Futter für die Ohren mit Suzanne Vega, Owen, Juse Ju, Two Door Cinema Club und Alin Coen


Suzanne Vega New York Is My Destination Review Kritik

Die Geschichten ihrer Heimatstadt packt Suzanne Vega auf ihr neues Album. Foto: Beats International/George Holz

Tom’s Diner ist (im Remix von DNA aus dem Jahr 1990) nicht nur der größte Hit von Suzanne Vega. Es ist auch der Name eines Restaurants in New York City, Ecke Broadway und West 112th Street. Der Text des Lieds handelt davon, was der Künstlerin dort während eines Frühstücks im Jahr 1981 mit Zeitungslektüre so alles durch den Kopf geht. Sechs Jahre später erschien es auf ihrem zweiten Soloalbum, noch einmal drei Jahre später wurde der ursprünglich acappella aufgenommene Song dann, von DNA mit Beats angereichert und umgeschnitten, zum Top10-Erfolg in den USA und im UK, hierzulande sogar ein Nummer-1-Hit. Eine genaue Beobachterin des Lebens in der größten Stadt der USA war sie also schon immer. Für ihr neues Album macht die zweifache Grammy-Gewinnerin diese Fähigkeit zum Konzept: An Evening Of New York Songs And Stories heißt die Platte, die ursprünglich schon im Mai herauskommen sollte und nun für den 11. September (also mit zusätzlicher New-York-Symbolik) angekündigt ist. Das Album versammelt Neuinterpretationen einiger ihrer populärsten Songs (auch Tom’s Diner ist dabei), ein paar weniger bekannte Stücke und auch eine Coverversion von Lou Reeds Walk On The Wild Side. Aufgenommen wurde das Werk im Frühjahr 2019 live im Café Carlyle (knapp drei Meilen vom Standort des nicht mehr existenten Tom’s Diner entfernt). „Es ist immer eine Freude, im Café Carlyle zu spielen. Es ist ein kleiner exklusiver Club, der Legenden von Eartha Kitt bis Judy Collins beherbergt hat, und es ist auch bekannt, dass Jackie Kennedy dort Audrey Hepburn kennengelernt hat. Ich liebe es für seinen Bohème-Glamour der alten Welt“, sagt Suzanne Vega über den Laden, in dem auch Woody Allen mit seiner Jazzband Stammgast ist. „Ich dachte, dass es Spaß machen würde, dort eine Show zum Thema New York zu spielen. Ich habe Songs aufgenommen, die von New York City inspiriert waren oder für die New York die Kulisse darstellte“, erklärt sie das Konzept. Produziert wurde die Platte von ihrem langjährigen Tour-Gitarristen Gerry Leonard, der vor vier Jahren auch schon Lover, Beloved: Songs From An Evening With Carson McCullers verantwortet hatte. Von diesem Album stammt die Vorlage zur neuen Single New York Is My Destination (***1/2). Klavier, Gitarre und diese noch immer sagenhaft durchdringenden Stimme prägen den Sound, dem man den ebenso gemütlichen wie legendären Entstehungsort förmlich anhört. „New York is made for grander things / just like me“, heißt es im Refrain, und man will da nicht widersprechen. Bei so viel Liebe zur Heimat gibt Suzanne Vega auch gerne etwas zurück: Heute tritt sie gemeinsam mit Norah Jones zu Ehren von New York Citys medizinischem Personal und in Anerkennung von dessen unermüdlichem Einsatz während der Corona-Pandemie in einem Livestream auf.

Neben dem Hauptberuf als Frontmann von American Football ist Mike Kinsella schon seit vielen Jahren in diversen anderen Rollen musikalisch aktiv. Eine seiner liebsten Spielwiesen ist das Soloprojekt Owen. Unter diesem Namen hat er gerade das Album The Avalanche veröffentlicht, produziert von Sean Carey (Bon Iver, Peter Gabriel). Der Titel der Platte bezieht sich wohl auf die kaum zu stoppende Gewalt einer Beziehung, die krachend den Bach runter geht. „I bleed the most / turn my blood into poetry“, singt er in A New Muse (***). Passend zu diesem Gefühl, ganz allein der Gefahr ausgesetzt zu sein, sitzt er im Video auf dem Skydeck des Willis „Sears“ Towers in Chicago, in 412 Metern Höhe, verlassen und isoliert. Das Video ist in einem einzigen Take aufgenommen und zeugt von einer guten Portion an Gottvertrauen, das sich ebenfalls im Text findet. Nur der zappelnde linke Fuß scheint ein bisschen Höhenangst zu verraten. Wenn Mike Kinsella da wieder heil runter gekommen ist, soll im April 2021 eine Europa-Tour folgen.

