ihr achtes Album, das Blue Banisters heißen wird) wie der zweifache Mittelfinger im Clip und die Tatsache, dass sie fast augenzwinkernd selbstbewusst über die Lippen singt, die vor zehn Jahren wegen einer vermeintlichen Schönheitsoperation für so viel Gesprächsstoff gesorgt haben. Nicht zuletzt wird diese enorm freigeistige Attitüde vom Schluss des Lieds bestätigt. Arcadia endet mit einer eine mega-überraschenden Texmex- meets Trap-Reprise. Das dürfte auf Album-Länge enorm spannend werden.

Den Blick zurück richtet auch Richard Ashcroft auf seinem neuen Album (kommt am 29. Oktober heraus), wenn auch nicht gleich bis ins hellenistische Zeitalter. Vielmehr hat er für Acoustic Hymns Vol. 1 einige seiner besten Songs – sowohl aus Zeiten von The Verve als auch aus seiner Solokarriere – neu arrangiert und aufgenommen. Die Idee wurde bestärkt vom Wunsch, nach der langen Zeit des Lockdowns endlich wieder mit ein paar seiner Lieblingsmusiker und langjährigen Wegbegleitern aktiv zu sein, als das wieder erlaubt war. Dazu zählen Chris Potter (Produzent), Wil Malone (Streicherarrangements), Chuck Leavell (Klavier), Roddy Bloomfield (Bläser), Steve Wyreman (Gitarre und Gesang) und auch sein alter Kumpel Liam Gallagher, mit dem er C’Mon People (We’re Making It Now) aus dem Jahr 2000 als Duett neuinterpretiert hat. Natürlich ist auch Bittersweet Symphony (***) dabei, das übrigens mittlerweile als Eigenkomposition von Richard Ashcroft gilt: Mick Jagger und Keith Richards, die wegen eines Rolling-Stones-Samples 25 Jahre lang aus Autoren genannt wurden, haben ihm ihre Rechte daran abgetreten. Die neue Version zeigt erstens, dass das „Unplugged“-Label großzügig interpretiert wird, denn sowohl Bass als auch Gitarren sind hier elektrisch verstärkt. Zweitens sind die Dringlichkeit und Arroganz des Originals einer reflektierten Gelassenheit gewichen, die gut zu einem Sänger passt, der gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert hat – und dessen Stimme noch immer über jeden Zweifel erhaben ist.

Das klingt ja mal wie ein Versprechen. „Indie-Rock, der so klingt als hätte Josh Homme niemals die Arctic Monkey produziert“, kündigt das Presse-Info zur ersten EP von Television Age aus Leipzig an. Hot Wax heißt der dazugehörige Tonträger, der sechs Songs enthält. Auch die dazu genannten Referenzen wie Franz Ferdinand, Hot Hot Heat, The Libertines, The Virgins und The Strokes sowie die frühen Red Hot Chili Peppers machen natürlich neugierig, ebenso wie die Begeisterung, die Franz (Gitarre, Gesang), Richie (Gitarre), Tom (Bass) und Martin (Schlagzeug) für den Sound ihrer Vorbilder an den Tag legen. „Als Kid hatte ich eine unglaubliche Passion, die heute naturgemäß nicht mehr existieren kann. Wenn du eine Platte hören wolltest, bist du 40 Minuten mit dem Fahrrad in den Media Markt in der Vorstadt gefahren, nur um dann festzustellen, dass das neue Babyshambles-Album gerade nicht auf Lager ist“, erzählt Franz über seine Indie-Sozialisation. Passenderweise wollten sich Television Age eigentlich einen „The“-Bandnamen geben, wie das vor 20 Jahren zeitgemäß war. Doch Ideen wie The Magnets und The Bad Ideals wurden verworfen, stattdessen hat man nun eine Kombination aus Television (die gleichnamige Band aus New York zählt ja ihrerseits bekanntlich zu den größten Einflüssen der Strokes) und Age (ein Begriff, der 2001 wiederum 50 Prozent des Titels der ersten EP der Strokes ausmachte) gewählt. Wie passend dieser Bandname ist, beweist die Single Ego (****), die den perfekten Mix aus Garage und Tanzfläche hinbekommt. Blöderweise kann man im Video nicht erkennen, wie skinny die Jeans sind, vielleicht wird dieses Manko aber bald behoben: Der Nachfolger zu Hot Wax ist bereits in Arbeit.

