Marc Huttenlocher und Sebastian Schwaigert – „Potzblitz“


Herausgeber Marc Huttenlocher und Sebastian Schwaigert

Marc Huttenlocher Sebastian Schwaigert Potzblitz Kritik Rezension

„Potzblitz“ versammelt Liebeserklärungen an den Liveclub.

Titel Potzblitz – 31 + 1 Erleuchtende Liebeserklärungen an meinen Liveclub
Verlag Ubooks
Erscheinungsjahr 2021
Bewertung

Ich komme eine Viertelstunde vor der offiziellen Startzeit, doch die Band, die ich unbedingt sehen will, hat wegen einer kurzfristig geänderten Reihenfolge des Programms schon gespielt. Der Türsteher will mich erst nicht reinlassen, weil er vermutet, ich hätte letztes Mal mit seiner Ex geknutscht. Ich stehe so lange für ein Flaschenbier an, dass ich drei Viertel der nächsten Show verpasse. Im Gedränge vor der Bühne brennt mir jemand ein Loch ins T-Shirt. Durch zu langen Aufenthalt direkt vor der PA trage ich einen Tinnitus davon. Im Klo rutsche ich beinahe in einer Lache aus Pisse aus. Als ich nach Hause will, ist meine Jacke geklaut, inklusive Haustürschlüssel.

Zum Glück ist all das nicht am selben Abend passiert, aber es sind durchweg Erlebnisse aus verschiedenen Besuchen in meinem persönlichen Lieblings-Live-Club. Nach solchen Nächten fragt man sich natürlich, was am Konzept eines oft nicht sehr gemütlichen Raumes, an dem oft viel zu laute Musik vor entweder viel zu wenigen oder viel zu vielen Fans gespielt wird, so grandios sein soll. Und nach rund anderthalb Jahren, in denen Corona-bedingt fast keine Besuche kleiner Indoor-Shows (oder von Konzerten generell) möglich waren, kann man die Antwort darauf womöglich sogar vergessen haben. Für alle, die eine Auffrischung ihres Gedächtnisses brauchen, haben Marc Huttenlocher und Sebastian Schwaigert als Herausgeber Potzblitz gemacht und darin – so der Untertitel – 31 + 1 Erleuchtenden Liebeserklärungen an meinen Liveclub zusammengetragen.

Das morgen erscheinende Buch ist die Fortsetzung eines Konzepts, für dessen ersten Teil die beiden Initatoren (sie spielen auch zusammen in Bands wie Go Go Gazelle oder Benzin) noch Huldigungen an die Popmusik im Allgemeinen versammelt hatten. Diesmal erinnern sich Musiker*innen, ergänzt durch ein paar andere Kunstschaffende, an die Bühnen, Abende und Locations, die sie geprägt haben. Zu den prominentesten gehören Markus Kavka, Mark Benecke, Frank Goosen oder Mitglieder von Heaven Shall Burn, Slime, ZSK oder den Goldenen Zitronen. Die Herausgeber beschreiben den Pool der Autor*innen treffend als „alles Leute mit klarem Verstand, die unsere Clubszene hierzulande leben und mit diesem Projekt am Leben halten wollen“.

Manchmal steht dabei die soziokulturelle Aufgabe von Liveclubs im Mittelpunkt (ohne solche Orte „wüssten wir gar nicht, wo wir uns treffen könnten“, schreiben Marco & Rodi von 100 Kilo Herz), oft wird auch sehr deutlich, wie wichtig diese Räume nicht nur für die Ausbildung des eigenen Musikgeschmacks oder die ersten eigenen Gehversuche als Künstler*in sind, sondern auch als Zufluchtsort, Treffpunkt mit Gleichgesinnten oder eben einfach für ultimatives Amüsement. „Tagsüber war es ein städtischer Jugendclub, abends zuweilen ein Vorort der Hölle in ihrer schönsten Version“, bringt Autor Dirk Bernemann diese verschiedenen Inkarnationen in seinem Beitrag auf den Punkt.