Da gibt es wenig Interpretationsspielraum: Ich hasse Autos (****) heißt die vierte Single-Auskopplung aus dem neuen Album von Juse Ju. Genau wie das dazugehörige Video lebt es von genau der richtigen Attitüde (99 Prozent Entschlossenheit, 1 Prozent Ironie), ein Sample aus The Big Lebowski ist natürlich auch stets eine gute Idee. Millennium heißt die dazugehörige Platte, die seit Freitag draußen ist. Der Titel verweist auf die Nuller Jahre, die für Juse Ju (Jahrgang 1982) eine sehr prägende Zeit waren, auf die er in vielen der Tracks zurückblickt: Es geht um die erste Liebe (und den ersten Liebeskummer), die erste Beziehung (und den ersten Beziehungsterror), Erfahrungen aus dem größten Ballungsraum der Welt (er hat lange Zeit in Tokio gelebt) und der schwäbischen Provinz, natürlich auch um Freundschaft und Rap als Methode, mit der Welt und dem Erwachsenwerden klarzukommen. Passend dazu ist in Ich hasse Autos neben Panik Panzer (Antilopen Gang) auch sein ehemaliger Bühnenpartner und langjähriger Freund Bonzi Stolle dabei, der ebenfalls aus Kirchheim unter Teck stammt. Mit ihm hat er auch das Bonusalbum Popbizenemy gemacht, das es gratis dazu gibt, wenn man Millennium auf Vinyl oder CD erwirbt.

Das ist ebenfalls selbsterklärend: Lost Songs (Found) heißt die neue, ausschließlich digitale Veröffentlichung von Two Door Cinema Club. Sie versammeln auf dieser EP sieben Tracks aus der Anfangszeit der Band, dazu gehören frühe Versionen von später regulär veröffentlichten (und häufig auch noch gerne live gespielten) Songs, B-Seiten und Raritäten. Ein besonderes Schmankerl für Fans der drei Nordiren ist der bisher unveröffentlichte Demosong Tiptoes (***1/2), der aus der Zeit des Debütalbums Tourist History stammt. „Damals im Jahr 2009 konnten wir uns nur zwei Wochen im Studio leisten, um die Platte aufzunehmen und zu mixen. Uns hat die Zeit gefehlt, um die halbfertige Version von Tiptoes noch zu vollenden. Deshalb existiert es nur in dieser Demoversion“, sagen sie. Die verspielte Gitarre kann man als Markenzeichen schon hier erkennen, ebenso wie den Willen, tanzbar, positiv und dabei nicht eindimensional zu sein. Mit etwas mehr Präzision und Politur hätte das wirklich ein (weiterer) Höhepunkt im Oeuvre des Two Door Cinema Club sein können.

Du machst nichts (***1/2) könnte man als Beitrag zum Corona-Lockdown betrachten, doch die neue Single von Alin Coen ist stattdessen die Geschichte einer misslungenen Beziehung. Genauer gesagt: der viel zu späten Erkenntnis, dass die Beziehung wohl von Anfang an keine gute Idee war. „Du machst nichts / doch das macht etwas mit mir / … / Ich hab lang gebraucht, um es mitzukriegen / es hat keinen Sinn, dich zurechtzubiegen“, singt Alin Coen darin. Wie solche Zeilen zustande kommen? „Für mich sind das ganz flüchtige Momente, in denen ich überhaupt an Textzeilen herankomme. Wie ein Erträumen von Worten, nur dass ich dabei nicht schlafe, sondern einer Stimmung so viel Raum gebe, bis ich dazu etwas erzählen kann‟, sagt die Hamburgerin, die mittlerweile in Berlin lebt. In einem anderen Zitat bezeichnet sie sich als eine der „langsamsten Liederschreiberinnen überhaupt“, und das ist ein Teil der Erklärung, warum es mit NAH (kommt am 28.08.2020) erst nach sieben Jahren wieder ein neues Album von ihr geben wird. Der andere Teil sind die Zweifel, die sie trotz einer wunderbaren Ausgangsposition bezüglich einer Karriere als Popstar hatte. „Ich habe mich zunehmend gefragt, ob diese Existenz als Musikerin überhaupt zu mir passt. Ob das jetzt einfach immer weiter wächst. Oder ob da nicht noch ein anderer, sinnvollerer Weg auf mich wartet‟, sagt sie Alin. Deshalb hat sie studiert und für Greenpeace gearbeitet, außerdem einen Sohn zur Welt gebracht und daraus auch viel für ihr drittes Studioalbum mitgenommen, das dann schließlich innerhalb von sechs Tagen live mit Produzent Tobias Fröberg aufgenommen wurde: „Ich habe gelernt, dass ich mir Zeit lassen und noch konsequenter auf mich hören darf.‟ Entsprechend zentral ist ihre Stimme hier, begleitet von sanft-eleganten Instrumenten, die wunderbar zur Sensibilität dieses Lieds passen. Wer will, kann übrigens gerne Parallelen zu Suzanne Vega erkennen, für die Alin Coen auch schon das Vorprogramm bestritten hat.

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