Auch schon seit gut 20 Jahren prägen Metronomy die Indiewelt, wenn auch auf einem eher elektronisch geprägten Kontinent. Gründer und Mastermind Joe Mount hat zuletzt auch als Produzent und Songwriter für Künstler wie Robyn und Jessie Ware gearbeitet, vielleicht rührt auch daher der Gedanke, den er mit der gerade veröffentlichten Posse EP Volume 1 umsetzt: Er bezieht in den fünf Tracks sehr intensiv den Input anderer Sänger*innen und Künstler*innen ein und versteht sich selbst eher als jemand, der einen Ausgangspunkt liefert oder die Feinjustierung übernimmt. Mit dabei sind Sorry, Brian Nasty, Folly Group, Pinty und Spill Tab, die Zusammenarbeit erfolgte dabei während der Pandemie oft ausschließlich über digitale Kanäle, teilweise mit Kollaborateur*innen, denen Mount zuvor nie persönlich begegnet war. „Ich dachte, es wäre seltsam zu sagen, dass ich einige dieser Leute noch nicht kannte. Aber eigentlich ist es eine tolle Art, Leuten zu begegnen und sie kennenzulernen“, erklärt er, und schätzte dabei besonders die Erfahrung, „einen Song von jemandem zurückzubekommen, den man noch nie zuvor getroffen hat, aber der mit dem, was man gemacht hat, geklickt hat und etwas Erstaunliches daraus gemacht hat“. Für das verträumt-verführerische 405 (****) hat er sich mit der in Los Angeles lebenden Sängerin und Rapperin Biig Piig zusammengetan, der aus Irland stammt und über den Track sagt: „Joe hat mir das Klavierinstrumental geschickt und es war so schön und brachte so viele Erinnerungen zurück. Ich denke, wenn man ein Musikstück hört, das so etwas tut, weiß man, dass es etwas Besonderes ist. Meine Melodien und mein Text dazu kamen sehr leicht heraus und es fühlte sich einfach sehr nostalgisch an. Der Song handelt von einem Moment, in dem mir die Liebe bewusst wird, die ich verzweifelt an allen möglichen Orten gesucht habe, die ich die ganze Zeit vor Augen hatte.“ Im März 2022 sind sechs Shows von Metronomy in Deutschland geplant.

Mit Beautiful James (***1/2) ist gestern eine neue Single von Placebo erschienen. Was der Titel schon erahnen lässt, bestätigt der Song: Es ist ein homoerotisches Liebeslied, das keinerlei Lust hat, sich dafür rechtfertigen zu müssen. „Wenn der Song dazu dient, die Spießer und Verklemmten zu irritieren, dann soll es mir recht sein“, sagt Frontmann Brian Molko zu dem Stück, das mit Wucht und Lust auf Hymnisches das Außenseiterdasein feiert. Ausgangspunkt für den Song war übrigens nicht etwa eine Akkordfolge oder eine Textzeile, sondern schlicht der Entschluss, ein Lied namens Beautiful James zu schreiben. „Es bleibt für mich unerlässlich, dass jeder Hörer seine eigene persönliche Geschichte darin entdeckt – ich will euch wirklich nicht vorschreiben, was ihr fühlen sollt“, sagt Molko. Schön zu sehen, dass Placebo nach über 13 Millionen verkauften Alben noch immer Lust auf Vieldeutigkeit, Romantik und ein bisschen Provokation haben.

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