Hingehört: Thomas Azier – „Hylas“


Auf dem Debüt von Thomas Azier stimmt nur das coole Drumherum.

Auf dem Debüt von Thomas Azier stimmt nur das coole Drumherum.

Künstler Thomas Azier
Album Hylas
Label Caroline International
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Categorizations are funny beasts“, hat der überaus weise William Fitzsimmons vor einer Weile in einem Interview mit mir gesagt. Das stimmt natürlich. Ich möchte hier trotzdem eine neue Kategorie von Musikern einführen, sozusagen die Geburt eines ganz eigenen Genres propagieren: NNN. Ich habe es selbst erfunden, es steht für: Netzwerker, Nervensägen, Nettigkeit.

Wer NNN nicht auf Anhieb versteht, bekommt mit Thomas Azier ein wunderbares Beispiel geliefert. Der niederländische Musiker und Produzent, der seit 2007 in Berlin lebt, wird von seiner Plattenfirma bestimmt als Netzwerker geschätzt. Für alle anderen kommt er mit dieser Eigenschaft aber höchstwahrscheinlich als Nervensäge rüber. Und aus Nettigkeit (oder um ihn endlich loszuwerden), lassen ihm andere Musiker dann irgendeine Form der Anerkennung oder Zusammenarbeit angedeihen.

So hat es, zumindest laut meiner Theorie, Thomas Azier nun bis zu seinem Debütalbum Hylas geschafft. Mehr als fünf Jahre hat er daran gearbeitet (oder aber: so lange musste er der Welt auf die Nerven gehen, bis endlich jemand diese Platte herausbrachte), zuvor hat er unter anderem für Casper und Stromae gearbeitet und eine Europa-Tournee mit Woodkid absolviert (oder aber: deren Nerven strapaziert).

Channy Leaneagh von Polica ist noch eine gute Vertreterin für das NNN-Genre, ebenso wie bei ihr fragt man sich auch bei Thomas Azier, wie man mit so irrelevanter Musik so viel Aufmerksamkeit erzielen kann. Hylas bietet vollkommen überflüssigen Elektropop mit viel Pathos und einigen Peinlichkeiten. Das wichtigste Rezept lautet „Jimmy Somerville singt zu den schlechtesten Backingtracks von Depeche Mode.Angelene ist das sechste Lied des Albums und zu diesem Zeitpunkt schon das dritte mit einem hohlen Ahaha- oder Uhuhu-Refrain. Ein Lied wie Red Eyes hätte man schon vor zehn Jahren selbst Nino de Angelo um die Ohren gehauen. Futuresound klingt wie eine Industrial-Variante von Modern Talking. Shadow Of The Sun und Golden Wave sind einfach nur Schmonzes.

Selbstverständlich hat Thomas Azier, das ist wichtig bei NNN, wenigstens cooles Drumherum zu dieser erbärmlichen Musik zu bieten. Das fängt bei der Geschichte vom Holländer an, der sich auf eigene Faust auf den Weg ins hippe Berlin machte. Das geht weiter beim bedeutend klingenden Albumtitel: Hylas ist der jugendliche Kampfgefährte von Herakles, nach ihm hatte Thomas Azier schon seine beiden 2012er EPs Hylas 001 und Hylas 002 benannt (angesichts dieser Nummerierung muss man wohl befürchten, dass da noch 997 EPs folgen werden). Und es bildet sich natürlich auch in der Entstehungsgeschichte des Albums ab.

Hylas wurde aufgenommen in einer umgebauten Fabrikhalle in Berlin-Lichtenberg, die früher eine DDR-Gießerei beherbergt hat und als Produktionsstätte für Glocken für den Moskauer Kreml oder für Trabi-Ersatzteile diente. „Wir haben sehr viel mit diesem alten Metallschrott herum experimentiert“, sagt Thomas Azier. „Ausgewählte Teile finden sich auf verfremdete Art in fast jedem Song wieder. Außerdem war es mir extrem wichtig, den natürlichen Raumklang dieser riesigen Etage einzufangen. Es gibt auf diesem Album keine künstlichen Effekte, alles ist echter, mit unzähligen Mikros aufgenommener Natur-Hall.“

Besser macht das die Musik freilich nicht. Ghostcity packt ein bisschen mehr Fleisch ans Beat-Gerippe als die anderen Tracks, Verwandlung („Oha, Kafka!“, soll man da wohl denken) samplet ein Telefongespräch, Rukeli’s Last Dance hat den besten Refrain des Albums zu bieten und How To Disappear ist einer von vielen Hurts-Momenten, gepaart mit einer OMD-Gedächtnismelodie. Doch überall fehlen Überraschungen, Tiefgang und Substanz.

„Niemand hat heute mehr richtige Geschichten zu erzählen – ich will in den Songs etwas Echtes mitteilen“, sagt Thomas Azier zwar, aber seine Lieder scheitern völlig an diesem Authentizitäts-Anspruch. Yearn Yearn klingt, als habe man einem sehr untalentierten Schauspielschüler gesagt, er soll den Sound der neun vorhergehenden Tracks jetzt bitte noch einmal mit richtig viel Gefühl verkörpern, Sirens Of The Citylight (es geht darin um Callboys in Berlin) ist der traurige Schlusspunkt: Wieder gibt es viel Uhuhu, und dazu House, bei dem man versucht ist zu attestieren: Diesem House fehlen Dach, Fenster und Fundament.

Auch im Video zu Angelene gibt es reichlich Pathos. Und ein Moped.

Homepage von Thomas Azier.

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