Primal Scream – „Riot City Blues“ 2


Künstler Primal Scream

Auf „Riot City Blues“ geben Primal Scream wieder die jungen Rabauken. Und kommen damit durch.

Album Riot City Blues
Label Sony
Erscheinungsjahr 2006
Bewertung

Mein Gott, ist das peinlich. Diese Menschen sind alt genug, um die Väter der auch nicht mehr blutjungen Kaiser Chiefs zu sein. Sie haben in Bands gespielt (Stone Roses, Jesus & Mary Chain), zu denen wahrscheinlich noch die Väter der Arctic Monkeys getanzt haben. Und nun gerieren sie sich auf Riot City Blues als rüde Rabauken, als rotzige Rebellen. „Never get to bed, never get to heaven“, heißt tatsächlich die erste Zeile des Albums. Anderswo wird der „Rock’N’Roll Doctor“ beschworen und, auch sehr putzig, die „Rock’N’Roll Nurse“. Hi-Hi-Hilfe!

Doch natürlich kommen sie damit durch. Denn dies sind, wir erinnern uns, Primal Scream. Die Band, die 1994 Give Out But Don’t Give Up aufgenommen hat, ein Album, das mehr von der Essenz des Rock’N’Roll enthält als die Pisse von Keith Richards. Die Band, die sich immer wieder selbst erfunden hat. Die Band, die nie auch nur ein bisschen langweilig war und nie wirklich riesig groß.

Wer so viel Mut zum Experiment und zur Opposition gezeigt hat, der darf auch eine Platte aufnehmen, die ein bisschen plump ist, ein bisschen eindimensional und „einfach nur Spaß machen soll“, wie Sänger Bobby Gillespie sagt.

Und, beim heiligen Rock’N’Roll Doctor, Riot City Blues macht einen Heidenspaß. Das fängt mit der Single Country Girl an, die eine unfassbare Energie hat. Zunächst wie ein Brummkreisel, dann im Refrain wie ein Brummkreisel, der zusätzlich hüpft und Salti schlägt, und beim Mandolinen-Break wie ein Brummkreisel, der Funken sprüht.

Das furiose Suicide Sally & Johnny Guitar (angeblich ein Stück über Kate und Pete) wird von Alison Mosshart (The Kills) und einer fast unscheinbaren Fuzz-Gitarre versüßt. Das noch furiosere The 99th Floor klingt wie Elvis auf Acid und schafft es, die Mundharmonika keinen Ton zu viel spielen zu lassen. Dolls (Sweet Rock And Roll) ist genauso plakativ, wie der Titel es vermuten lässt. Doch Gillespie singt die Zeile „Let’s have a good time“ mit so viel Inbrunst, dass die Begriffe „lächerlich“ (oder gar „Ironie“) plötzlich völlig aus dem Wortschatz des Hörers verschwinden.

When The Bomb Drops und Little Death sind keineswegs stupide Kracher, sondern lassen in Ansätzen die Psychedelik und Sound-Spielereien erkennen, die Primal Scream auf ihren elektronischen Platten gepflegt haben. Die Geige auf Hell’s Comin‘ Down ist so verdammt fantastisch, dass man sich sofort einen Cowboyhut aufsetzen und Square-Dance mit der dicksten Frau im Saloon tanzen möchte. Nüchtern.

Der Rausschmeißer Sometimes I Feel So Lonely ist nicht nur todtraurig, sondern wird von einem hingehauchten Banjo veredelt und bekommt von einem French Horn die Krone aufgesetzt.

Das zeigt schon: Wenn Primal Scream den Rock’N’Roll feiern, kommt zur puren Wucht eines stampfenden Boogies längst auch eine erstaunliche Musikalität hinzu, eine Stilsicherheit, eine Kenner- und Könnerschaft, die ihresgleichen sucht. Und die Jungspunde wohl niemals hinbekommen würden.

Noch einer, der gerne noch ein bisschen jünger wäre: Jools Holland begrüßt Primal Scream äußerst enthusiastisch in seiner Show, und die spielen dann Country Girl:

Primal Scream bei MySpace.


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