Larry Gus – „Years Not Living“


Künstler Larry Gus

Larry Gus Years Not Living Review Kritik

85 Songs umfasst das Ausgangsmaterial für „Years Not Living“.

Album Years Not Living
Label DFA
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Merely Today ist der Track auf diesem Album, der am deutlichsten die Arbeitsweise von Panagiotis Melidis alias Larry Gus zeigt: Es erklingen Trommeln und Gesang wie aus einem Stammesritual, dazu seine Heliumstimme und Blechbläser, die dem Wahnsinn sehr nahe zu sein scheinen, schließlich ein TripHop-Beat. Der Mann aus Griechenland (Larry Gus nennt er sich seit 2006, weil es wie λάρυγγας klingt, das griechische Wort für Kehlkopf) hat auch auf seinem zweiten Album eine sehr klare Methode: Es ist das Prinzip Overkill.

Man könnte das für plump halten, aber das wäre weit verfehlt. Denn die schiere Quantität betrifft auf Years Not Living eindeutig auch die musikalische Intelligenz und den gedanklichen Horizont. Nach seinem Debüt Stitches (2009) studierte Larry Gus eine Weile in Barcelona, wieder zuhause, entstanden gleich 85 Songs als Ausgangsmaterial für diese Platte. Das Spektrum reicht von The Percival Seascapes, das Weltmusik-Anklänge hat, über The Sun Plagues, in dem sich sein Sound noch etwas mehr in Richtung abstrakter Klangmalerei bewegt, bis hin zu Pericles: Eine E-Gitarre, die dem Grab (oder Archiv) von Jimi Hendrix entsprungen scheint, wird in diesem Track von Tribal-Electro-Sounds abrupt zur Seite geschoben. Am Ende kämpft sie sich, begleitet von einer bedrohlich tiefergelegten Stimme, noch einmal zurück.

Vor seinen Solo-Aktivitäten war Larry Gus in einer Band namens Ginger aktiv, und dass schon damals vor allem der Rhythmus im Zentrum stand, ist auch auf Years Not Living unverkennbar. Im Opener With All Your Eyes Look ist der Bass sehr bestimmt, der Rest des Rhythmus‘ allerdings maximal verspielt. Nach und nach entsteht innerhalb des Stücks ein Karneval an Sounds – das wäre gut auch von Hot Chip oder noch besser von deren Kompagnon Raf Rundell vorstellbar. Auch im folgenden The Night Patrols (A Man Asleep) scheint die Bassfigur am Beginn der Songidee gestanden zu haben, fast ebenso auffällig sind die Percussions und das Spiel mit vielen Gesangsstimmen.

Taxonomies wird rund um einen Gitarrenloop aufgebaut und ist das erste prominente Beispiel auf Years Not Living für die Vorliebe von Larry Gus für ekstatische Bläser (vor allem Free Jazz aus der Zeit um 1970 hat es ihm angetan, sagt der Grieche). Gegen Ende ist das Lied kurz auf dem Weg zu einer Sixties-Soul-Hymne, der dann aber doch abgebrochen wird. Der Bass als das Instrument, das diesen Tracks die nötige Struktur verleiht, ist auch im besten Song der Platte zu erkennen: Paths Laid Down bietet weniger Instrumente, dafür mehr Geheimnis und eine extrem stilsichere Ästhetik, wie man das etwa von der Beta Band kennt.

Ein fast eingängiger Moment von Years Not Living ist auch das heitere und luftige In Violent Ink (Misprints): Auch das ist kein konventioneller Song, aber er hat etwas, das man leicht schön finden kann. The Eternal And The Ephemeral hat ebenfalls eine einnehmende Atmosphäre durch die Klavierfigur und den gradlinigen, aber dezenten HipHop-Beat, natürlich gönnt sich Larry Gus aber auch hier zwischendurch ein bisschen Kakophonie.

Das ist nicht nur interessant und (zumindest gelegentlich) tanzbar, sondern auch originell und clever. Wer zum Overkill auch noch die visuelle Komponente braucht, kommt übrigens auch auf seine Kosten: Die Entstehung des Albums wurde für den Film My Friend Larry Gus (Regie: Vasilis Katsoupis) dokumentiert.

Ein Trailer zum begleitenden Doku-Film:

Larry Gus bei Facebook.

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