Potzblitz ist in seiner Definition von „Liveclub“ dabei nicht allzu streng, auch das Format „Liebeserklärung“ wird von den Autor*innen sehr unterschiedlich interpretiert, wobei das Spektrum von eher uninspirierten Beiträgen (Ines Maybaum von den Broilers) über analytisch-philosophische Betrachtungen wie von Schorsch Kamerun bis hin zu einem Gedicht (von Götz Widmann) reicht. Manchmal geht es nicht um einen spezifischen Club, sondern um ein Konzerterlebnis, das dann sogar Open Air in der Plattenbausiedlung stattfinden kann wie bei der Erinnerung von Ben Hartmann (Milliarden) als kleiner Junge bei den Puhdys oder den Erlebnissen aus der Anfangszeit von Hi! Spencer im Bierzelt. Manchmal sind die (zu sehr geringem Teil bereits anderswo veröffentlichten) Texte auch eher Geschichten aus dem Tour- oder Nachtleben ohne Bezug zu einer konkrekten Show oder einem herausragenden Auftrittsort.

Zwei Effekte werden dabei durch Potzblitz besonders deutlich. Erstens kann man hier – vielleicht ist da bedingt durch die Pandemie auch ein wenig Verklärung dabei – einen enormen Zusammenhalt innerhalb der Branche erkennen, die tatsächlich als Community, beinahe als Familie erscheint. Andy Schmaus (Elfmorgen) nennt die darin Tätigen schlicht „die besten Menschen überhaupt“, und begründet dieses Urteil dann auch noch einleuchtend: „Egal ob andere Bands, Ladenbesitzer, Thekenpersonal, Securitys, Konzertbesucher oder Ton- und Lichttechniker – Menschen, die mit Musik zu tun haben, sie hören oder sie machen, sind wie ein großer Haufen Freunde, denn sie alle teilen diese Leidenschaft.“ Singer-Songwriter Philip Bradatsch liegt mit seiner Diagnose völlig richtig, wenn er feststellt: „Wir Musiker sind in der Geschichte dieses Buchs nicht die Helden. (…) Die Helden sind die, die uns auf diese Bühnen stellen“, bevor er angesichts legendärer Locations zum Schluss kommt: „Der Geist steckt in den Menschen, nicht in den Mauern.“

Zweitens wird die Sehnsucht nach diesem Spirit überdeutlich, denn Corona hat natürlich nicht nur Pläne durchkreuzt und Einnahmen gekostet, sondern unendlich viele Begegnungen verhindert, legendäre Abende, fieberhaft erwartete Wiedersehen und sicher auch das eine oder andere Erweckungserlebnis. Gleich in dreifacher Hinsicht passt dieses Buch deshalb perfekt in die Zeit von Covid-19: Es unterstreicht die Bedeutung dieser Locations, hilft ihnen zugleich (die Erlöse gehen an die Bundesstiftung Livekultur zur Unterstützung der Club-Szene in Deutschland) und funktioniert bei der Lektüre nicht zuletzt als Ersatzdroge für all die entgangenen Konzerterlebnisse. Das ist die wichtigste Botschaft von Potzblitz – 31 + 1 Erleuchtende Liebeserklärungen an meinen Liveclub: Die Spielstätten, die hier abgefeiert werden, sind kreative Keimzellen, wichtige Arbeitgeber, vor allem aber Orte, die eine Biografie prägen können wie wenig andere.

Das beste Zitat stammt von Philip Bradatsch: „Musik bedeutet Hoffnung, Zukunft, die Geschichten, die wir uns später einmal erzählen können. In Songs kann man wohnen. Man kann sich in ihnen einrichten. Sich in ihnen verkriechen. Sich an ihnen ausrichten wie an Fixsternen. (…) Und deswegen sind die Orte, an denen wir sie spielen, heilige Orte, zumindest für mich. Tempel. Kathedralen des Rausches, der Schwermut, der Wehmut, des Glücks.“

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